| | Montag, den 26. 06. 2000 - 14:25 Antisemitismus - ein erster Versuch der Begriffsklärung... Wenn ich mich richtig erinnere, sind "die Juden" nur ein teil der Semiten (Araber, Drusen usw. gehören m.W. auch dazu). Das würde dann wohl bedeuten, daß der Begriff "Antisemitismus" mit Bezug nur auf "die Juden" nicht ganz richtig verwendet wird, oder ? (die Anführungszeichen sind mit Bedacht gesetzt worden, Vorschläge für eine bessere Formulierung nehmen ich gerne an...)
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| | Montag, den 26. 06. 2000 - 15:04 Ein solch lexikalischer Ansatz führt wohl nicht viel weiter. Schließlich ist ein Antihumanist ja auch kein Menschengegner, ein Antiintellektueller kein Mensch, der das Denken als solches ablehnt und so fort. Natürlich hat sich der Antisemitismus, anders als Du vermutest, immer auf die Juden, und eben nur auf diese bezogen. Deswegen wird der Begriff auch als Fehlbildung bezeichnet, da er erstens auf der Verwechslung der Sprachgemeinschaft der Semiten mit einer Volksgemeinschaft beruht, sowie zweitens wegen der eingeschränkten Begriffnutzung. Antisemiten sind Gegner der Juden, nicht aber anderer semitischer Gruppen, wie beispielsweise der Araber. (Einen Quellennachweis liefere ich hier nicht, dies ist allgemeiner Stand quer durch die Lexika.) Der Antisemitismus wurde systematisch und ideologisch erst im 19. Jahrhundert begründet, er ist der zur Zeit der erwachenden Nationalismen und auch als Reaktion auf die damalige jüdische Emanzipation renovierte alte Judenhaß, der sich teils aus allgemeiner Fremdenfeindlichkeit, teils aus spezifisch christlichen Motiven durch die Jahrtausende schleifte, und der jetzt durch einen falsch verstandenen Darwinismus und einen ebenso falsch gefüllten Rassebegriff zusätzlich 'abgesichert' wurde. (die Anführungszeichen sind mit Bedacht gesetzt worden, Vorschläge für eine bessere Formulierung nehmen ich gerne an...) Anführungszeichen? Wozu? Die Juden sind als Begriff und als Tatsache so unstrittig wie die Existenz des Antisemitismus. Der aus der jüdischen Rundschau herrührende Einleitungstext fragt eher nach der konkreten Begriffsverwendung, aufsetzend auf der von von mir eben skizzierten Begriffsbedeutung. Also: * Ist Antizionismus eine Spielart des Antisemitismus? * Hat Henryk M. Broder recht mit seiner Behauptung eines spezifisch linken Antisemitismus? * Kann einer im religiösen Sinne antijüdisch sein, ohne zum Antisemiten zu werden? * Ist die Definition 'jüdisch' überhaupt genehmigungsfähig für Nicht-Dazugehörige ? Oder ist beispielsweise die Bezeichnung 'als von Juden abstammend' gleich 'jüdisch' bereits ausgrenzend, das Auszugrenzende erst schaffend, und somit antisemitisch?
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| | Freitag, den 30. 06. 2000 - 17:43 Schalom Rolf Kießling! Ich habe mitgearbeitet, um das "Was ist Antisemitismus?" Forum zu öffnen, also hier ist meine Antwort an deine Frage. Ich zitiere: Die Juden bilden in jeder Kultur einen Fremdkörper, weil sie sich aus religiösen Gründen in keine anderen Gesellschaften integrieren. Was soll man von dieser Aussage halten? Ist sie zutreffend oder falsch? Oder teilweise richtig, teilweise falsch? Unbedacht oder wohlüberlegt? Historisch-politisch-soziologisch berechtigt oder unhaltbar? Darf man eine solche Aussage überhaupt zur Diskussion stellen? Ich meine: Man sollte darüber diskutieren. Spielt beim Urteil über die Qualität dieser Aussage die Person ein Rolle, die diesen Satz geschrieben hat? Ist es wichtig, welchem "Lager" der Autor dieses Satzes angehört? Für die Antisemitismus-Experten in HD ist das offenbar das ausschlaggebende Kriterium. Ich fange an mit deinem letzten Abschnitt. Jawohl, es ist wichtig, wer den Satz geschrieben hat. Sein Alter, seine Ausbildung, seine Umgebung, seine politische Orientierung, sein Publikum, der ganze Zusammenhang, alles spielt eine Rolle. Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich bei der Uni Tel-Aviv mein MA Thesis schrieb, gab ich unter anderen Englisch Privatunterricht den Kindern einigen egyptischen Diplomaten. Mit den Müttern habe ich mich schnell befreundet. Eine hat mir besonders gut gefallen. Sie hatte zwei Kinder, 12 und 6. Sie war in allen Hinsichten eine sehr feine Frau und wir plauderten gern zusammen. Einmal hat sie mir das Folgende erzählt: "Als meine Kinder hörten, dass wir nach Israel gehen müssen, haben sie mich gefragt: ‚Was sind denn die Israelis? Sind sie auch Menschen? Haben sie auch zwei Arme und zwei Beine wie wir? Sehen sie aus sowie wir oder anders?' Stell dir vor, was sie mich fragen konnten!" sagte sie verlegen. Der Zusammenhang, in dem die Kinder diese Frage stellten war das folgende: Ungefähr vierzig Jahre Krieg mit Israel. Die Medien forderten Feindschaft gegen Israel. Die Zeitungen hatten die schlimmsten deutschen antisemitischen Karikaturen und Klischeen aller Sorten vom 19.Jh bis zum 2.Weltkrieg übernommen und regelmäßig benutzt. Manche Aufgaben in den egyptischen Mathebücher für die Grundschule lauteten: "Was gibt 5 tote Israelis + 4 tote Israelis?" usw usw. Die Kinder wurden in dieser Atmosphäre erzogen. Kein Wunder, dass sie nicht sicher waren, ob die Israelis Menschen sind oder nicht. Die gleiche Frage haben die Christen im Mittelalter gestellt. Leider waren sie bis weit ins 20. Jh. noch immer nicht ganz sicher, ob die Juden Menschen sind oder nicht. So kommen wir zu dem von dir zitierten Satz. Wir befinden uns im Westeuropa, Ende des 20. Jh und hier und nun sollte jeder Mensch mindestens soviel wissen: JEDE solche Aussage ist falsch. Natürlich sollte man darüber diskutieren, weil diese Tatsache offensichtlich nicht allen bekannt ist. Sowohl die von dir zitierte wie auch andere ähnliche Aussagen sind Produkte des judenfeindlichen Bildes, das das Christentum über die Jahrhunderte gebaut und kultiviert hat. Der Jude ist die älteste und bekannteste Darstellung des ANDEREN in der westlichen Kultur. Die Juden wurden immer verdächtig in den Augen der Christen. Ein paar mittelalterliche Klischeen: (1) Der jüdische Mann war beschnitten, also er hatte eine Blutung, dann war er irgendwie weiblich. Manche behaupteten, das war eine monatliche Blutung, andere, dass der jüdische Mann vier Mal im Leben blutete! (2) Aber beschnitten heißt auch kastriert. Der Jude war es zwar nicht, aber er konnte das anderen antun. (3) Die Juden schlachteten die Tiere, die für Fleischkonsum bestimmt waren mit dem gleichen Messer, mit dem sie die Beschneidung durchführten. Eine deutsche Zeitschrift Anfang des 19. Jh. zeigte eine Karikatur Davids, der Goliath mit einem Beschneidungsmesser geköpft hatte. Siehe das Buch "Der schejne Jid. Das Bild des jüdischen Körpers in Mythos und Ritual", da findest du diese und andere Karikaturen. (4) Die jüdische Frau hatte nie genug Sex, sie war ihrem Mann mit jedem Besucher untreu, sie war eine ausgesprochene Hur. Ein modernes (18-19. Jh und später) Klischee: Die Juden können die deutsche Sprache nicht beherrschen, ihre wahre Sprache ist Jiddisch, eine degenerierte Form der deutschen Sprache. Heinrich Heine schrieb, oder hatte schon geschrieben in der Zeit, um nur ein Beispiel zu geben, aber sein Stil war doch zu liberal, zu fremd. Wenn ich ihn schon erwähnt habe: Börne und Heine hatten schwere Identitätsprobleme. Deutsche waren sie nicht, mit den Juden sich identifizieren konnten sie auch nicht ganz, denn sie hatten das hochproblematische, eher negative christliche Bild des Juden zusammen mit der deutschen Kultur übernommen. Der Jude war schmutzig, er stank nach Knoblauch, er steckte im lausigen Frankfurt Ghetto, er sprach seine vulgäre Sprache. Der Jude war der Außenseiter, widerlich in jeder Hinsicht. Wenn ein Jude "gut" sein wollte, dann musste er kein Jude mehr sein, aber das war wieder unmöglich: Viele haben sich getauft, aber ihre wahre Identität stank zum Himmel: In Spanien wurden die Konvertierten "Marranos" (Schweine) genannt, Luther konnte sie ebenfalls nicht riechen, in Deutschland im 18-19. Jh waren die getauften Juden doch keine Deutsche. Ihre Abstammung war entscheidend, ihre Sprache, ihre Manieren, ihr Knoblauchgeruch, alles verriet sie als Juden. August von Platen, ein romantischer Dichter und Homosexuell, sagte von Heine: "Ich könnte sein Freund sein, aber nicht ihn küssen; weil sein Atem nach Knoblauch stinkt." Das passte Heine keineswegs. Heine wollte keinen Mann küssen und von Platen erst recht nicht. Im Gegenteil, er hat ihn gnadenlos in einer seiner Werke angegriffen. Also nochmal zu dem zitierten Satz: Ursprünglich war der Konflikt mit den Juden religiös. Der Ursprung liegt aber gute zweitausend Jahre zurück, später wurde davon ein Bild entwickelt, das die christliche Kultur geprägt hat. Der Jude, mit oder ohne seine Religion, war der negative Andere. Das Perverse in der oben zitierte Aussage ist, dass sie natürlich auch zutreffend sein kann, wie jede Aussage, zB "Die Juden sind Diebe" - sicher gibt es jüdische Diebe. "Die Juden sind Geldverleiher" - sicher gibt es jüdische Geldverleiher usw. Es gab mit Sicherheit auch genug Juden, die sich nicht integrierten, aber meistens wurde ihnen die Integration unmöglich gemacht. Natürlich wirkt das Verbot in beiden Richtungen: Wenn man den Anderen ausschließt, dann ist er ausgeschlossen. Wenn man ihm ständig Schulden findet, dann fühlt er sich schuldig. Wenn man ihn isoliert, dann isoliert er sich. Wenn du mehr wissen willst, bist willkommen zu fragen. Sei gesund und herzliche Grüße von einem Fremdkörper! PS Ich esse Knoblauch gern.
