| | Montag, den 19. 06. 2000 - 08:34 Die nachstehenden Beiträge bis zum 18.6.2000, 10:12 Uhr, wurden auf Wunsch aus dem Forum 'Historisch-Politisches' in ein eigenes Forum ausgegliedert, um sie hier vertiefend diskutieren zu können.
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| | Freitag, den 14. 07. 2000 - 23:49 ("Js" hat sich wieder zum Thema gemeldet!) ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 440 / 06.07.2000 Der "Geschichtsdenker" Ernst Nolte und sein "missverstandenes" Lebenswerk Der Historikerstreit geht weiter Die nationalkonservative Deutschland-Stiftung hat dem Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte den Konrad-Adenauer-Preis verliehen - "in dankbarer Würdigung seines herausragenden geschichtsphilosophischen Lebenswerkes". Der Preisträger seinerseits dankt der Deutschland-Stiftung für den "außergewöhnlichen Mut, von der Hauptströmung des gegenwärtigen intellektuellen Lebens in Deutschland abzuweichen." In Wahrheit ist Nolte, der sich als Opfer politischer Verfolgung ausgibt, von der "Hauptströmung des intellektuellen Lebens" allzu lange gehätschelt worden - sehr zu Unrecht, wie der folgende kritische Blick auf wesentliche Teile seines "Lebenswerks" zeigt. In seiner Laudatio klagte Horst Möller, seit 1992 Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Noltes Werk sei oft auf "gewolltes Missverständnis" gestoßen. Natürlich musste und sollte das Publikum dies auch auf Noltes skandalöseste Aussage beziehen, die 1986 zum wesentlichen Auslöser des Historikerstreits wurde: "Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ,asiatische` Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potenzielle oder wirkliche Opfer einer ,asiatischen` Tat betrachteten? War nicht der ,Archipel GULag` ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ,Klassenmord` der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ,Rassenmords` der Nationalsozialisten?" Diese Umdeutung des Nationalsozialismus zur Reaktion auf den Bolschewismus war nun wirklich nicht misszuverstehen. Zumal Nolte auf seine rhetorischen Fragen selbst die Antwort gab: nämlich dass "ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist", d.h. dass aus dem bolschewistischen "Klassenmord" der nazistische "Rassenmord" gefolgt sei. Wenn Nolte missverstanden wurde, dann von denen, die 1986 aus allen Wolken fielen, weil sie ihn fälschlich für einen Antifaschisten gehalten hatten. Ihnen hat Nolte drei Jahre später deutlich widersprochen. In der Vorbemerkung zur Neuauflage seines wichtigsten Werkes, "Der Faschismus in seiner Epoche", das erstmals 1963 erschien, schrieb er 1989, also nach dem Historikerstreit: "Die Grundauffassungen haben sich indessen nicht verändert, auch nicht im Hinblick auf die ,Endlösung der Judenfrage`." In seinem Buch "Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945", erschienen 1987, gebe es dazu lediglich "Ergänzungen" und "Akzentveränderungen." Wenn Möller, der sich von Noltes Schlussfolgerungen halbherzig distanziert, heute dessen "Lebenswerk von hohem Rang" rühmt, dann hat er dabei vor allem das Buch "Der Faschismus in seiner Epoche" im Blick, das eine Gesamtauflage von 34.000 Exemplaren erreichte: ein kompaktes und mit Wissen voll gestopftes Buch über die Action Française, den italienischen Faschismus und den Nationalsozialismus. Es ist schon deshalb lesenswert, weil es die vernachlässigte Problematik der "vergleichenden Faschismusforschung" zum Thema hat. Allerdings läuft es im Abschnitt über den Nationalsozialismus mehr oder weniger zielstrebig auf die oben zitierte These hinaus. Diese hat Nolte 1986 so zugespitzt, dass sie für die Massenpresse handhabbar wurde. Völkermord aus Angst? Schon Noltes Darlegung seiner "phänomenologischen Methode" musste kritische Geister stutzig machen. Aufgabe des Historikers müsse es sein, "den Faschismus und den Nationalsozialismus zu Wort kommen zu lassen ohne voreilige Kritik"; wegen der Bedeutung der Führerpersönlichkeiten Mussolini und Hitler habe er deren Gedanken in das Zentrum seiner Darstellung gerückt. Bei Hitler sind es allerdings weniger Gedanken als Gefühle, die Nolte als Triebkräfte ausmacht. Ob Hitler im klinischen Sinne krank war, lässt Nolte offen - die stärkste, Hitler leitende "Grundempfindung" aber sei seine "Angst" gewesen: Angst vor dem Fremden, das er in Wien sieht, Existenzangst, Angst vor Krankheit, Angst vor dem Bolschewismus und dem Aufruhr der Massen, Angst vor Folter durch die Bolschewisten, Angst aber auch, als der Reichstag brennt. Hitlers Judenhass führt Nolte ebenfalls auf Angst zurück: Angst vor der "rassischen Geschlossenheit" der Juden und Angst vor der "Macht der ,Widernatur`, die im jüdischen Volke ihr Werkzeug hat" - die Juden widersetzen sich der "Höherzüchtung und Veredelung der Menschheit" und schüren seit Moses die Aufstände der rassisch minderwertigen Knechte gegen ihre natürlichen Herren, glaubte Hitler. Natürlich teilt Nolte nicht den Rassenwahn, den er in aller Breite darstellt. Allerdings hebt er ausdrücklich Hitlers "Konsequenz" hervor, die ihn von den angeblichen Saboteuren des Holocaust (angefangen bei Göring!) unterscheide. Letztere seien "nicht zufällig die Beute des konsequenteren Geistes" geworden. Für Hitler und Himmler gelte aber auch: "Sie waren