Archivieren bis zum 18. Juni 2000

High Debate: Politik & Gesellschaft: Historikerstreit: Archivieren bis zum 18. Juni 2000
  

Steven Bollinger

Montag, den 05. 06. 2000 - 23:35 Click here to edit this post
Aus der taz vom 5.6.

historiker: totalschaden
Nur ein Rücktritt ist ein richtiger Schritt


Der nationalkonservative Historiker Ernst Nolte hat gestern einen Preis bekommen - und zwar von der nationalkonservativen "Deutschland Stiftung". Ist das erstaunlich? Ein nationalkonservativer Laudator pries diese Ehrung als Verteidigung eines Andersdenkenden. Soll man sich darüber aufregen?

Allerdings. Denn die Lobrede auf den propagandistischen "Geschichtsphilosophen" hielt ausgerechnet Horst Möller, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Dieses Institut galt bis 1992, bis zu Möllers Inthronisation durch Helmut Kohl, als zentraler Ort für die Erforschung des Nationalsozialismus. Dort wirkten renommierte Historiker wie Martin Broszat, Helmut Krausnik und Norbert Frei, und gerade dort stießen Noltes Thesen einst auf fundierte Kritik.


Kommentar
von DANIEL HAUFLER


Am schärfsten tobte die Debatte um Nolte während des "Historikerstreits" im Jahr 1986, als er einen kausalen Zusammenhang zwischen bolschewistischen Massenvernichtungen und dem späteren nationalsozialistischen Holocaust behauptete. Nolte fragte damals rhetorisch: "War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der Klassenmord das logische und faktische Prius des Rassenmordes der Nationalsozialisten?" Der Holocaust ist für Nolte eine im Grunde nachvollziehbare, gewissermaßen präventive Abwehrreaktion gegenüber der Bedrohung aus dem Osten gewesen. Diese historische Spekulation war 1986 unhaltbar und nicht belegbar - und daran hat sich durch die Forschung bis heute nichts geändert.

Dennoch hat Nolte seine Spekulation auch in späteren Beiträgen und Büchern klar und eindeutig wiederholt. Wenn also Horst Möller in seiner Laudatio behauptet, Ernst Nolte sei oft "zu Unrecht missverstanden worden", so kann er nur Presseberichte meinen. Fachwissenschaftler wie Hans-Ulrich Wehler haben Noltes These detailliert geprüft und verworfen.

Dass Horst Möller diese Debatte ignoriert und als Vertreter des Instituts für Zeitgeschichte Noltes Ansatz im Wesentlichen verteidigt (er distanziert sich nur von Noltes Versuchen des "historischen Verstehens"), offenbart vor allem eins: Er teilt Noltes Konzept der Totalitarismustheorie, er glaubt, dass sich der Nationalsozialismus vor allem aus dem Gegensatz der großen Ideologien erklären lässt. Das passt. Schließlich haben Totalitarismuskonzepte seit 1989 Konjunktur. Möller macht da nur mit. Für den Direktor eines renommierten Instituts ist das zu wenig.


inland SEITE 7, portrait SEITE 11
Leitartikel
taz Nr. 6159 vom 5.6.2000 Seite 1 Seite 1 85 Zeilen
Kommentar DANIEL HAUFLER
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Steven Bollinger

Dienstag, den 06. 06. 2000 - 22:37 Click here to edit this post
(Wie Einige von Euch schon wissen: ich hielte mich ein paar Monate lang fuer einen Kommunisten. Das war vom Herbst 1998 bis frueh in 1999, also zur Zeit, als ich noch ganz ein Netz-Newbie war, und ganz begeistert von Vielem, was ich gerade im Netz gefunden hatte, wie "Jungle-World" und anderen linken Blaettern.

Na ja, wenn ich zuerst Kommunistisches auf Englisch statt auf Deutsch gelesen haette, haette ich womoeglich schneller kapiert was los war und waere schneller zum Ex-Kommunist.

Wie dem auch sei: immer noch sind mir Kommies ganz viel lieber als Nazis, und auch lieber als Solche, die, wie Nolte, behaupten wollen, die Kommies waeren bzw sind doch womoeglich schlimmer. Nolte ist kein Nazi -- aber er ist den Nazis doch ein grosser Trost und eine grosse Stuetze.

Viel besser als alles, was ich bisher von Nolte kenne, gefaellt mir folgendes -- anscheinend nicht alles bierernst Gemeintes -- aus "Jungle World" vom letzten November, als allenthalben ueber "10 Jahre Mauerfall" diskutiert wurde.)

So schön war die DDR: I. und letzte Folge

Es war nicht alles schlecht ...