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| | Freitag, den 30. 06. 2000 - 22:06 Da es hier ja unter anderem auch um die Instrumentalisierung von Begriffen geht, hier ein kleines Beispiel: Der Zusammenhang mit den Opfern der Nazis ist Ihrem Kopf entsprungen. Nichtsdestotrotz war doch auch in jener Zeit das Denken in abdomale Regionen verlegt, oder nicht ? Irgendwie scheinen die Begriffe Antisemitismus und Nazi in einer automatistischen Weise verknuepft zu sein. Wie ein Knopf, auf den man drueckt und schon spielen sich Interpretationssequenzen ab, die in der Regel auch mit starkem Gefuehlserleben verknuepft sind. Ursprünglich war der Konflikt mit den Juden religiös. Irgendwie scheint mir dieser Konflikt weiterhin zu schwelen. Fuer mich ist Juedisch zu aller erst eine Religion. Wie sollte ich denn einen Juden erkennen koennen, wenn er mir auf der Strasse begegnet? Vielleicht an seiner Kippa. Aber ebenso erkennbar an solchen aeusseren Merkmalen sind fuer mich Christen, so sie das sichtbare Mahl des Kreuzes tragen, oder weibliche Muslime mit Kopftuechern. Prister und Nonnen sind ebenso erkennbar. Bagwans frueher auch wegen ihrer orangen Kleidung. Uniformierung eben. Wozu ich mich allerdings ausser Standes fuehle, ist die Zuordnung einer Religion zu einer bestimmten Ethnie. Aber das mag an meiner Einstellung liegen. Ich fand es immer schon absurd, sich auf Grund des persoenlichen Geburtszufalls als X oder Y zu definieren. Warum ist es so schwer, zu erkennen, dass alle Menschen auf ein und dem selben Planeten leben und durch den selben? Was haben nun meine Ausfuehrungen mit Antisemetismus zu tun? Ganz einfach, als deutschgeborener bin ich aufgerufen, mich damit zu beschaeftigen. Und das habe ich berufungsmaessig auch getan. Z.B. hier: AUFRUF ZUR T'FILAH! Sa'akti elekha! Beruhigend an der juedischen Weltsicht ist, dass ich als Unglaeubiger nicht automatisch in die Hoelle verfrachtet werde, sondern Aufnahme finde in das Ewige Sein, wenn ich denn ein gerechtes Leben gelebt habe. Und Mission ist da, glaube ich zumindest, untersagt oder?
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| | Samstag, den 01. 07. 2000 - 14:26 Bernd, 26.Juni: Wenn ich mich richtig erinnere, sind "die Juden" nur ein Teil der Semiten (Araber, Drusen usw. gehören m.W. auch dazu). Das würde dann wohl bedeuten, daß der Begriff "Antisemitismus" mit Bezug nur auf "die Juden" nicht ganz richtig verwendet wird, oder ? So erklärt die Encyclopaedia Judaica den Ursprung des Wortes: Antisemitism, ein Begriff in 1879 aus den griechischen anti = gegen und sem = Semit vom deutschen Agitator Wilhelm Marr erfunden um die europäischen antijüdischen Kampagnen jener Zeit zu bezeichnen. "Antisemitism" bekam bald allgemeine Verwendung als Bezeichnung jeder Form der Judenfeindschaft, die sich die ganze Geschichte hindurch offenbart hat. Es wird oft mit einem Adjektiv verwendet um die spezifische Ursache, Natur oder Erklärung eines antijüdischen Ausdrucks, Gefühls oder einer solchen Tat zu bezeichnen, zB: "wirtschaftlicher A", "gesellschaftlicher A", "rassischer A". Der Begriff wurde also ausdrücklich für die Judenfeindschaft erfunden. Hans Guenter Fuer mich ist Juedisch zu aller erst eine Religion. Das ist, wie ich in einem anderen Forum sagte, nicht eindeutig. Ich gab da das Beispiel Bertrand Russells, der in 1927 ein Buch veröffentlichen konnte, das "Why I am not a Christian" hieß. Ein Jude, egal wie ungläubig er ist, kann nie ein Buch schreiben, das "Why I am not a Jew" heißt, denn "Jude" ist sowohl Nationalität als auch Religion. Vielleicht haben sich die anderen Religionen weit verbreitet, während die Juden alleine mit ihrer Religion blieben, vielleicht gibt es eine andere historische Ursache, ich muß nachschauen. Die Tatsache heute ist, dass "Jude" Volk- und Religionsbezeichnung ist. Das wird heute von manchen bestritten, und mit Recht. Um nur ein beispiel von Deutschland zu geben, nach der Emanzipation konvertierten sich viele Juden und es nützte ihnen nichts, sie wurden dafür keine Deutsche, sowie sie gehofft hatten und sie wurden von der christilich-deutschen Gesellschaft nicht besser akzeptiert. Davon kann man nachvollziehen, dass für die ethnische Mehrheit die Religion der Minderheit keine wichtigere Rolle als ihre Ethnie spielte. Was haben nun meine Ausfuehrungen mit Antisemitismus zu tun? Ganz einfach, als deutschgeborener bin ich aufgerufen, mich damit zu beschaeftigen. Nicht nur als Deutschgeborener. Als Franzose, Holländer, Russe etc hättest du dasgleiche zu tun. Heute befassen sich alle mehr oder weniger damit, denn Juden waren und teilweise sind in der Geschichte fast jedes Volkes anwesend und überall im Christentum waren sie ein Problem (unter den Moslems ging es ihnen meistens wesentlich besser). Nach dem Krieg hat allmählich überall Forschung in "jüdischen Studien" angefangen, natürlich meistens in Amerika, aber auch in anderen Ländern. Noch mehr: Als Jude hättest du wieder dasgleiche zu tun, denn das Selbstbild der Juden, durch die europäischen Kulturen ausgeliefert, war sehr deformiert und es ist bis heute extrem schwierig, ein "wahres", also neutrales Bild der Juden zu bekommen. Das war zu erwarten, weil der Zusammenhang, in dem die Juden gelebt haben schon etwa 1600 Jahre nicht mehr neutral ist. Und Mission ist da, glaube ich zumindest, untersagt oder? Ja. Es ist ziemlich schwierig, zum Judentum zu übertreten. Eine holländische Studentin zB erzählte mir in Israel, dass sie zwei Jahre dafür gebraucht hatte.