nicht nur konsequenter, sie hatten im Rahmen ihrer Denkweise auch Recht." Der Nationalsozialismus als "Faszinosum" (Jenninger) geistert immer wieder durch Noltes Buch. Da dürfen die Autobahnen nicht fehlen, insbesondere ist es aber die SS, die es Nolte angetan hat: "Zwar zeigt sich auch bei ihr nichts schlechthin Neues, aber gerade die außerordentliche Konsequenz (!) in der Entfaltung ist das Faszinierende." Eine Konsequenz, die der deutschen Wehrmacht, glaubt man Nolte, ganz fehlte. Die Wehrmacht habe sogar bei den Bombenangriffen auf englische Städte "ritterlich" gekämpft. Das Ziel der Generäle, die "nationale Restitution", sei schon im September 1938 erreicht gewesen. Das Münchner Abkommen, mit dem die Zerstörung der Tschechoslowakei eingeleitet wurde, bewertet Nolte, der "Geschichtsphilosoph", rundum positiv: "Die Schaffung des Großdeutschen Reiches entsprach ohne Zweifel einer tiefen und jahrhundertealten Sehnsucht, und sie war in sich selbst (wenn man von der Komplikation durch den Zeitpunkt absieht) um kein Haar weniger legitim als die Errichtung des französischen oder italienischen Nationalstaates." Wie aber bekam Hitler, der Einzeltäter, Macht über ein ganzes Volk einschließlich seiner Eliten, darunter die eigentlich "unpolitischen" Generäle der Wehrmacht? Nolte greift in seiner Erklärung nicht einfach auf das Stereotyp vom "dämonischen Verführer" zurück, der die willenlosen Massen in seine Verbrechen hineingezogen hätte. Entscheidende Voraussetzung dafür sei gewesen - hier ist Nolte durchaus originell -, dass die vielen Millionen Mitläufer von dem gleichen Grundgefühl beherrscht worden seien wie ihr Führer: der Angst. Da gibt es die "bürgerliche Revolutionsfurcht", ja sogar die Angst vor der roten Fahne! Auch "die Fahne (der Nazis) war zwar blutrot", räumt Nolte ein, "aber doch nicht von jener Angst erregenden (!) Einfarbigkeit, sondern mit einem freilich fremdartigen Heils- und Hoffnungszeichen in der Mitte." Von Angst geschüttelt sieht Nolte auch die Spitze der Wehrmacht, die vor dem Überfall auf die Sowjetunion ihre berüchtigten Vernichtungsbefehle ausarbeitete: "In den bekannten Erlassen der Marschälle von Reichenau und von Manstein ist in der Tat noch etwas spürbar von dem Schrecken der Offiziere vor dem fremdartigen Phänomen der Revolution von 1918." Dieses Erschrecken "bis in den Tod" ist für Nolte "das banale Grundfaktum, ohne das Faschismus und Nationalsozialismus nicht denkbar sind". Auch wenn 1922 in Italien und erst recht 1933 in Deutschland objektiv keine "Revolutionsgefahr" bestand, hat Nolte für die Angst volles Verständnis. Zwar sei der "rote Terror" schon bald vom Terror der Faschisten übertroffen worden; diese hätten aber die Methoden des Bolschewismus nur übernommen und abgewandelt. So sind es letztlich auch schon in Noltes Buch aus dem Jahre 1963 die Linken, die den "Boden für die neue Saat" bereiten. Sie sind verantwortlich für die Angst einer ganzen Epoche, die in Deutschland besonders katastrophale Wirkungen hatte - wegen Hitler: "Er war ein Mensch an der Grenze der Krankheit, gejagt von pathologischen Ängsten, als deren Ursache ihm sein infantil-eidetisches (anschauliches; ak) Vermögen ,den Juden` vor die Augen stellte. Aber seine Angst war als solche die Angst eines Volkes, einer Kultur, einer Epoche." Demnach wäre, was Hitler und die Deutschen verband, vor allem das Gefühl, sich gegen eine tödliche Gefahr wehren zu müssen. Nolte geht aber noch weiter, wenn er nahe legt, dass dieses kollektive Gefühl der Bedrohung zumindest teilweise berechtigt war. Der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion sei "in einem noch näher zu bestimmenden Sinne ein Verteidigungskrieg" gewesen, schreibt er. "Verteidigt" wurde, so Nolte, die deutsche "Souveränität" gegen einen Feind, der durch seine rasant wachsende Wirtschaftskraft zur "Weltgefahr" geworden war - und damit "in einem realeren Sinne" als in der NS-Propaganda behauptet. Nolte schreibt: "Wer den Entwicklungsvorsprung (Deutschlands bzw. des Westens; ak) als ein ewiges Recht empfand, musste sich bedroht fühlen" - " weil ein industrialisiertes Osteuropa eo ipso die Negation der totalen, das heißt vor allem militärgeographischen deutschen Souveränität bedeutete." Die "verzerrte Kopie" des Kommunismus So tastet sich Nolte ebenfalls schon 1963 an die These vom "Präventivkrieg" heran: Lenin eröffnet den "europäischen Bürgerkrieg", aber Hitler ist schneller als Stalin - das ist, ungeachtet gelegentlicher stilistischer Raffinesse, Geschichtsschreibung auf Illustrierten-Niveau. Das bisher Gesagte soll nun beileibe nicht heißen, dass Nolte sich im Historikerstreit nur selbst zitiert hätte. Zudem richtete sich seine Provokation von 1986, den Judenmord als "Reaktion oder verzerrte Kopie" zu verkleinern, gezielt an ein Massenpublikum. FAZ-Herausgeber Joachim Fest, der Nolte ein Forum bot, hatte die politische Nützlichkeit des Tabubruchs erkannt. Diese bestand darin, schrieb Jürgen Habermas in seiner Replik, dass sie dem konservativen Projekt der "Wiederbelebung des Nationalbewusstseins" auf doppelte Weise diente: "Die Nazi-Verbrechen verlieren ihre Singularität dadurch, dass sie als Antwort auf (heute fortdauernde) bolschewistische Vernichtungsdrohungen mindestens verständlich gemacht werden. Auschwitz