... z.B.*: die Mauer; die MZ 250/2; dass es keine Ostalgie gab; die Intershops; dass man in der Arbeitszeit einkaufen und alles mögliche andere machen konnte; Letscho; Jacobs Krönung aus dem Westen; der Grüne Pfeil; dass man keine Zeitungen kaufen musste, um zu wissen, was falsch daran ist; die Kosmonauten; der Baumkuchen zu Weihnachten; dass es noch keine Bürgerrechtler gab; die Mauer; die Gedichte von Peter Hacks; der Antifaschismus; dass es noch keine Ost-Produkte gab; die Mauer; die Stasi-Akten; dass man sich nicht den Kopf zerbrechen musste, wo man sich im Restaurant hinsetzen sollte; die Erfurter Rauhfaser; die Weltzeit-Uhr; die Milch-Mixgetränke; der Kunsthonig; die MZ 175/2; dass es keine Grünen gab; die Stellung der Frau; die Polikliniken; das Kulturhaus "Peter Edel"; dass viel mehr gefickt wurde; die Datschen; die Halberstädter Würstchen; dass es keinen Fremdenhass gab, aber auch keine skipetarischen Pogrombrüder; die Mauer; der "Schwarze Kanal"; das Lied "Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer"; dass man die Widersprüche und vor allem ihre Aufhebung vergessen konnte; der Ladenschluss; der 11. Februar; dass man immer hoffen konnte, mal in den Westen zu kommen; die Pouva Start; dass die Bücher so scheiße aussahen, dass man sie höchstens lesen konnte; der 1. Mai, die Völkerfreundschaft; Schnatterinchen; der Zwangsumtausch für Antikommunisten; dass Nazis gleich eins auf die Fresse bekamen; die deutsch-kubanische Freundschaft; die Läden in Wandlitz; die Straße nach Wandlitz; der 13. Oktober; dass es keine unreifen Bananen gab; die Mauer; der Havelland-Tomaten-Ketchup aus Werder; die Hundert-Mark-Scheine; dass Wolfgang Joop kein Einreise-Visum kriegte; die Feiertage; die Mondos-Kondome und die Kinderkrippen und -tagesstätten; die stonewashed Jeans aus Polen; dass Pfarrer Gauck in der Kirche geblieben wäre; die Beisetzung von Walter Ulbricht; die Mauer; die deutsch-vietnamesische Freundschaft; dass das Volk dafür sorgte, dass nicht jeder Quatsch gedruckt wurde; der 8. Mai; die Parole "Vaterland - Frieden - Sozialismus! Wir siegen!"; die vollautomatische Fließstraße für Kugellager im VEB Wälzlagerwerk "Josef Orlopp" in Berlin; der 12. Juni; Herr Fuchs; Täve Schur; dass im Sommer die Straßen gesprengt wurden; die Ferienlager für Kinder; dass man Wolf Biermann nicht hören musste; die Steile Wand in Meerane; der 1. Oktober; DT 64; die Puhdys; das übersichtliche Fernsehprogramm; dass Bärbel Bohley einem nicht die Ohren vollheulte; die Orangen; dass es auf alles eine Antwort gab; die billige MEW-Ausgabe; Imi, Ata und Gentina; der 1. Juni; das humanistische Erbe; dass die DDR ein Modell für ganz Deutschland war; der Palast der Republik; das Diplom für DJs; die Mauer; dass die West-Verwandtschaft keine überraschenden Besuche machen konnte; der 5. Juni; die deutsch-sowjetische Freundschaft; dass niemand die Frage stellte: "Soll Krenz zum Jubiläum des 9. November in Haft?"; die Tempolinsen; die Jugendclubs; dass es keine Gewalt gegen Frauen gab; die Krebstherapie von Manfred von Ardenne; Frau Elster; der Nationalrat; Schnatterinchen; die Nationale Front; die Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart und die Lebensfragen des deutschen Volkes; dass es nicht so viel Verkehr gab; der 8. März; die Ostsee; der 1-Megabit-Chip aus dem VEB Elektronik-Kombinat Carl Zeiss Jena aus dem Westen; die Intershops; die Mauer; dass Gregor Gysi in der PDS nichts zu sagen hatte; dass es keine Wessis bei der "Jungen Welt" gab; die Kugelstoßerinnen; der EVP; die Disziplin in der Normannenstraße; dass der FC Magdeburg gegen Bayer Uerdingen 2:7 gespielt hat; dass die Geschäfte immer so leer waren; dass alle Männer Bärte hatten; dass man in der Tram nicht durch Handys gestört wurde; dass es auf den Straßen keine Hundekacke gab; der Weißkohl; dass es keine Parteien-Werbung im Fernsehen gab; die Diskuswerferinnen; dass alte Leute geachtet wurden; die billigen Mieten; dass es keine Arbeitslosen gab; die Mauer; der Rennsteig; die Mauer.

* Die Antworten beruhen auf einer nichtrepräsentativen Umfrage unter west- und ostdeutschen Linken.

  

Everyone

Dienstag, den 06. 06. 2000 - 23:17 Click here to edit this post
(...und, konnte der DADA-König mehr als die Hälfte, der lustig aneinandergereihten Splitter dekodieren?)

(Diplom für DJ's .... hähä)

  

Steven Bollinger

Mittwoch, den 07. 06. 2000 - 02:26 Click here to edit this post
(Er konnte.)