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| | Dienstag, den 04. 07. 2000 - 01:08 In meinem Beitrag vom 30.Juni ist Punkt 3 (mittelalterliche judenfeindliche Klischeen) total falsch. Ich korrigiere: das Klischee war nicht das Durchführen von Beschneidung und Tierschlacht mit dem gleichen Messer, sondern die Paarung von ritueller Schlachtung (Schächten) und Ritualmord. Die Ritualmordverleumdung - zB christiliche Kinder, derer Blut für das jüdische Osternbrot nötig war, ist ja bekannt. Die Quelle, die ich gab ist auch falsch. Das Buch ist zwar auch von Sander Gilman, aber es heißt "Franz Kafka, the Jewish Patient". Die Karikatur war nicht von einer deutschen, sondern von der (deutsch)schweizerischen Zeitschrift "Der Nebelspalter" und nicht vom Anfang des 19. Jh, sondern von 1893. Da ich Quelle und Information in solchem Maße durcheinander brachte, bin ich jetzt vorsichtiger und zitiere vom Buch. Also: auf S.145 steht die Karikatur Davids, der gerade den Ritualmord über Goliath mit einem Spitzmesser (Dolch) durchführt. Der Text der Karikatur lautet - oben: "DER ERSTE SCHÄCHTER. (Zur Erinnerung an diese im Bilde dargestellte That ist unsern Quellen zufolge das Schächten bei den Juden zur ewigen Erinnerung eingeführt worden. Zur ewigen Erinnerung soll am 20. August ein anderer Goliath geschächtet werden.)" -und unten: "Heutiger David: ‚Au, wenn's m'r nur nicht nehmen weg mein Messer!' " Nun Gilmans Erklärungen, S.146: "Dieses Bild führt ein die antisemitische Fantasie der Waffe, die die Juden für ihren Ritualmord/Schächten gebrauchten. Es ist kein rituelles Schächtermesser sondern ein gespitzter gebogener Dolch. Solche Spitzmesser sind zentrale Darstellungen von Ritualmord von der frühmodernen Zeit, 15. und 16. Jh., bis zu der infamen Darstellung auf der Frontseite der "Ritualmord"-Ausgabe von Julius Streichers berüchtigten ‚Der Stürmer' vom 1.Mai 1934." Und ein Satz weiter: "Sowohl das rituelle Beschneidungsmesser, wie auch das für das Tierschlachten gebrauchte Messer, ist stumpf eher als gespitzt. Es wäre nutzlos für Stechen; seine scharfe Schneide ist sein bedeutendes Merkmal." Hier kommt ein Foto von drei Schächtermessern, die tatsächlich rechteckig und nicht gespitzt sind. Nur ein Wort an Rolf Kießling. Du schreibst im SpOn: Den Beitrag von Tamara Adler habe ich mit Interesse gelesen & ich werde vielleicht darauf eingehen, aber bestimmt nicht in einem privaten Forum wie HD. Da stimmt etwas nicht. Du warst doch derjenige, der in deinem damaligen Beitrag "die Antisemitismus-Experten in HD" erwähnt hast. Du wolltest also eine Antwort ausdrücklich von diesem Forum. Da steht mein Name oben, also ich bin die erste, die darauf reagieren sollte und ich tue es. Aber dann willst du in diesem Forum doch nicht antworten. Wenn du an die Tür klopfst und ich sage "Herein", dann solltest du auch reinkommen.
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| | Mittwoch, den 26. 07. 2000 - 08:43 Ich habe hier einen Beitrag, den ich hochb.denklich finde. Hochbedenklich insoweit, als daß diese Flachheit des Denkens mir symptomatisch dafür erscheint, daß die meisten Leuten ferngesteuert sind. Ich meine, die steuern sich selber fern. Am Hirn vorbei. Und so wollte ich den Beitrag erst ins Irrationalismusforum verlinken. Aber bei näherem Nachdenken scheint er mir hier besser aufgehoben. Was ist Antisemitismus? Annäherung an eine Antwort: zuerst einmal werden Dummheit, Kritikunfähigkeit und ein irrationales Moment benötigt. Der Rest - findet sich ganz von alleine ein. Ganz Europa wurde mit für die Bürger unverständlichen Judenschutzgesetzen überzogen. Das schafft latenten Hass. (Und was wohl Huck Finn zu dieser Art Nutzung von www.nizkor.org bedenken mag?)
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| | Mittwoch, den 26. 07. 2000 - 16:39 "Was ist Antisemitismus ?" Aus dem Bauch raus würde ich einfach sagen: Feindschaft gegen jüdische Menschen. Diese Antwort wird wohl die meisten nicht zufriedenstellen. "Feindschaft gegen jüdische Menschen" gehört bestimmt irgendwie zum Antisemitismus, ist aber sicherlich zu unbestimmt. Was macht also das eigentliche Wesen des Antisemitismus aus, was ist der genaue Sinn des Wortes "Antisemitismus" ? Ich glaube dass diese Frage zu nichts führt und möchte zu diesem Problem eine Stelle aus Karl Poppers "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" zitieren. (Nebenbei bemerkt:Ich glaube Popper war Jude.) Ausschnitt aus "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" Bd. 2, S. 24, 7. Aufl., Mohr Tübingen: "[zunächst zitiert Popper Crossman, Autor von Plato To-Day]"... wenn wir den Sinn unserer Worte nicht genau kennen, so ist es nicht möglich, eine Frage mit Gewinn zu diskutieren. Die meisten der wertlosen Argumente, an die wir alle Zeit verschwenden, sind im Grunde auf den Umstand zurückzuführen, daß jeder von uns den Worten, die er verwendet, seinen eigenen vagen Sinn gibt und annimmt, daß der Opponent jene Worte im gleichen Sinn verwenden wird. Wenn wir zu Beginn unsere Begriffe definieren würden, dann könnten wir unsere Diskussionen weit einträglicher gestalten. Auch brauchen wir nur die Tageszeitungen zu lesen, um zu beobachten, daß die Propaganda (das moderne Gegenstück der Rhetorik)vor allem davon abhängt, daß sie den Sinn der Begriffe verwirrt. Wenn die Politiker gesetzlich gezwungen würden, jeden Begriff, den sie verwenden wollen, zu definieren, so würden sie einen Großteil ihrer Popularität und ihrer Anzieheungskraft verlieren, ihre Reden würden kürzer sein, und man würde finden, daß viele ihrere Meinungsverschiedenheiten rein verbaler Natur sind."[Zitat Crossman Ende] Diese Stelle ist sehr charakteristisch für eines der Vorurteile, das wir Aristoteles verdanken, für das Vorurteil, daß die Sprache durch die Verwendung von Definitionen genauer gemacht werden kann. Überlegen wir, ob das wirklich der Fall ist. Zunächst ist folgendes klar:"Wenn die Politiker" (oder sonst jemand) "gesetzlich gezwungen würden, jeden Begriff zu definieren, den sie verwenden wollen", so würden ihre Reden nicht kürzer, sondern unendlich lang werden. Denn eine Definition kann den Sinn eines Begriffs ebensowenig begründen, wie ein Beweis oder eine Ableitung die Wahrheit eines Satzes begründen kann; beide können dieses Problem nur verschieben. Die Ableitung verschiebt das Problem der Wahrheit zurück auf die Prämissen, die Definition verschiebt das Problem des Sinnes zurück auf die definierenden Begriffe (das heißt auf jene Begriffe, die die Definitionsformel aufbauen). Aber diese definierenden Begriffe werden aus vielen Gründen höchstwahrscheinlich ebenso vage und verwirrend sein wie die Begriffe, von denen wir ausgegangen sind; und auf jeden Fall müssten wir nun sie selbst definieren, was zu neuen Begriffen führt, die gleichfalls definiert werden müssen. Und so weiter ad infinitum. Man sieht, daß die Forderung der Definition aller unserer Begriffe ebenso unhaltbar ist wie die Forderung des Beweises aller unserer Behauptungen." Soweit der großartige Charly... Ich glaube somit gezeigt zu haben dass meine Definition des Wortes Antisemitismus(siehe oben) nicht weiter führt. Aber das tut keinerlei Definition. So, bin noch ein grüner Neuling hier in diesem schönen Forum und bin für Kommentare, Kritik und leichte Beschimpfungen sehr empfänglich. *trocknetsichhinterdenOhrenab*
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| | Mittwoch, den 26. 07. 2000 - 16:58 Du gehst da aber einen sehr komplizierten Weg. und man würde finden, daß viele ihrere Meinungsverschiedenheiten rein verbaler Natur sind Das würde man allerdings finden, ich finde es täglich und bestätigt noch dazu. Daß man jede Definition wieder hinterfragen muß - geschenkt. Wer wollte das bestreiten. Nur ging es doch gar nicht um eine lexikalische Definition des Begriffs Antisemitismus, sondern um eine inhaltliche. Nein, eigentlich nicht einmal um eine Definition, sondern um eine, sogar um mehrere Füllungen des Begriffs. So wird zweifellos ein Antisemit den Begriff anders füllen, als ein Antiantisemit. Oder ein Jude. Eigentlich fragt Tamara Adler nach den verschiedenen Bedeutungsinhalten des Wortes in den Sprachen verschiedener Leute oder Gruppen von Leuten. Es wird ein Diskurs über den Begriff angestrebt, um seine Verwendung im öffentlich-politischen Diskurs zu tranzendieren. Letztlich gebe ich Dir natürlich wieder recht: Ich glaube somit gezeigt zu haben dass meine Definition des Wortes Antisemitismus(siehe oben) nicht weiter führt.