schrumpft auf das Format einer technischen Innovation und erklärt sich aus der ,asiatischen` Bedrohung durch einen Feind, der immer noch vor unseren Toren steht." Als dieser Feind zwischen 1989 und 1991 die Fahne einholte, wurde der tapfere Frontsoldat Ernst Nolte nicht mehr gebraucht. Dass er fortan in den meisten deutschen Zeitungen, die FAZ eingeschlossen, nicht mehr publizierte, hängt allerdings auch mit dem Ausgang des Historikerstreits zusammen. Nolte und seine Anhänger konnten sich damals mit ihren Thesen nicht durchsetzen, weil selbst deutschnationale Kommentatoren wie Rudolf Augstein ihnen deutlich widersprachen. Anders als in Italien, wo er auch in liberalen Blättern regelmäßig interviewt wird, ist es in Deutschland still geworden um Nolte. Führende CDU-Politiker, selbst bayerische Landesminister zogen es vor, der Münchner Preisverleihung fern zu bleiben. Über solchen Undank muss sich Nolte nicht grämen. Er darf es sich als "Verdienst" anrechnen, die Renaissance der Totalitarismustheorie vorbereitet und angeschoben zu haben. In diversen "Light"-Versionen kann sie heute als hegemonial gelten - wie z.B. die Diskussion um das "Schwarzbuch des Kommunismus" zeigt. Nolte hat in seiner Dankesrede auf diese Kontinuität selbst hingewiesen. Darüber hinaus hat er seine etwas umständlich formulierte These von 1986 bekräftigt und zu dem Lehrsatz komprimiert, "dass die KPdSU die früheste und stärkste Vernichtungsorganisation des 20. Jahrhunderts war und dass die nationalsozialistische Partei eine spätere und weniger umfassende Entsprechung darstellte, ja vielleicht nicht mehr als eine ,verzerrte Kopie`." Soweit mir bekannt, hat es kein deutscher Politiker für nötig befunden, dieser grotesken Verharmlosung des Nationalsozialismus zu widersprechen. Offensichtlich erscheint Noltes Lehre auch denen politisch funktional, die einer Begegnung mit ihm lieber aus dem Wege gehen. Js. Literatur: Deutschland Stiftung e.V. (Hg.): Festschrift zur Verleihung der Konrad-Adenauer-Preise 2000 für Wissenschaft und Literatur "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung; München (Piper) 1987 Thomas Nipperdey/Anselm Doering-Manteuffel/Hans-Ulrich Thamer: Weltbürgerkrieg der Ideologien. Antworten an Ernst Nolte; Berlin (Propyläen) 1993 Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action Française, italienischer Faschismus, Nationalsozialismus; München (Piper) 1990 Ernst Nolte: Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus; Berlin (Propyläen) 1987 Hans-Ulrich Wehler: Entsorgung der deutschen Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum Historikerstreit; München (Beck) 1988 Auf Kommentare, Anregungen und Kritik freuen sich AutorInnen und ak-Redaktion www.akweb.de © analyse & kritik, Rombergstr. 10, 20255 Hamburg
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| | Samstag, den 15. 07. 2000 - 06:58 Ein paar dutzend Millionen Kriegstote, ein paar Millionen tote Juden, ein paar dutzend Angriffskriege, zerstörte Länder, zerstörte Städte. Wie blenden um zum Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, zweiter Prozeß: Auftritt Hitler, Adolf. Er redet im gleichen, abgehackten Tonfall, wie aus seinen Reden bekannt: "Jawohl! Mein Verteidiger, der Herr Nolte, hat völlig recht! Der Jude ist es, hier in Gestalt des bolschewistischen Untermenschen, der unsere deutsche Kultur zerschlagen wollte!" Hitler, selbstvergessen in einem schizoiden Schub, stößt die Hände in Rednerpose gehn Himmel, die Augen andächtig geschlossen. Der lange gewohnte Applaus bleibt aus. Er bemerkt es nicht, und fährt fort: "Wir haben nur in Pu-ta-tiv-not-wehr gehandelt." Er zerhackt die Silben mit der rechten Hand. Versöhnlich setzt er hinzu: "Es mag schon sein, daß der eine oder der andere, wie soll ich sagen, dabei ein wenig über die Stränge geschlagen hat. Doch hätte ich mehr von diesen und weniger von den Bedenkenträgern um mich gehabt, so stände ich heute nicht hier, und Sie, meine Herren, die Sie hier ein jüdisch-bolschewistisches Tribunal über DEUTSCHLAND abzuhalten gedenken, wären längst der heiligenden Kraft der Flammen übergeben worden." Hitler setzt sich staatsmännisch, und erwartet den donnernden Applaus, der heute ausbleiben wird. Nur Nolte klopft seinem Klienten leicht auf die Schulter. Er weiß wohl, er wird keinen Freispruch erreichen können. Aber wie erbauend doch ein großer Angeklagter für einen Juristen zu sein vermag. Blende auf die den Zuschauerraum Verlassenden. Ein Mann zu einem anderen: "Also, ich war an der Ostfront. Wenn man gesehen hat, was ich gesehen habe, dann kann daran", er nickt zu Hitler und Nolte hinüber, "kein Zweifel bestehen." Der andere Mann: "Ja, schon recht, mein Bester. Selbst dieser Churchill stößt ja neuerdings in das gleiche Horn. Werden schon noch sehen, was sie an diesem Sieg haben, die Herren Judenfreunde." Jovial klopft er dem Frontkämpfer auf die Schulter, und bietet ihm eine amerikanische Zigarette an.
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| | Samstag, den 15. 07. 2000 - 07:07 Daß das Wort 'asiatische Tat' ein rassistisches Stereotyp sondergleichen ist, sei nur am Rande erwähnt. Es ist bestimmt geeignet, den etwas abgenutzten Antisemitismus im bigotten Feuilletonistenhirn zu ersetzen. Oder wenigstens - zu ergänzen.