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| | Mittwoch, den 26. 07. 2000 - 21:56 Die sprachliche Analyse, die hier unternommen wurde zeigt die übliche Richtung, die heute eine Antisemitismus Diskussion nimmt. Antisemitismus ist ein Ideenkomplex, das in der Vergangenheit ganz konkrete, sowohl ideologische wie auch physische Wirkungen hatte. Im 19. Jh. wusste man viel besser, woran man war mit dem Antisemitismus. Der Jude war der Archetyp des Anderen, die anti-jüdischen Stereotypen waren aktiv und da waren auch sehr viele Juden auf der gesellschaftlichen Bühne, die man im Licht der Stereotypen sehen konnte. Sie waren sehr sichtbar in jener Zeit, selbstverständlich meistens ohne es zu wünschen, sondern weil sie dazu gezwungen wurden. Heute sind die Juden als ethnische Miderheiten in Europa nicht mehr so sichtbar wie damals. Heute kann sich eine Diskussion über Antisemitismus in Europa fast nur auf Sprache und Ideologie beziehen. Das macht das Thema sehr schwierig. Sander Gilman (in _Anti-Semitism in Times of Crisis_, 1991) macht eine ähnliche Beobachtung und stellt eine wichtige Frage: "In der Historikerdebatte in Westdeutschland während der letzten Jahren ist die dominierende Frage nicht mehr lediglich ob es einen "speziellen" Platz für die Geschichte des Antisemitismus in der deutschen Tradition gäbe, oder ob der Holocaust nach anderen Ereignissen des 20.Jh modelliert wurde und wenig Bezug auf die Geschichte des westlichen Antisemitismus hatte. Was zentral wurde ist ob der Jude, der so lange das Merkmal, von was der Deutsche nicht war, darstellte, noch irgendeine Rolle im gegenwärtigen deutschen Denken spielt. Es ist klar, von dem Anstreben der gegenwärtigen neo-konservativen deutschen Historikern, dass die Rolle des Juden sich geändert hat. Es ist die Last dieser Vergangenheit, einer Vergangenheit, in der der Jude der zentrale Unterschiedsbegriff war, die der Deutsche loswerden möchte. Wie funktioniert die Geschichte des Antisemitismus in einer judenleeren Welt, oder mindestens in einer Welt, in der der Jude nicht mehr sichtbar ist?" Die allgemeine Politik des Establishments fördert die jüdische Unsichtbarkeit: Jetzt bist du ein Bürger wie alle anderen. So hören viele Juden auf, als identifizierbare ethnische Gruppe zu funktionieren. Deswegen finde ich Gilmans Frage sehr zutreffend: Wir wissen wohl, wie die Geschichte des Antisemitismus funktionierte, als die Auseinandersetzung mit den Juden lebendige Beispiele lieferte, die anschließend in die dominierende, stereotypgeprägte Ideologie integriert werden konnten. Aber wie funktioniert sie denn heute, wenn das Establishment keine Auseinandersetzung mit den Juden, sondern mit seiner eigenen schwerbeladenen Vergangenheit anstrebt? Und nochmal wie funktioniert die Geschichte des Antisemitismus heute, wenn die Juden gesellschaftlich und kulturell nur sehr begrenzt anwesend sind? Kann man behaupten, dass das Forschungsobjekt selbst zum grössten Teil Geschichte wurde, dh in die Vergangenheit gehört? Das ist wieder problematisch, etwa die Einstellung, die Henryk Broder "die unheilbare Liebe deutscher Intellektueller zu toten und todkranken Juden" nannte. Wenn der Antisemitismus in der Vergangenheit so eine wichtige Rolle spielte, dann hat er das ganze Gebiet der Kultur geprägt, in welcher Intensität, Form und Ausdruck auch immer. Das könnte unser Thema sein.
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| | Dienstag, den 22. 08. 2000 - 17:34 Wenn der Antisemitismus in der Vergangenheit so eine wichtige Rolle spielte, dann hat er das ganze Gebiet der Kultur geprägt, in welcher Intensität, Form und Ausdruck auch immer. Das könnte unser Thema sein. Zwei Zitate, die vielleicht zur Ideengeschichte des Antisemitismus und Nationalsozialismus (und zur Erklärung von Hitlers Aufstieg und Weltbild) beitragen: Friedrich August von Hayek, "Der Weg zur Knechtschaft", Olzog Verlag, S. 179 "Irgendein Feind, ein innerer wie der <Jude> oder der <Kulak>, oder ein äußerer, scheint ein unentbehrliches Stück im Arsenal des totalitären Führers zu sein. Daß in Deutschland der Jude zur Rolle dieses Feindes kam, bis er darin von den <Plutokratien> abgelöst wurde, war genau so wie die Stigmatisierung des Kulaken in Rußland, ein Ergebnis der antikapitalistischen Strömung, auf der die ganze Bewegung beruhte. In Deutschland, wie in Österreich war der Jude zur Verkörperung des Kapitalismus geworden, weil kommerzielle Betätigungen von breiten Schichten herkömmlicherweise nicht geschätzt und daher einer Gruppe um so zugänglicher wurden, die von den angeseheneren Berufen praktisch ausgeschlossen war. Es ist die alte Geschichte der Fremdrasse, die nur zu den minder geachteten Erwerbszweigen zugelassen und dann um so mehr dafür gehaßt wird, daß sie sich in ihnen betätigt. Die Tatsache, daß der deutsche Antisemitismus und Antikapitalismus denselben Ursprung haben, ist von großer Bedeutung für das Verständnis der Geschehnisse, aber nur selten wird das von Ausländern erfaßt." [Anm.: von Hayeks Buch erschien erstmals noch zur Zeit des zweiten Weltkriegs (ca. 1944) in England. Hayek selbst lebte damals in England, stammte aber aus Österreich. Das Buch war primär an die englische Öffentlichkeit gerichtet. Mit <Ausländer> waren also zunächst die Engländer gemeint. (Obwohl natürlich Hayek selbst der <Ausländer> war)] Das zweite Zitat ist dem Buch von Sebastian Haffner, "Anmerkungen zu Hitler", Kindler Verlag, S. 107 entnommen: "Denn die Juden- und damit kommen wir zu Hitlers Antwort auf die zweite Frage- [Anm. diese lautet: "Was tun sie, laut Hitler, eigentlich, um für alle anderen Völker so gefährlich zu werden und ein so schreckliches Los zu verdienen ?"] die Juden sind ihrem Wesen nach international, unfähig zur Staatenbildung. <Jüdisch> und <international> sind für Hitler geradezu Synonyme; alles, was international ist, ist jüdisch, und in diesem Zusammenhang spricht Hitler dann sogar von einem jüdischen Staat:<Der jüdische Staat war nie in sich räumlich begrenzt auf den Raum, aber beschränkt auf die Zusammenfassung einer Rasse.> Und daher - nun kommt es - ist dieser <jüdische Staat>, das <internationale Weltjudentum>, der Feind aller übrigen Staaten, die er mit allen Mitteln gnadenlos bekämpft, außenpolitisch durch Pazifismus und Internationalismus, Kapitalismus und Kommunismus, innenpolitisch durch Parlamentarismus und Demokratie." Paradox ist hier eigentlich, wie Hitler sowohl den Kapitalismus als auch den Kommunismus (wohlgemerkt zwei Gegensätze!) beide als "jüdisch" definiert. Sein Haß auf beide Ideologien sind Bestandteile seines Antisemitismus. Wie kann dies erklärt werden ?
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| | Dienstag, den 22. 08. 2000 - 17:54 Erklärt? Warum glauben Leute daran, von Ufos entführt worden zu sein? Warum an Astrologie? Da gibt es nicht viel zu erklären. Wer klares, logisches, rationales Denken ablehnt, der hat alle Freiheitsgrade, zu beliebigen Ergebnissen zu kommen. Sobald man damit anfängt, willkürlich mit Axiomen herumzuschmeissen, kommt man - in ganz natürlicher Weise - in Teufels Küche. Ob das der Weg von der Bibel zur Selbstmordsekte ist, oder zur Inquisition, ob es Nationalismus ist, der fast zwingend zu Kriegen führt, ob es sich darum handelt, innere Stimmen zu hören, die einen auffordern, einen Mord zu begehen: Letztlich beruhen all diese Mechanismen auf Angst vor einer komplexen, scheinbar nicht verstehbaren Umwelt in Verbindung mit der inneren Bereitschaft, sich auf irrationale Folgerungen einzulassen. So findet denn im Individuum der Wunsch seine Wirklichkeit. Wenn diese Wunschwirklichkeit auf Resonanz in der breiten Bevölkerung trifft, dann ist ein Demagoge geboren. Ist Hitler nicht ein Prachtexempler seiner Art? Er ist ganz unverfälscht.
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| | Dienstag, den 22. 08. 2000 - 18:32 Da gibt es nicht viel zu erklären. Wer klares, logisches, rationales Denken ablehnt, der hat alle Freiheitsgrade, zu beliebigen Ergebnissen zu kommen. Das ist mir zu einfach. Warum kommen denn dann, Deiner Meinung nach, verschiedene irrationale Ideen (meinetwegen auch Religion) verschieden gut bei den Leuten an ?
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| | Dienstag, den 22. 08. 2000 - 18:56 Teils Mode. Übereinstimmung von Lehre mit lokaler Kultur oder ökonomischem Stand der Gesellschaft. Teils Anpassungsfähigkeit. Nimm das Christentum als Beispiel. Das hat sich immer perfekt an die Zeiten angepaßt. Solange sie in Rom nicht an der Macht waren, waren sie Pazifisten. Als sie wichtiger wurden durften sie zur Legion. Kurz darauf war es Pflicht. Alles in wenigen Jahren abgewickelt. Dieses Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel dauert bis heute fort. Dyba betreute als Militärbischof vielleicht sogar christliche Totalverweigerer. Anpassungsfähige Lehren sind natürlich auf Dauer erfolgreicher als unbeweglich-statische. Eine Lehre, die den Opfern verspricht, zu den Guten zu gehören, kommt dauerhaft besonders gut. Kurzfristig die, die am meisten 'Heil' verspricht. Der Gewiefte ist gestern ist in seiner Jugend in einer Sekte, die die Polygamie predigt, bereichert sich später als Nazikader bei einer Arisierungsaktion, und läßt sich am Lebensabend schnell nochmal in den Himmel salben. Subjektive Bedürfnisbefriedigung findet zu ihrer Form. Letztendlich werden doch immer wieder die gleichen Grundmuster verkauft. Ob Du auf die Omerta schwörst, soldatische Kamaraderie hochleben läßt, die Blutrache zur Stabilisierung der Familie benutzt oder ob Du in einer totalitären Partei wirkst: das sind doch nur verschiedene Formen des gleichen Verhaltens. Ob Du als Großinquisitor die Feinde Gottes ausrottest, als Gauleiter die Judenfreiheit anstrebst, den Indianerskalp am Gürtel hängen haben möchtest oder das Hutu/Tutsi-Spiel spielst: Ich erkenne da keine wesentlichen Unterschiede. Und dergleichen Grundtypen gibt es noch ein paar mehr, ich möchte bloß nicht ins Off-Topic geraten.
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| | Mittwoch, den 23. 08. 2000 - 23:53 Einige historische Anmerkungen. Der Antisemitismus in der Sache (Ablehnung von Menschen, die von Juden abstammen, aus rassischen Gründen, ungeachtet ihrer Religion, auch wenn sie zu einer andern Religion konvertiert waren) kann wahrscheinlich zuerst im frühen 19. Jh in Frankreich lokalisiert werden. Er war eine Reaktion darauf, dass die französische Revolution ursprünglich Gleichberechtigung für alle Bekenntnisse gebracht hatte. Die neue Gleichstellung der Juden in Frankreich missfiel vielen französischen Bürgern (auch dann, wenn sie sich selber — aufgeklärt — zu gar keiner Religion mehr bekannten); und bereits in den Spätjahren von Napoleon wurde diese Gleichberechtigung in Frankreich wieder beschnitten, um solchen antisemitischen Einstellungen zu entsprechen. Die preußischen Reformen unter Hardenberg zur Gleichstellung der Juden um 1830 gingen daher weiter als alles, was zu diesem Zeitpunkt in Frankreich üblich war; sie erfolgten etwa eine Generation früher als die Zuerkennung der vollen Bürgerrechte für Juden in England (wo vom 13. bis Mitte des 17. Jh kein Jude das Land hatte betreten dürfen und danach die Juden zäh bürgerliche Positionen zu erkämpfen hatten). Die bürgerliche Gleichstellung der Juden im Sinne der preußischen Reformen erfolgte nach der Reichsgründung 1871 für ganz Deutschland; diese scheint damals, analog zu den Vorgängen im spät-napoleonischen Frankreich, auch in Deutschland eine Art "Reaktions-Antisemitismus" hervorgerufen zu haben, der sich zB in vielen Äußerungen von Richard Wagner niederschlug. Zugleich trieb der französische Antisemitismus in der Dreyfus-Affäre verheerende Blüten. Auch etwa zur selben Zeit wurde von dem englischen Philosophen Houston Stewart Chamberlain ein scharfer, nach seinen Worten "systematischer" Antisemitismus entwickelt. Chamberlain, der leider dann auch noch der Schwiegersohn Wagners wurde und mit dem in Bayreuth um 1920 der Hausgast Adolf Hitler zusammentraf, ließ sich von diesem in die Hand versprechen, wenn der in der Politik an die Macht kommen sollte, dann werde er etwas gegen die Juden unternehmen. Eine besondere Spielart war der osteuropäische Antisemitismus, charakteristisch für Polen, die Balten- und die Balkanstaaten bzw die k.u.k. Donaumonarchie. Genaueres in Brigitte Hammann Hitlers Wien 1996. Diese Auswüchse waren áuch bereits ganz rassistisch. Im Gedächtnis geblieben ist mir auf der österreichischen Seite vor allem die katastrophale Figur des Jörg Lanz von Liebenfels, der eine esoterische Rassen-Theorie entwickelte und in seiner Zeitschrift Ostara verbreitete; dort erscheinen die Germanen als "blau-blonde Lichtgestalten", die Juden als "Sodomsäfflinge". Lanz von Liebenfels war verbal derart extrem, dass seine Schriften von nationalsozialistischer Seite 1938 verboten wurden... Der war selbst denen peinlich. Von diesen Erscheinungen des 19. Jh und frühen 20. Jh hebt sich der rein religiös begründete Antijudaismus des Mittelalters ab. Zwar in Spanien war er besonders schlimm; dort konnten sich selbst getaufte Juden der Bespitzelung kaum erwehren (viele waren notgedrungen zum Schein konvertiert, um der Verfolgung bzw Vertreibung der Juden durch Isabella die Katholische zu entgehen; und nun wurde von den Spitzeln die Echtheit der Konversion belauert). Der Fall Luther ist jedoch ein besonderer. Ich weiß nicht, wie die oben gefallene Aussage bezüglich Luthers abgestützt werden soll: In Spanien wurden die Konvertierten "Marranos" (Schweine) genannt, Luther konnte sie ebenfalls nicht riechen, in Deutschland im 18-19. Jh waren die getauften Juden doch keine Deutsche. Man kann Luther nämlich weder in die Nähe des damaligen spanischen Antijudaismus rücken, noch eine direkte Linie von seinen Äußerungen zu irgendwelchem deutschen Antijudaismus vor c 1870 ziehen. 1) Luther war eindeutig kein rassistischer Antisemit. Ein getaufter Jude war ihm ein "lieber Bruder". Luther glaubte ursprünglich, der eigentliche Grund für die Nicht-Bekehrung der Juden liege in dem verheerenden Christusbild der römischen Kirche, in dem dieser nur als der Rächer und strenge Weltenrichter des Jüngsten Gerichts auftrat. Einen solchen Christus könne ja auch kein Jude lieben, meinte Luther. Er selber betonte vielmehr eine Sicht von Christus als dem Retter der Menschheit und dem Freund eines jeden einzelnen. Diesen Christus wollte er auch den Juden nahebringen. 1525, im Zenit seines Einflusses und seiner Kraft, veröffentlichte Luther in diesem Sinne die Schrift Dass unser Herr Jesus wahrer Jude gewesen sei, in der es u.a. heißt: "Durch jüdisch Fleisch und Blut sind wir erlöset worden." Diese Schrift ist auf dem Hintergrund der religiösen Intoleranz des 16. Jh eine projüdische Sensation. Natürlich war auch Luther noch weit entfernt davon, die Juden im Sinne ihrer eigenen Religion und Kultur gelten zu lassen, wie man heute als aufgeklärter Mensch fordern muss. Aber etwas Derartiges für diesen frühen Zeitpunkt zu erwarten, wäre ahistorisch. Der Gelehrte Reuchlin, der die christliche Hebraistik begründete, hatte allein schon dafür Ärger bekommen, weil er nach Meinung einiger Dunkelmänner den Juden zu freundlich begegnete. Marlowe schrieb sein scharf antisemtisches Drama The Jew of Malta. Auch Shakespeares Werk troff vor Antijudaismus. (Man fragt sich, wen sie meinten, da sie ja in England keinen Juden begegnen konnten.) Luther, der demgegenüber ernstlich um die Herzen der Juden warb und ihnen aus seiner Sicht das Beste bringen wollte, was er als Geistlicher zu bieten hatte, war um 1525 wahrscheinlich der judenfreundlichste Christ seiner Zeit. 2) Er wurde prompt missverstanden. Besonders wollten von nun an alle ihm beweisen, dass auch die Juden keine reinen Engel seien. Wann immer es Klagen über irgendwelche Juden gab (meist im Zusammenhang mit Geldgeschäften — woher diese Zusammenhänge kommen, ist hinlänglich erläutert), landeten diese Klagen immer bei Luther, dessen Bild von den Juden sich immer mehr verfinsterte. Zugleich verfinsterte sich sein ganzes Weltbild. Gegen Ende seines Lebens, nach 1540, sah sich Luther als gescheitert an und wurde zum Misanthrop. Quälende Krankheiten (Steinleiden) hatte er áuch. Er brach mit sämtlichen Freunden, kriegte auch Streit mit der Stadt Wittenberg, die er ein Sodom und Gomorrha nannte, beauftragte seine Ehefrau, ihr Anwesen zu verkaufen; er wollte da wegziehen und konnte nur mit letzter Kraft zurückgehalten werden. Es genügten zu dieser Zeit geringste Anlässe, um eine Wutausbruch bei ihm auszulösen. 3) Gerade da (1543) verfasste er auch seinen unverzeihlichen antijüdischer Traktat Wider die Juden und ihre Lügen, in dem er alle Schandtaten, die ihm über Juden berichtet worden waren, ausbreitete und verallgemeinerte, ihre vermeintliche Verstocktheit anprangerte, empfahl, die (nach seiner Meinung) ungerecht reich gewordenen Juden zu enteignen, ihre Häuser zu verbrennen, sie bei in der Landwirtschaft Schwerarbeit leisten zu lassen usw. Etwa 40 Seiten wütende antijudaische Invektive, die nun sein Bild auf Dauer verdunkelt. Ich meine, man muss auch hier die historische Perspektive wahren. Dieser Traktat von 40 Seiten schrumpfen gegen sein Gesamtwerk zusammen (die noch nicht fertiggestellte kritische Weimarer Ausgabe umfasst schon jetzt neun Regalmeter) und steht im Tenor so sehr im Gegensatz zu dem Rest, dass sogar vermutet worden ist, er sei gefälscht. Aber eher wird dies wohl eine der letzten, verfehlten und uncharakteristischen Äußerungen eines verbrauchten, mit sich selbst und der Welt zerfallenen alten Menschen sein, der sich selber untreu geworden ist. 4) Die Wirkung dieses Traktats war etwa 350 Jahre gleich null. Er zeitigte um 1543 keine erkennbaren Wirkungen, wurde in keine der Gesamtausgaben der Werke Luthers aufgenommen, erst Ende des 19. Jh wiederentdeckt bzw neu herausgegeben. Aber leider gerade diese Ausgabe fiel Julius Streicher in die Hände, der ihn dann an fünf Stellen zitierte; es ist ein Verhängnis. Man kann jedoch den perniziösen Antisemitismus des Dritten Reichs kaum direkt auf Luther oder die auf die angeblich von Luther durchtränkte deutsche Kultur zurückführen; bestünde hier ein Wirkzusammenhang, dann müssten Verheerungen wie die im deutschen Namen begangenen viel eher in Schweden zu erwarten sein, wo der lutherische Protestantismus im Gegensatz zu den unterschiedlichen Bekenntnissen in Deutschland sogar Staatsreligion ist. Also: Dass im 16. Jh in Spanien auch getaufte Juden verfolgt wurden, beweist keinen rassistischen Antisemitismus. Luther war kein rassistischer Antisemit. Er war nicht einmal der größte Judengegner seiner Zeit (eher im Gegenteil); im 19. Jh waren in Preußen die Juden relativ früh gleichberechtigt und Ende des 19. Jh vor dem Gesetz in ganz Deutschland gleichgestellt. Der gleichwohl in Deutschland vorhandene Antisemitismus, der es bewirkte, dass Hitler trotz seines Antisemitismus nach 1933 von den Deutschen akklamiert wurde, kann nicht in direkter Linie auf den mittelalterlichen Antijudaismus zurückgeführt werden.