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| | Sonntag, den 16. 07. 2000 - 22:25 Den letzten Artikel Der "Geschichtsdenker" Ernst Nolte und sein "missverstandenes" Lebenswerk fand ich wesentlich besser und nüchterner als die zuvor von mir kritisierten. Die Kritik an Nolte ist sicherlich gerechtfertigt und wichtig. Dabei sehe ich ihn in einer vergleichbaren Situation wie Goldhagen jetzt: Die Fragen, die beide aufwarfen, waren bestimmt berechtigt. Allerdings gaben beide darauf falsche, bzw. überzogene Antworten. Zu hinterfragen bleibt natürlich aber auch weiterhin die Motivation Noltes zu seinen Thesen. Wegen des Begriffs "asiatische Tat" würde ich ihn ohne genauere Kenntnis seiner Schriften nicht voreilig verurteilen wollen. Ich halte es für möglich, dass er die von ihm postulierten Ängste auch so wiedergeben wollte, wie sie damals von den "Angsthabenden" gesehen wurden. Über dieses Stilmittel war doch auch Jenninger in seiner Rede über die Reichspogromnacht (war es darüber?) gestürzt. Einen Spruch wie "dass die KPdSU die früheste und stärkste Vernichtungsorganisation des 20. Jahrhunderts war und dass die nationalsozialistische Partei eine spätere und weniger umfassende Entsprechung darstellte, ja vielleicht nicht mehr als eine ,verzerrte Kopie`." zu bringen, ist dumm. Ihn als groteske Verharmlosung des Nationalsozialismus zu bezeichnen, zeugt in meinen Augen aber auch nicht von Klugheit. Schade, wenn Leuten zu solchen Sprüchen nie mehr einfällt, als dass damit der NS verharmlost würde
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 01:32 Also ich fuer mein Teil finde, dass Goldhagen und Nolte beide total daneben sind mit ihren beruehmten und (ganz zu recht) beruechtigten Thesen. Und ferner, dass schon die Fragen, denen die Beiden nachgehen (Gab es schon lange vor Hitler ein spezifisch deutscher Antisemitismus? bzw Ist der Nationalsozialismus irgendwie rational zu nennen, irgendwie zu rechtfertigen, aus der Sicht der Nazis?) zeigen, dass sie im Vornherein die Fragen mit Ja beantworten wollten. Berechtigt? na ja was ist eine berechtige Frage? Ich finde die Fragen und vor allem die Antworten bei diesen Beiden ganz bloed.
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 15:46 Arno: Einen Spruch wie "dass die KPdSU die früheste und stärkste Vernichtungsorganisation des 20. Jahrhunderts war und dass die nationalsozialistische Partei eine spätere und weniger umfassende Entsprechung darstellte, ja vielleicht nicht mehr als eine ,verzerrte Kopie`." zu bringen, ist dumm. Ihn als groteske Verharmlosung des Nationalsozialismus zu bezeichnen, zeugt in meinen Augen aber auch nicht von Klugheit. Schade, wenn Leuten zu solchen Sprüchen nie mehr einfällt, als dass damit der NS verharmlost würde Der Spruch enthält einen Vergleich, der wiederum eine gewisse Identifizierung bedeutet. Ich finde Vergleiche, besonders im NS-KZ-Holocaust Bereich, höchstgefährlich und unverantwortlich. Damit ist nicht gesagt, dass die Nazis das Vernichtungsmonopol hatten und auch nicht, dass andere Mordmaschinen weniger perfekt funktionierten. Es bedeutet ganz einfach, dass riesige, erschütternde Verbrechen alleine stehen und nicht zu vergleichen sind. Es war kein Luxus in Auschwitz zu sterben im Vergleich zu anderen Orten des Grauens. "Ihr habt soviele zu Tode frieren, hungern und arbeiten lassen, wir haben nur soviele vergast" - das ist nicht bloß dumm, sondern gefährlich. Ab einer gewissen Stufe der menschlichen Bestialität ist kein Vergleich mehr möglich.
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 17:51 Tamara: Prinzipiell bin ich da deiner Meinung. Ich sehe ab einer gewissen Stufe der Bestialität nicht den geringsten Sinn eines Vergleichs. Warum auch? Etwa um den größten Unhold der Geschichte ins Guinness Buch der Rekorde einzutragen? Wenn allerdings jemand grundsätzlich (!?) Vergleiche mit dem NS ablehnt mit der Begründung, damit verharmlose man den NS, dann sehe ich darin schon dieses bescheuerte Bestreben. Dazu kommt die moralische Abwertung desjenigen, der den Vergleich brachte. Statt einfach nur zu sagen: "Ich sehe keinen Sinn in deinem Vergleich." Ich finde, dass Thomas Brackel diese Situation sehr gut im SpOn beschrieben hat.
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 18:56 Nun, man kann natürlich alles mit allem vergleichen. Das ist überhaupt kein Problem. Allerdings wird man sich bei Vergleichen die Frage gefallen lassen müssen, was genau verglichen wird, und was daraus denn folgen soll. Dies ist bei Nolte aber gar nicht notwendig. Er sagt ja selbst, worum es geht: Den Nationalsozialismus aus sich selbst heraus zu verstehen, und ihn also zu relativieren und letztlich zu entschuldigen. Denn nichts anderes bedeutet ja 'die asiatische Tat'. Wer sich gegen die Barbaren wehrt, der kann sie nicht mit Samtpfötchen anfassen. Und wo gehobelt wird, da fallen Späne. Diese Sicht Noltes ist historisch nicht neu. Es ist exakt die gleiche, die es dem Vatikan ermöglicht hat, Hitler gegen 'den Kommunismus' zu unterstützen. Es ist exakt die gleiche, die die zurückweichlerische Appeasementpolitik ermöglicht hat. Es ist exakt die gleiche, die jüdische Flüchtlinge nicht in der Schweiz oder in Amerika sehen wollte. Eine ähnliche Sicht ermöglichte den GI's, in Vietnam Napalm auf Zivilisten zu werfen, oder andere Freundlichkeiten an Frauen und Kindern zu begehen. Man muß halt nur wissen, daß es für eine gute Sache passiert. Antikommunismus ist aus Sicht Noltes und seiner Claquere die denkbar Beste aller guten Sachen. Und wo gehobelt wird.....
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 19:58 Aha: Zahlen und Fakten bzw. die daraus zu ziehenden manchmal sehr naheliegenden Schlüsse können also z.B. im Widerspruch zu allgemein als selbstverständlich gehandelten angenommenen Absichten und Zielen von Generälen und Politikern stehen, - wenn man sie sich genauer ansieht. Finde ich auch. Irgendwie. (Quelle?)
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 20:11 daraus denn folgen soll. Das sehe ich ebenfalls so, weshalb ich auch oben die Hinterfragung Noltes Motivation als wichtig ansah. Eine Entschuldigung des NS sehe ich in seiner These allerdings so noch nicht. Wohl eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte. Wenn auch nur einen Teilaspekt, den er zur falschen Größe aufbläst. Es gibt Leute, die daraus eine Entschuldigung basteln wollen, aber mit denen ist eh nicht rational zu reden.
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 20:14 Hi Tamara: Der Spruch enthält einen Vergleich, der wiederum eine gewisse Identifizierung bedeutet. Wurzeln? Ich finde Vergleiche, besonders im NS-KZ-Holocaust Bereich, höchstgefährlich und unverantwortlich Ja. Ab einer gewissen Stufe der menschlichen Bestialität ist kein Vergleich mehr möglich. Zu was? "Ihr habt soviele zu Tode frieren, hungern und arbeiten lassen Wer? Fragt sich; HG
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| | Montag, den 17. 07. 2000 - 23:24 Hi HG, Der Spruch enthält einen Vergleich, der wiederum eine gewisse Identifizierung bedeutet. Wurzeln? Ich verstehe deine Frage nicht. Ab einer gewissen Stufe der menschlichen Bestialität ist kein Vergleich mehr möglich. Zu was? Ein Vergleich zwischen zwei extremen Ausdrücken der menschlichen Bestialität. "Ihr habt soviele zu Tode frieren, hungern und arbeiten lassen Wer? Stalin und seine Henker in erster Linie, aber auch die post-revolutionäre Regierung in Russland. Der "Spruch" (s.Arno oder bei mir im Zitat) enthält einen Vergleich zwischen post-revolutionärem Russland und Nazi Deutschland. Einen Gegendienst bitte: Kannst du mir Noltes Begriff "asiatische Tat" erklären? T.
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| | Montag, den 14. 08. 2000 - 18:33 Keine geringfügigen Korrekturen Um der Wehrmachtsausstellung eine Chance zu geben, trennt sich Jan Philipp Reemtsma von Hannes Heer ... Es wird immer deutlicher, dass ein korrekter Umgang mit historischen Fotografien hochkompliziert ist. "Die Ausstellungsmacher sind offensichtlich Opfer der Archive geworden", sagte unlängst der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer, der auch der Kommission angehört, auf einem Podium in Soest. Häufig seien die Bilder von den Archiven schon falsch beschriftet und einsortiert worden. Wer dann, wie Heer und seine Mitarbeiter, blind der Legende vertraute, lief in die Irre. Doch die These, so Thamer weiter, dass der Krieg der Wehrmacht im Osten auch gegen die Zivilbevölkerung geführt worden sei, bestätige sich "trotz allem agitatorischen Eifer der Macher". Die Zeichen stehen nicht schlecht für eine neue, überarbeitete Wehrmachtsausstellung. Kaum ein Wissenschaftler bezweifelt grundsätzlich die These von den "Verbrechen der Wehrmacht" und eines Vernichtungskrieges im Osten. Die Kritiker der Wehrmachtsausstellung dagegen - der ungarische Historiker Ungváry und der in Polen gebürtige Historiker Musial - stehen inzwischen selbst in der Kritik. Die hochgerechnete Zahl von Ungváry, 90 Prozent der Fotos in der Ausstellung zeigten keine Wehrmachtsverbrechen, scheint auf jeden Fall überzogen. Damit hat er seine teilweise sehr berechtigte Kritik selbst entwertet. Und auch Musial sieht sich seit seinem neuesten Buch "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen. Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941" (Berlin, Propyläen) erschrocken dem Vorwurf der Verharmlosung und Entlastung deutscher Täter ausgesetzt. ...
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| | Freitag, den 18. 08. 2000 - 17:54 Zur dringenden Lektüre. Der lange Abschied von Heldenlegenden Das hat uns die Auseinandersetzung um die Wehrmacht-Ausstellung gelehrt: Die Wahrheit ist grausamer, die Wirklichkeit heimtückischer als im Täter-Opfer-Schema vorgesehen - Essay
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| | Sonntag, den 20. 08. 2000 - 10:40 Was mir schon immer sauer aufgestossen ist, das ist die Glorifizierung dieses schwächlichen Widerstandes um den 20. Juli herum, der viel zu spät kam, und keineswegs von demokratischen Zielen getragen war. Heute wird er gern genutzt, um die Wehrmacht in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Dabei stand sie doch in einer der dunkelsten Ecken. Der britische Historiker Kershaw, der gerade den zweiten Band seiner Hitler-Biographie veröffentlicht, sieht dies ganz ähnlich: Einer von den wenigen sicherlich, vermutlich gerade deshalb, weil er ein Außenseiter war. Elser ist kein politischer Mensch, er will Hitler töten, um den Krieg zu beenden, einfach so. Verglichen mit den Offizieren, die immer wieder zögern, bis sie 1944 endlich einen Anschlag zu Stande bringen, ist Elser eine Lichtgestalt.