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| | Dienstag, den 12. 09. 2000 - 17:23 (Und was wohl Huck Finn zu dieser Art Nutzung von www.nizkor.org bedenken mag?) Es ist nicht ganz die, die intendiert ist. Aber auch damit wird die URL transportiert. Nicht wenige Leute schauen sich auch die Eingangsseite einer längeren URL an.
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| | Sonntag, den 01. 10. 2000 - 10:58 Leider habe ich nicht die Zeit alles was hier bereits steht zu lesen (ich muß meine kleine Nichte – 1 Jahr + 7 Tage alt / 50 % Iranerin – lernt gerade laufen – beaufsichtigen. Eigentlich ein Fulltimejob) aber ich will trotzdem mal in aller möglichen Kürze aufschreiben, was ich zu diesem Thema zu sagen habe. Antisemitismus ist der Anteil gewöhnlicher Fremdenfeindlichkeit, der sich auf „Semiten“ bezieht - was immer das sei. Gewöhnliche Fremdenfeindlichkeit ist die Reaktion auf einen angeborenen Instinkt – die FREMDENANGST, die uns allen gemein ist und die wir im Idealfall mit dem Verstand kontrollieren können. Leistungen des Verstandes bedürfen der Übung und einer gewissen inneren Logik. Ein unvorbereiteter und ungeübter Verstand hat dem Ansturm starker Angstgefühle wenig entgegenzusetzen und reagiert darum auf die gleichermaßen vorprogrammierte Weise. Mit HASS – der Standardreaktion auf unreflektierte Bedrohungen. Nochmal: Fremdenangst ist ein Teil unseres Erbes aus der Evolution. Sie war wahrscheinlich einmal derart überlebensnotwendig, daß sie als fester Bestandteil in unserem Erbgut abgelegt ist. Sie geht zunächst voll an unserem Verstand vorbei. Wie bei allen fest programmierten Fähigkeiten und Eigenschaften in uns bedarf es auch hier eines SIGNALES um eine Aktivierung zu erreichen. Diese erfolgt über ein nicht NORMALes Erscheinungsbild. Also beispielsweise eine andere Hautfarbe, Sprache, Kleidung, Namen, Religion, Wohnort ... tausend Dinge sind möglich. Die Reaktion wird umso stärker sein, je mehr dieser Voraussetzungen erfüllt sind. Ganz analog. Das sind die Voraussetzungen von denen wir ausgehen müssen. Falsch sind alle Annahmen in der Richtung: Fremdenhass ist erlernt und übertragbar er sei mit Gewalt kontrollierbar – keine Angst die eine Lebensgefahr signalisiert ist mit Gewalt kontrollierbar – sie wird dadurch eher noch verstärkt es gäbe gut und böse Menschen – es steckt in uns allen und kann jederzeit in jedem von uns jederzeit aktiv werden Es gibt nur einen einzigen Weg dieser Bedrohung zu entkommen: Die BEGEGNUNG – Aktivierung unseres Verstandes durch Erfahrung. Auslösung dieser Funktion mit nachfolgender verstandesmäßiger Aufarbeitung. Nur dann kann unser Verstand lernen sich rechtzeitig einzuklinken um all die unseligen Hassreaktionen zu unterdrücken.
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| | Sonntag, den 01. 10. 2000 - 11:19 Hältst Du den Begriff 'Fremdenfeindlichkeit' tatsächlich für angemessen? Bedenke: die Juden waren hier (und anderswo) nicht fremd, sie waren großteils sogar voll integriert.
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| | Sonntag, den 01. 10. 2000 - 15:20 Aber ja. Deine Aussage, daß die Juden größtenteils integriert waren ist sicherlich richtig – aber nicht relevant. Es genügte vollkommen, wenn ein kleiner Prozentsatz dieser Population solche spezifischen Signale aussandte. Die Reaktion mußte trotzdem alle treffen. Dieser Hass differenzierte nicht. Er war nicht verstandeskontrolliert. Der Verstand lieferte nur noch die Mittel diesen Hass umzusetzen. Die Juden stellten durchaus keinen Sonderfall dar. Nur insofern, als sie mit großem Abstand die meisten Signale aussandten die die Reaktion Fremdenhass auslösen konnten. Ich brauche das ja wohl nicht aufzulisten. Dementsprechend war der Hass den sie damit auslösten entsprechend stark. Warum die Juden sich nicht alle integrierten hatte wohl etwas mit ihrem Eliteanspruch – gute Wissenschaftler, auserwähltes Volk etc. zu tun. Man muß es wirklich einmal ganz hart sagen: eine solche Form von Dummheit ist eben auch gefährlich. Ich bin mir durchaus bewußt, daß dies angesichts dieser Millionen von unschuldigen Toten reichlich zynisch klingen mag. Als Entschuldigung kann ich nur sagen, daß kein Mittel falsch sein darf, wenn es darum geht die Leute zum Nachdenken zu bringen um sowas wenigstens in der Zukunft zu verhindern. Leider gibt es ja immer wieder Minderheiten, die sich in ebendieser Rolle gefallen. Sie sollten wissen, in welcher Gefahr sie leben. Ich bin keine besonders gute Kennerin von Geschichte, aber ich glaube zu wissen, daß es viele – auch größere – Einwanderungswellen in Deutschland gab, die relativ problemlos verliefen. Vielleicht weil sich diese Leute schneller und geschlossen integriert haben.
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| | Mittwoch, den 04. 10. 2000 - 00:08 Katrin: Warum die Juden sich nicht alle integrierten hatte wohl etwas mit ihrem Eliteanspruch - gute Wissenschaftler, auserwähltes Volk etc. zu tun. Das musst du mit Dokumenten und genauen Zitaten von deustch-jüdischen Wissenschaftlern, Schriftstellern oder Künstlern beweisen. So ein Zitat vom Alten Testament zu nehmen mit der Überzeugung, dass die deutschen Juden des 19-20. Jh. das Gleiche taten um ihre Eliteansprüche zu unterstützen ist ein anti-jüdisches Klischee erster (oder letzter) Klasse. Die Juden waren von der deutschen Kultur begeistert und haben mitgearbeitet, um sie zu gestalten. Über diese Zeit gibt es eine sehr umfangreiche deutsche Bibliographie, aber ich habe noch kein Material außer antisemitische und Nazi Propaganda gefunden, das davon ausgeht, dass die Juden sich für eine Elite hielten. Ich bin keine besonders gute Kennerin von Geschichte, Bingo! aber ich glaube zu wissen, daß es viele - auch größere - Einwanderungswellen in Deutschland gab, die relativ problemlos verliefen. Vielleicht weil sich diese Leute schneller und geschlossen integriert haben. Mindestens seit Moses Mendelssohns Emanzipation (18.Jh) versuchten die Juden wiederholt, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, aber ihre Versuche wurden nicht gut gesehen oder gar abgelehnt. Unter der Weimarer Republik hat die jüdische Assimilation ihren Höhepunkt erreicht. Damit haben aber die antisemitischen Angriffe nicht aufgehört. Walter Rathenau behauptete, er sei total deutsch und lebte entsprechend und arbeitete ausschließlich für die deutsche Nation, doch für die Extremisten war er ein Judensau und wurde ermordet. Man muß es wirklich einmal ganz hart sagen: eine solche Form von Dummheit ist eben auch gefährlich. Ich bin mir durchaus bewußt, daß dies angesichts dieser Millionen von unschuldigen Toten reichlich zynisch klingen mag. Als Entschuldigung kann ich nur sagen, daß kein Mittel falsch sein darf, wenn es darum geht die Leute zum Nachdenken zu bringen um sowas wenigstens in der Zukunft zu verhindern. Leider gibt es ja immer wieder Minderheiten, die sich in ebendieser Rolle gefallen. Sie sollten wissen, in welcher Gefahr sie leben. Ich möchte genau wissen, ob ich dich richtig verstehe: Ich verstehe von deinem Text (1) dass die jüdischen Eliteansprüche gefährlich sind; (2) dass der Holocaust eine Folge davon sei; (3) dass diese und andere Folgen die Menschen zum Nachdenken bringen sollten, ihre dummen Eliteansprüche in der Zukunft aufzugeben; (4) dass andere Miderheiten leider sich in der Rolle einer Elite gefallen und sollten vom Antisemitismus und Holocaust gewarnt werden, in welcher Gefahr sie leben. Ich wiederhole: WENN ich dich richtig verstanden habe, dann habe ich Folgendes ganz im Ernst zu sagen: Dein Babysitting ist sehr anstrengend und ich kann bestätigen, dass ein Baby ein vollzeit Job ist. Für Lesen hast du jetzt wenig Zeit. Trotzdem, wenn du an die Zukunft dieses und anderen Kindern denkst, dann solltest du deine Ideen grundsätzlich revidieren.