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| | Dienstag, den 05. 09. 2000 - 06:00 ("Js." meldet sich nocheinmal zum Thema Nolte, diesmal mit einer Buchempfehlung.) ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 441 / 31.08.2000 Die neue Staatsdoktrin Karl Heinz Roth analysiert den Siegeszug der Totalitarismustheorie Der Geschichtsrevisionist Ernst Nolte, unlängst mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichnet (vgl. ak 440), ist ein belesener Mann. In seinem Aufsatz "Was ist ,historischer Revisionismus`?", abgedruckt in der Festschrift zur Preisverleihung, zeigt Nolte, dass er auch die Polemiken seiner schärfsten Kritiker zur Kenntnis nimmt. Hinter der Empörung, mit der Nolte Karl Heinz Roths Formulierung vom "Altfaschisten Nolte" zitiert, wird dabei auch Genugtuung sichtbar. Denn Nolte sieht neben den "Schimpfreden" auch "Wendungen..., die gewiss aus einer Art Zweckpessimismus hervorgehen, aber gleichwohl als übermäßig ehrenvoll gelten könnten: Noltes geschichtsphilosophischer Rahmen, das Konzept des ,europäischen Bürgerkrieges`, bilde inzwischen ,die Grundlage des Diskurses`, und man müsse befürchten, dass der Initiator den ,Historikerstreit` am Ende doch gewonnen habe." So weit gibt Nolte korrekt wieder, was Karl Heinz Roth in seinem Buch "Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie" als Zwischenbilanz der geschichtspolitischen Debatten in Deutschland (und zum Teil darüber hinaus) formuliert. Zwar warnt Roth auch vor Panikmache, sein Fazit bleibt aber pessimistisch: "Mit der Totalitarismustheorie als argumentativem Kern hat sich der historische Revisionismus inzwischen zweifellos eine kulturell hegemoniale Stellung erobert." Die in dem Buch zusammengefassten Aufsätze, geschrieben zwischen 1992 und 1998, zeichnen den Siegeszug der Totalitarismustheorie überzeugend nach - einer inhaltlich ärmlichen und in sich widersprüchlichen "Theorie", die aber für ihre Anhänger mehrere Vorteile miteinander verbindet: Sie ist extrem simpel ("Rot gleich Braun") und damit auch für politische Analphabeten verständlich; sie setzt den Begriff "Freiheit" mit den Bürgerrechten der parlamentarischen Demokratie gleich und verknüpft ihn zugleich mit dem Privateigentum; sie kriminalisiert damit jeglichen Versuch, dem Kapitalismus eine Alternative entgegenzusetzen; sie legitimiert die flächendeckende Abwicklung der DDR-Gesellschaftswissenschaften als Kampf gegen den "Totalitarismus" - und nicht zuletzt untermauert sie die Ansprüche ihrer Verfechter auf gut dotierte Posten und Forschungsaufträge. Der mit Abstand längste von Roths Aufsätzen behandelt den "Einfluss der Totalitarismustheorie auf die Bundestags-Enquete ,Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland` und ihre Auswirkungen auf die politische Kultur der Bundesrepublik". Roth weist nach, dass der wissenschaftliche Erkenntniswert dieser Theorie gleich Null ist, und skizziert ihre Konjunkturen seit den 1920er Jahren. Nach ihrer Blütezeit im Kalten Krieg und dem Einbruch in den 1960er Jahren kam der entscheidende Durchbruch der "Neo-Totalitarismustheorie" nach dem Untergang der DDR. Antitotalitärer Konsens statt Antifaschismus An ihrem Siegezug waren Scharen von Historikern, Politikern und Publizisten beteiligt, unter ihnen lautstarke "Fundis" und taktisch geschickte "Realpolitiker". Roth schildert anschaulich, wie letztere das Totalitarismusverdikt durch die Hintertür in die entscheidende Bundestagsresolution einbrachten. Die Enquete, beschloss der Bundestag mit überwältigender Mehrheit, sei "vor allem den Deutschen in den neuen Bundesländern (verpflichtet), die über nahezu sechs Jahrzehnte hinweg diktatorischen Regierungsformen unterworfen waren". Damit war das fast drei Jahre dauernde "Tribunaltheater" eröffnet, bei dem auch Renegaten wie der ehemalige DKP-Poet Peter Schütt mitmachen durften. Auch Jürgen Habermas, im Historikerstreit von 1986 einer der entschiedensten Kritiker Noltes, bekannte sich zum "antitotalitären Konsens". Dieser Konsens, schreibt Roth, "ist nun parlamentarisch kanonisiert und beansprucht Verbindlichkeit nicht nur für die Politik, sondern für das gesamte Spektrum der Gesellschaftswissenschaften." In kürzeren Artikeln behandelt Karl Heinz Roth die "Wiederbelebung der Totalitarismustheorie" durch das Hamburger Institut für Sozialforschung ("Reemtsma-Institut") und die Versuche der Geschichtsrevisionisten um Rainer Zitelmann, Hitler zum "Revolutionär" und "Modernisierer" umzudeuten. Am Ende des Buches steht Roths "Zwischenbilanz" über den "historischen Revisionismus in Deutschland", die mit den Worten endet: "Die entscheidende Auseinandersetzung steht erst noch bevor." Das wurde allerdings schon 1994 geschrieben - gern würde man wissen, wie der Autor fünf Jahre später den Fortgang der Auseinandersetzung bewertet. Aber das ist ein Schönheitsfehler, der das positive Gesamtbild nicht stört. Zu diesem positiven Bild tragen auch Roths wiederholte und keineswegs floskelhafte Aufforderungen an die Linke bei, aus der eigenen Geschichte zu lernen. So manchem Anhänger des Realsozialismus wird bei einigen Formulierungen der Unterkiefer herunterklappen. Und auch die "Antideutschen" werden gar nicht zufrieden sein, wenn sie Roths Darstellung des Endes der DDR lesen. Die große Mehrheit der DDR-Bürger nämlich, die zur BRD überlief, schreibt Roth, "war davon überzeugt, auf diese Weise ihre gesellschaftliche Autonomie auf der Basis eines wesentlich verbesserten Lebensstandards weiter ausgestalten zu können." Treffend formuliert, aber aus "antideutscher" Sicht sicherlich schönfärberisch - wo bleibt die angeblich allgegenwärtige "Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft"? Übertrieben scheint mir allerdings der Stellenwert, den Karl Heinz Roth der Totalitarismusdoktrin an der Demoralisierung der ostdeutschen Bevölkerung beimisst. Er schreibt: "Durch das antitotalitäre Verdikt wurden die Ostdeutschen zugleich aller Grundlagen beraubt, die eine Widerstandsperspektive hätten legitimieren können." Wichtiger ist wohl, dass nach dem Anschluss den meisten DDR-BürgerInnen individuelles Durchwursteln Erfolg versprechender erschien als kollektiver Widerstand - und dass, abgesehen von der PDS, eine organisierende Kraft fehlt. Aber das ist eine Diskussion, die vom zentralen Gegenstand dieses lesenswerten Buches weg führt. Js. Karl Heinz Roth: Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie; Hamburg (konkret texte 19) 1999, 152 Seiten, 19,80 DM
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| | Dienstag, den 05. 09. 2000 - 09:39 Karl Heinz Roth ist mir nicht völlig unbekannt. Er lebt in Hamburg, und wird da seit einem Vierteljahrhundert als Vordenker der Autonomen herumgereicht. Was immer das heißen mag. Ich kann mir nichts darunter vorstellen. Karl Heinz Roth veröffentlicht im Konkret-Verlag, wo auch sonst? Hinter Konkret steht Gremliza, hinter Gremliza Reemtsma. Wer sonst sollte in Hamburg für die Finanzierung linker Projekte ansprechbar sein? All dies nicht als Vorwurf formuliert, sondern nur als ganz dezenter Hinweis, daß wir es seit sehr langer Zeit mit der immer gleichen, kleinen Gruppe Intellektueller zu tun haben, zu der auch die a&k-Leute, ehedem 'Arbeiterkampf - Zeitung des kommunistischen Bundes' gehören. So weit gibt Nolte korrekt wieder, was Karl Heinz Roth in seinem Buch "Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie" als Zwischenbilanz der geschichtspolitischen Debatten in Deutschland (und zum Teil darüber hinaus) formuliert. Zwar warnt Roth auch vor Panikmache, sein Fazit bleibt aber pessimistisch: "Mit der Totalitarismustheorie als argumentativem Kern hat sich der historische Revisionismus inzwischen zweifellos eine kulturell hegemoniale Stellung erobert." Die in dem Buch zusammengefassten Aufsätze, geschrieben zwischen 1992 und 1998, zeichnen den Siegeszug der Totalitarismustheorie überzeugend nach - einer inhaltlich ärmlichen und in sich widersprüchlichen "Theorie", die aber für ihre Anhänger mehrere Vorteile miteinander verbindet: Sie ist extrem simpel ("Rot gleich Braun") und damit auch für politische Analphabeten verständlich; sie setzt den Begriff "Freiheit" mit den Bürgerrechten der parlamentarischen Demokratie gleich und verknüpft ihn zugleich mit dem Privateigentum; sie kriminalisiert damit jeglichen Versuch, dem Kapitalismus eine Alternative entgegenzusetzen; sie legitimiert die flächendeckende Abwicklung der DDR-Gesellschaftswissenschaften als Kampf gegen den "Totalitarismus" - und nicht zuletzt untermauert sie die Ansprüche ihrer Verfechter auf gut dotierte Posten und Forschungsaufträge. Die Totalitarismustheorie ist natürlich komplizierter. Darauf möchte ich aber gar nicht eingehen. Eingehen möchte ich auf den völlig falschen Satz sie setzt den Begriff "Freiheit" mit den Bürgerrechten der parlamentarischen Demokratie gleich und verknüpft ihn zugleich mit dem Privateigentum; sie kriminalisiert damit jeglichen Versuch, dem Kapitalismus eine Alternative entgegenzusetzen. Da zeigt sich der Gedanken Schwäche: ein Verknüpfung von Freiheit und Privateigentum durch irgendeine Totalitarismustheorie wird nicht benötigt, niemand, - wenigstens niemand, auf den es gesellschaftlich ankäme - bezweifelt auch nur im Ansatz, daß beides zusammengehört. Die Totalitarismustheorie hatte eine Funktion im Kampf gegen die Staaten des warschauer Paktes, sie bauchpinselte wohl auch ein paar alten Knackern, die immer noch versuchten rauszukriegen, was sie eigentlich in Stalingrad wollten, aber zum Beweis der Überlegenheit nichtplanwirtschaftlicher Theorien wird sie nicht benötigt. Das schafft die Praxis allein. Roth schildert anschaulich, wie letztere das Totalitarismusverdikt durch die Hintertür in die entscheidende Bundestagsresolution einbrachten. Die Enquete, beschloss der Bundestag mit überwältigender Mehrheit, sei "vor allem den Deutschen in den neuen Bundesländern (verpflichtet), die über nahezu sechs Jahrzehnte hinweg diktatorischen Regierungsformen unterworfen waren". Lustig, jetzt ist schon jeder ein Totalitarismustheorieanhänger oder -opfer, dem die undemokratische Verfaßtheit der DDR nicht verborgen geblieben ist. Was lehrt uns das? Linke reden auf einem viel höheren sprachlichen und theoretischen Niveau Unfug, als ihre rechten Gegenspieler. Es bleibt doch Unfug.
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| | Dienstag, den 05. 09. 2000 - 15:08 Aus dem Kommentar in der Welt zu der Wehrmachtsausstellung: Der Historikerstreit 1986 endete damals mit einer Tabuierung, die man, passte das Wort in die politische Auseinandersetzung, herzlos nennen müsste. Ausgerechnet in der Bundesrepublik Deutschland mochte man, mit dem Verweis auf die Unvergleichlichkeit deutscher Verbrechen unter den Nazis, über die Millionen Opfer des sozialistischen Experiments in der Sowjetunion nicht reden. Unsere osteuropäischen Nachbarn werden uns diese zynische Selbstverliebtheit in die eigene Schuld nicht mehr lange durchgehen lassen - die Debatte um die Wehrmacht-Ausstellung hat das gezeigt. So ist es. Und deshalb wäre eine größere Genauigkeit dieser Ausstellung wünschenswert gewesen. Der Blick auf die Vergangenheit muss illusionslos sein. Auch hinsichtlich der Gegenseite zu den NS-Aggressoren.
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| | Dienstag, den 05. 09. 2000 - 15:33 The danger of the uniqueness argument is that it blinds us to the possibility of other forms of evil. People see the Holocaust museums and memorials, they see the face of Hitler, and they think that that is what evil is like. The truth is that evil also wore the masks of Stalin, Lenin, Mao and Pol Pot. And, if we are convinced that evil must wear jackboots and a little moustache, we may not recognise it the next time round. Bryan Appleyard in einer Rezension der Sunday Times am 11. Juni 2000.