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| | Mittwoch, den 04. 10. 2000 - 15:14 Es genügte vollkommen, wenn ein kleiner Prozentsatz dieser Population solche spezifischen Signale aussandte. Alles klar. Wir (der Staat) verbieten ab sofort alles, was irgendwelche auch nur annähernd hassähnlichen Reaktionen auslösen könnte: 1.Religionen: egal welcher Couleur (sind immer dogmatisch und sendungsbewußt)- weg damit! 2.Künstler: fühlen sich zu etwas 'berufen' (senden somit elitäre Signale) - weg damit! 3.Gewerkschaften: senden prinzipiell gefährliche Signale - weg damit! Die Liste ließe sich beinahe endlos fortführen. Und wie soll sich denn z.B. ein Farbiger an unsere deutsche Gesellschaft anpassen, ohne spezifische Signale auszusenden? Indem er sich bleichen lässt? Katrin Ann, bitte überdenke Deine Ansichten noch mal. Den Babies zuliebe. Danke.
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| | Mittwoch, den 04. 10. 2000 - 16:30 Es genügte vollkommen, wenn ein kleiner Prozentsatz dieser Population solche spezifischen Signale aussandte. Diesn Satz KA's verstehe ich nicht als Rechtfertigung. Er ist rein deskriptiv. Tatsächlich fallen Rechtsextreme über alles her, was ihnen auch als auch nur fremd verdächtig ist. In letzter Zeit wurden des öfteren deutsche Spätaussiedler aus Rußland zu ihren Opfern. Im Übrigen halte ich es mit Tamara.
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| | Mittwoch, den 04. 10. 2000 - 21:50 Hallo Tamara, unter dem Eindruck des jüngsten Ereignisses von Düsseldorf fällt es mir besonders schwer zu diesem Thema was zu sagen. Schon als ich diesen vorausgehenden Beitrag schrieb, war mir bewußt wie leicht er mißzuverstehen sein würde. Ich habe ihn aber trotzdem so abgeliefert, weil ich glaube, daß wir keinen Teil der Realität tabuisieren dürfen, wenn es darum geht Gefahren von Menschen abzuwenden. Ganz gleich welche Mißverständnisse und falsche Assoziationen möglicherweise damit verbunden sein können. Zu meiner Person solltest Du vielleicht soviel wissen, daß im engeren Kreis meiner Familie eine Iranerin, eine Holländerin und einen Franzosen gibt. Außerdem ist meine Nichte Tochter dieser Iranerin – was bedeutet, daß man sie sofort ein Leben lang problemlos als nicht „rein“ deutsch erkennen wird. Nur unter diesen Voraussetzungen allein solltest mir glauben können, daß mir nichts ferner liegt, als Nazipropaganda zu verbreiten, daß all meine Kraft jederzeit zur Verfügung steht Nazitendenzen entgegenzutreten. Darüber hinaus ist meine Mutter im Exportbereich tätig was zur Folge hat, daß wir regelmäßig Menschen aus aller Welt auch zu Hause zu Besuch haben. Seit meiner frühesten Kindheit, sodaß ich auch keinerlei Berührungsängste gegenüber Ausländern habe. Mein Wissen über Juden und den Holocaust habe ich aus Fernsehbeiträgen und aus vielleicht zehn Büchern die ich zu diesen Themen gelesen habe. Mengele ist mir ein Begriff und ich weiß um all die Greueltaten dieser Zeit, KZs, Erschießungen, Vergasungen, Experimente an Menschen, Kindern, Willkür und Erniedrigungen... Du darft mir glauben, daß ich ein manches Mal diese Bücher zur Seite legte, weil ich vor Tränen und Entsetzen nicht mehr weiterlesen konnte, daß ich manchmal nicht wußte, wie ich die Scham ertragen soll, letztlich Teil dieser fürchterlichen Entgleisung menschlicher Kultur zu sein, zumal ich wußte, daß es auch in meiner Familie mindestens ein Parteimitglied gab. Bis heute habe ich viel Zeit damit zugebracht herauszufinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte und warum sogar jemand den ich aus meiner Familie als klugen, liebevollen und hilfbereiten Menschen kannte irgendwie verstrickt sein konnte. So, nachdem Du jetzt all dies von mir weißt will ich versuchen Dir zu antworten. Bitte entschuldige meine Diktion – ich finde da keinen Mittelweg zwischen unbetroffener Sachlichkeit und menschlicher Berührtheit wenn ich mich verständlich machen will. >Katrin: Warum die Juden sich nicht alle integrierten hatte wohl etwas mit ihrem Eliteanspruch - gute Wissenschaftler, auserwähltes Volk etc. zu tun. Mein Integrationsbegriff ist hier sehr eng zu fassen. Als integriert würde ich eine Teil-Population erst dann bezeichnen, wenn sie von der Hauptmenge einer Population nicht mehr als andersartig empfunden wird. Wichtige Voraussetzung scheint mir dafür ist die Aufgabe auffälliger kultureller Merkmale, sowie die Bereitschaft – ja das Bestreben nach einer Vermischung mit der Stammbevölkerung. (Entschuldige die Wortwahl – erstes Kriterium ist mir auch hier die Verständlichkeit) Diese sehr enge Voraussetzung haben die Juden zweifelsfrei nicht erfüllt. Juden waren auch nach vielen Jahrhunderten Zusammenleben noch an spezifischen Merkmalen als andersartige Gruppe zu erkennen. Das soll hier nur festgestellt – nicht irgendwie bewertet werden. Ich stelle fest: a) allen Menschen ist Fremdenangst gemein, auch Juden b) Juden haben seit Jahrhunderten unter Progromen gelitten Daraus schließe ich, daß auch Juden eigentlich wie andere Zuwanderungsgruppen um die Notwendigkeit einer schnellen, möglichst vollständigen Integration hätten wissen können, ja müssen. Es muß also einen Grund geben, warum Juden – wie auch Zigeuner – anders wie andere Zuwanderer, diesen Weg nicht (alle) gewählt haben. Daß dieser Grund irgendwo aufgeschrieben sein müßte kann ich nicht einsehen. Warum sollte man sich zusätzlich nachlesbar distanzieren, wenn man sich nur nicht integrieren wollte? Der Ärger mußte ja nun zusätzlich wirklich nicht sein. Ich darf mich also auf die Suche nach Indizien machen. Nach spezifischem Verhalten, Merkmalen und Besonderheiten um einer Antwort auf diese Frage nahezukommen. Aus welchen geschichtlichen Gründen auch immer gab es für Juden offene und damit überproportional besetzte Betätigungsbereiche, deren Bedeutung und auch Ansehen im Laufe der Zeit zunahm. Es ist nur allzumenschlich, daß man als Mitglied einer solchen Gruppe diesen Status bewahren möchte und dabei blind wird für die eventuell damit verbundenen Gefahren. Die Religion, die ebenso wie andere einen Ausschließlichkeitsanspruch stellt. Das Todesproblem ist eines der gravierendsten Probleme von Menschen und wer glaubt dieses mit Hilfe seiner Religion optimal gelöst zu haben der wird diese kaum aufgeben. Bei einem solche ungleichen Kräfteverhältnis wie zwischen Christen und Juden wäre dies aber überlebensnotwendig gewesen. Sicheres Jenseits gegen unsicheres Diesseits – eine fatale Kalkulation. Es blieb den Christen vorbehalten bei annähernd gleicher Stärke dies in 30 Jahren zu studieren und zu überleben. >Katrin:Ich bin keine besonders gute Kennerin von Geschichte, Aber ich bin eine gute Kennerin von menschlichem Verhalten – und das hat sich im Verlaufe von Jahrhunderten nicht grundlegend geändert. Und ein solches Wissen kann Geschichtskenntnisse manchmal ersetzen. >Tamara:Mindestens seit Moses Mendelssohns Emanzipation (18.Jh) versuchten die Juden wiederholt, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, aber ihre Versuche wurden nicht gut gesehen oder gar abgelehnt. Viel zu spät, es hatte sich bereits sowas wie eine antijüdische Tendenz gebildet – ein Feindbild – und was noch wichtiger ist: nicht vollständig. Nur die komplette Aufgabe der jüdischen Kultur durch a l l e Juden hätte die Menschen vielleicht noch retten können. >Tamara:Ich möchte genau wissen, ob ich dich richtig verstehe: Ich verstehe von deinem Text (1) dass die jüdischen Eliteansprüche gefährlich sind; (2) dass der Holocaust eine Folge davon sei; (3) dass diese und andere Folgen die Menschen zum Nachdenken bringen sollten, ihre dummen Eliteansprüche in der Zukunft aufzugeben; (4) dass andere Miderheiten leider sich in der Rolle einer Elite gefallen und sollten vom Antisemitismus und Holocaust gewarnt werden, in welcher Gefahr sie leben. 1) Eliteansprüche von Minderheiten sind gefährlich – das hat nichts mit Juden zu tun – gilt für alle. 2) Der Holocaust ist zu einem geringeren Teil eine Folge davon 3) Ja. 4) Ja > dann solltest du deine Ideen grundsätzlich revidieren. Tamara, das sind Naturgesetze, völlig außerhalb unserer Disposition. Menschen sind keine Idealfiguren. Sie sind oft dumm, instinktgesteuert, manchmal voller Hass, blind. Damit muß man rechnen. Wir müssen die Realitäten sehen und uns darauf einstellen. Wenn es Dir gelingen sollte eine ganze Population fremdenangstfrei zu machen – nur dann – hast Du eine Chance. Und das mußt Du in jeder Generation wieder neu leisten. Die Menschen kommen so zur Welt – und ihr Verstand reicht meist nicht das selbst zu leisten. Liebe Christine, Dinge zu verbieten ist kein gangbarer Weg. Wie willst Du einem Dummkopf verbieten Fremde zu jagen, wenn er ohne jeden Selbstzweifel davon überzeugt ist damit etwas Gutes und Richtiges zu tun? Nebenbei: Nicht alle Religionen sind dogmatisch und sendungsbewußt oder auch elitär. In diesem Punkte bin ich übrigens als Atheistin selbst eine (relative) Außenseiterin. Auch der Status zu einer Elite zu gehören mag alleine nicht ausreichen. Es müssen schon ein paar Dinge zusammenkommen. Gewerkschaften senden gefährliche Signale? Hmmm... >Und wie soll sich denn z.B. ein Farbiger an unsere deutsche Gesellschaft anpassen, ohne spezifische Signale auszusenden? Ganz realistisch: in einer überwiegend dummen Gesellschaft sollte er sehr vorsichtig sein. Und versuchen, daß wenigstens seine Kinder unauffälliger aussehen werden. Verdammt: da bin ich doch selbst betroffen!!!! Meine kleine Nichte wird in dieser beschissenen Welt leben müssen mit ihrer dunkleren Haut! Ich kämpfe für sie! Wie könnt Ihr glauben, daß ich ein Nazi bin!!!!