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| | Mittwoch, den 06. 09. 2000 - 22:15 Erstens: hoffentlich war schon klar, dass es nicht bedeutet, wenn ich, nun schon zum dritten Male, was von "Js." (Wer ist "Js."???) hier kopiert habe, dass ich mit Allem, was "Js." behauptet, uebereinstimmen wuerde. Mit vielem aber schon. Zum Beispiel bezweifle ich, und gar nicht bloss im Ansatz, dass Freiheit und Privateigentum unbedingt zusammengehoeren. Nach Alex also kommt es auf mich gesellschaeftlich nicht an. "Was immer das heißen mag. Ich kann mir nichts darunter vorstellen." Ferner: ich muss "Js." recht geben, wenn er (oder sie???) ueber die Totalitarismtheorie sagt: Sie ist extrem simpel ("Rot gleich Braun") und damit auch für politische Analphabeten verständlich... Nicht, dass das mir ein Blitz vom Himmel war: ist doch offentsichtlich, dass die Unterstuetzung der weiten, breiten, bloeden Schichten der Leute immer unentbehrlich gewesen ist fuer die Rechten, ob milder oder extremer Spielart. Ja, es ist den Rechten ganz wichtig, dass die Bloeden bloed bleiben.
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| | Donnerstag, den 07. 09. 2000 - 07:29 Mit vielem aber schon. Zum Beispiel bezweifle ich, und gar nicht bloss im Ansatz, dass Freiheit und Privateigentum unbedingt zusammengehoeren. Du kannst ja mal probieren, die Leute von ihrem Privateigentum zu separieren. Sie werden Dich totschlagen. Oder Du sie. Ein Blick ins Geschichtsbuch lehrt: Du wirst sogar schwer beschäftigt sein.
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| | Donnerstag, den 07. 09. 2000 - 21:48 Ja, auch das ist mir kein Blitz vom Himmel. Ich bilde mir nicht ein, dass ploetzlich morgen oder naechste Woche das Privareigentum abgeschafft wird. Ich habe auch keine gewaltsame rote Zelle hier in Columbus gebildet, und werde auch keine solche unterstuetzen, falls sie existiert. Dass die Kommunisten gescheitert sind, bedeutet nicht, dass linke Ideale wie Abschaffung des Privateigentums an und fuer sich verwerflich sind. (Im Gegensatz zu nationalen, rechten Idealen, die an und fuer sich verwerflich sind, und wahnsinnig.) Es bedeutet auch nicht, das Kapitalismus das einzig moegliche und praktische oekenoemische System ist. Es bedeutet bloss, dass die Kommunisten ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Marx war ja nicht der erste, den der Kapitalismus geekelte. Schon die "Utopia" des Morus bestand zum grossen Teil aus Kapitalismuskritik. Und war btw ein riesiger Renner. Ich werde nicht der letzte sein, der Kapitalismus Scheisse findet. Das bedeutet ja nicht -- bei mir bedeutete es ja nie, auch nicht Februar 99, auf der Hoehe meines Kommie-Irrtums -- dass ich jetzt vorhabe, "Zur Kritik der politischen Okonomie" und alle drei Baender vom "Kapital" zu studieren und auszulegen, als waere ich ein Scholastiker und sie das Alte und Neue Testament. Bedeutet bloss, dass ich Kapitalismus Scheisse finde. Dass ich mir recht leicht was Besseres vorstellen kann. Ja Du selbst, wenn ich mich recht erinnere, hast etliche, mit dem Kapital in direktem Gegensatz stehenden Sprueche wie "Von Jedem nach seinem Koennen, an Jeden nach seinem Bedarf" oder wie er auch es ausdrueckte, positiv erwaehnt.
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| | Donnerstag, den 07. 09. 2000 - 22:08 Das ganze ist eine Frage der Optimierung des wirtschaftlichen Produktionsprozesses. Der Kapitalismus funktioniert so gut, weil er das Evolutionsprinzip anwendet. Das ist immer noch die effektivste Optimierungsmethode in wirklich komplexen Situationen, wie es eine Volkswirtschaft ist. Jedes Verlassen des Evolutionsprinzips ist weniger effektiv. Das gilt nicht nur für Planwirtschaft, sondern auch für Kartelle und Korruption. Insoweit hatten Müller-Arnack und Erhard völlig recht. Der Marktmechanismus ist das Wesentliche. Wenn jemand ein besseres Optimierungsverfahren als das Evolutionsprinzip findet, oder wenn jemand eine bessere Basis als den Kapitalismus für die Anwendung des Evolutionsprinzips findet - immer her damit. Das Bessere ist der Feind des Guten.
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| | Donnerstag, den 07. 09. 2000 - 23:09 Das ist recht simplistisch, Huck. Der Kapitalismus funktioniert so gut... Fuer wen? Fuer die Indianer in Chiapas, fuer die PDS-Anhaenger in Ostdeutschland und die Kommunisten-Waehler in Russland scheint es nicht so ganz schoen zu sein. Jedes Verlassen des Evolutionsprinzips ist weniger effektiv. Mit Verlaub -- so redete Himmler. Effektiv fuer wen? Wenn jemand ein besseres Optimierungsverfahren als das Evolutionsprinzip findet, oder wenn jemand eine bessere Basis als den Kapitalismus für die Anwendung des Evolutionsprinzips findet - immer her damit.Wenn jemand ein besseres Optimierungsverfahren als das Evolutionsprinzip findet, oder wenn jemand eine bessere Basis als den Kapitalismus für die Anwendung des Evolutionsprinzips findet - immer her damit. Besser fuer wen? Des weiteren, wirfst Du ziemlich wild mit dem Wort "Evolution" um Dich. Evolution? Bill Gates und Warren Buffet kommen mir nicht besonders hochentwickelt vor, die scheinen mir keine Uebermenschen zu sein. Eher atavistisch. Nein, ich habe keine Loesung parat, ich kann nicht hier auf der Stelle einzweidrei die Welt neu fuer Dich erfinden. Bedeutet keineswegs, dass die kapitalistische Welt schon die bestmoegliche ist.
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