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| | Donnerstag, den 05. 10. 2000 - 00:41 Katrin, ich habe keinen Augenblick gedacht, dass du Nazi bist und wahrscheinlich hat es kein anderer Forumsteilnehmer gedacht. Dein Problem ist aber leider nicht weniger gefährlich und es heißt "Unwissenheit". Ein Nazi kann im heutigen Deutschland schnell und eindeutig beurteilt werden. Du aber bist einer von denen, die SEHR ungenügend informiert sind, und die sich trotzdem ohne jede Vorsicht in Sachen äußern, wo die meiste Information und Vorsicht geboten werden. Deine Äußerungen so wie du sie aus Unwissenheit formuliert hast schleudern dich Kopf vorwärts in die Gruppe, die dir abscheulich ist - nämlich die blinden Rechtsextremisten. Es gibt einfach Themen, die sich vom Hören-Sagen nicht besprechen lassen. Hier ein paar Antworte: (1) Aus welchen geschichtlichen Gründen auch immer gab es für Juden offene und damit überproportional besetzte Betätigungsbereiche, deren Bedeutung und auch Ansehen im Laufe der Zeit zunahm. Oh, das ist einfach, ich habe das in diesem und anderen Foren erklärt, ich muss mich wiederholen: den Juden war es untersagt, eine Menge von Berufen auszuüben. Um nur ein Beispiel vom 19. Jh. zu geben: Keine akademische Karriere, keine Militär-Karriere (denke an die Ehre - wir sind im 19. Jh), keine politische Karriere. Dann blieben den Juden die "liberal professions" wie z.B. Arzt, Rechtsanwalt, Journalist. (2) Rassismus / Menschenhass sind Naturgesetze: Diese als Naturgesetz zu definieren bedeutet, dass sie nicht zu bekämpfen sind. Das ist falsch - zum Glück. Das erinnert mich an die pseudo-Wissenschaft des 19. Jh., die unter anderen auch den Begriff "Antisemitismus" erzeugte. Außerdem - was ist wohl "natürlich"? Sind wir Menschen "natürlich"? Sind unser Leben, unsere Kommunikation - die gesprochene und geschriebene / aufgenommene Sprache - und unser ganzes Verhalten etwa natürlich? Was ist "natürlich" und was ist die Natur? Denkst du etwa an unsere Instinkte? Es gibt kaum etwas, das mehr und tiefer kulturell bedingt und gesteuert ist als unsere Instinkte. (3) Fremdenangst: Wenn du meinst, Moses Mendelssohn und seine Nachfolger zu spät gekommen seien, um ein positives Bild des Judens zu fördern und wenn du eigentlich an das schon existierende, uralte antijüdische Bild denkst, dann bist du ganz genau im Mittelalter, also in der Zeit, als es keine Länder wie die heutigen Nationalstaaten gab, sondern kleine benachbarte Territorien, deren Einwohner sich gegenseitig und ganz leidenschaftlich schlachteten, weil der Andere der Fremde und Gehasste war. Die antike Welt ganz zu verschweigen, als der Stamm noch die Basis der Gesellschaft formte. Damals war schon der nächste Stamm der Fremde und Gehasste. Die Juden merkte man kaum in diesem Mosaik. Man fing an sie zu bemerken, als die christliche Kirche stark und militant wurde. Das antijüdische Bild war ein Aspekt der christlichen Ideologie und Politik. (4) Mein Integrationsbegriff ist hier sehr eng zu fassen. Als integriert würde ich eine Teil-Population erst dann bezeichnen, wenn sie von der Hauptmenge einer Population nicht mehr als andersartig empfunden wird. Aber Katrin, wünschst du dir denn so eine langweilige Welt? Keine zwei Mitglieder einer Nation sind ähnlich, dann wie können Mitglieder von zwei verschiedenen Nationen ähnlich sein? Und warum sollen sie denn sein? Wo bleiben unsere Kultur, unsere Traditionen? Wichtige Voraussetzung scheint mir dafür ist die Aufgabe auffälliger kultureller Merkmale, sowie die Bereitschaft - ja das Bestreben nach einer Vermischung mit der Stammbevölkerung. Jedes Volk hat seine eigene Geschichte und Kultur. Wenn einer sie hinter sich lässt oder wenn er sich in einer gemischten Familie zu Hause fühlt, so ist das seine eigene Sache. Wenn jemand in seinem Leben wichtige elemente seiner Kultur behält und sich weiter von den Einheimischen hält, so ist das wieder seine eigene Sache solange er nicht aktiv aggressiv wird. ABER! Wenn die bloße Anwesenheit der fremden Kultur als aggressiv empfangen wird, so ist es das Problem der Einheimischen, nicht der Einwanderern. Dafür gibt es Erziehung, und unsere globalisierte Welt erzieht uns wunderbar, um "den Fremden" zu akzeptieren. Die Bevölkerung der Welt ist mehr gemischt denn je. Mache dir keine Sorgen, es gibt schon Millionen halb-Dunklen Gesichten überall und sie vermehren sich jeden Tag. Übrigens, die dunkle Haut kann sehr sexy sein, warte nur 14-15 Jahre, dann wirst du schon sehen, welche ausgezeichnete ästhetische Dienste sie bringt. (5) Eliteansprüche: Das ist kein Attribut der ethnischen Minderheiten, sondern, wenn du es unbedingt so formulieren willst, dann der gesellschaftlichen oder kulturellen Minderheiten. Ich kann dir auf der Stelle ein Zitat von Thomas Mann geben, wo der selbstbewusste Klassiker und Nobel-Preis-Träger seine Eliteansprüche ganz klar macht. Und dann kommt die beunruhigende Frage - warum wurden nur und ausgerechnet die Juden wegen ihren angeblichen Eliteansprüchen gehasst? So kommen wir in vollem Kreis zurück - wegen dem Antisemitismus. (6) Der Holocaust als Warnung gegen Eliteansprüche: NEIN, Katrin, auch wenn diese Absurdität wahr wäre, NICHTS darf so eine Bestialität auslösen. Kein Mensch darf einen anderen umbringen, sei dieser Andere der unausstehlichste Mensch der Welt. Es gibt, Gottseidank, genug andere Wege, einen unbeliebten Menschen loszuwerden.
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| | Donnerstag, den 05. 10. 2000 - 01:21 Ich habe den Kommentar über Luther weiter oben gelesen. Die Zeit ist mir zu teuer, um alles in vergleichbarer Länge zu beantworten, ich dachte, Luthers Aussagen seien bekannt. Da sie aber doch nicht gut bekannt sind, hier ein Zitat: "Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams!" (Martin Luther, Tischreden) Das zeigt keine große Liebe für die Juden, ob getauft oder nicht. Über die Geschichte und den Ursprung des Antisemitismus wie im gleichen Kommentar vorgestellt gibt es ebenfalls viel zu sagen, aber das ein anderes Mal.
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