  

Steven Bollinger

Freitag, den 09. 06. 2000 - 06:13 Click here to edit this post
ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 419 / 22.10.1998

Eine mächtige Waffe im Klassenkampf

Kritik am "Schwarzbuch des Kommunismus"
Ist es das Buch zur Kampagne, oder dient die Kampagne nur dem Verkauf? Die allermeisten seiner Käuferinnen und Käufer werden das fast 1.000 Seiten starke Werk ungelesen ins Regal stellen. Sie wissen auch so Bescheid: Kommunismus - das ist "Unterdrückung, Verbrechen und Terror". So steht es auf dem Umschlag. Wer mehr wissen will, wird das Vorwort ("Die Verbrechen des Kommunismus") lesen und vielleicht noch das Fazit ("Warum?"). Beide Texte stammen von dem ehemaligen Maoisten Stéphane Courtois, der das Buch als brandaktuelles politisches Projekt versteht.


Das "Schwarzbuch des Kommunismus" (zum Erscheinen des französischen Originals - Le livre noir du communisme - vgl. ak 410, 15.1.1998) liegt seit dem Frühsommer auch in deutscher Übersetzung vor. Die Startauflage betrug 100.000 Exemplare, mittlerweile wird die vierte Auflage verkauft. Gleich nach Erscheinen schaffte das monumentale Werk den Sprung auf Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste; seit Wochen behauptet es sich auf Platz 2. Unterstützt wurde der Verkaufserfolg durch mehrere Veranstaltungen, auf denen Stéphane Courtois, der "Macher" des Buches, seine Thesen gegen Kritiker verteidigte. Die Berliner Veranstaltung konnte erst nach einem Polizeieinsatz ihren Lauf nehmen: "Linke Geschichtsverdränger", so der Spiegel-Redakteur Reinhard Mohr, hatten aus der "ernsthaften Debatte" ein "lärmendes Spektakel" gemacht.

Ist eine ernsthafte Debatte mit Courtois überhaupt möglich? Und ist sie sinnvoll? Vieles spricht dagegen, zunächst Courtois' Obsession, mit dem Buch seine eigene Vergangenheit als "maoistischer" Berufskader zu exorzieren, vor allem aber die Thesen im Vorwort, die auch seine Mitautoren Werth und Margolin auf Distanz gehen ließen: Der von Courtois angestellte Vergleich mit dem Nationalsozialismus sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen.

Vom "Klassenmord" zum "Klassen-Genozid"
Allein aus diesem Vergleich aber erklärt sich das ungeheure Echo, das die Veröffentlichung des Schwarzbuchs hervorrief. "Die Fakten", behauptet Courtois, "zeigen aber unwiderleglich, daß die kommunistischen Regime rund hundert Millionen Menschen umgebracht haben, während es im Nationalsozialismus rund 25 Millionen waren." Falsch sind beide Zahlen: Die Zahl der Toten des zweiten Weltkriegs, den allein der Nationalsozialismus zu verantworten hat, wird im allgemeinen mit 50 bis 55 Millionen angegeben. Zu den "100 Millionen Opfern des Kommunismus" zählen Courtois und Partner auch bis zu 50 Millionen Hungertote, vor allem in China und der Sowjetunion (dazu weiter unten).

Außerdem stellt die makabre Rechnung zwölf Jahre deutsch-österreichischen Nationalsozialismus acht Jahrzehnten "Kommunismus" in vier Kontinenten gegenüber; als kommunistische Regime gelten dabei nicht nur so unterschiedliche Länder und Regionen wie die Sowjetunion, Osteuropa, China, Vietnam, Laos, Kambodscha, Kuba, Nicaragua und Afghanistan, sondern auch ein nicht näher definierter "Afrokommunismus" in Äthiopien, Angola und Mosambik. Hinzu gezählt werden Taten der Komintern, des internationalen "Terrorismus" und des Sendero Luminoso in Peru. Die deutsche Fassung des Schwarzbuchs ist noch um ein Kapitel über die DDR ergänzt, verfaßt von den beiden Pfarrern Joachim Gauck und Ehrhart Neubert.

Doch nicht nur die Vergleichsgrundlage ist so gewählt, daß der Nationalsozialismus als das vierfach kleinere Übel erscheinen muß. Verharmlost werden auch die Motive der Nazis für den Mord an den europäischen Juden. Um den nationalsozialistischen "Rassen-Genozid" mit einem kommunistischen "Klassen-Genozid" auf eine Stufe zu stellen, wählt Courtois ein Argument, das jeglichen Widerspruch ersticken soll: "Der Tod eines ukrainischen Kulaken-Kindes, das das stalinistische Regime gezielt der Hungersnot auslieferte, wiegt genauso schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel." (1)

Der Historiker Wolfgang Wippermann, der diesen perfiden Vergleich zurückgewiesen hat, mußte sich deswegen wüst beschimpfen lassen. Aber Wippermann hat recht, wenn er über das "ukrainische Kulaken-Kind" schreibt: "Ob es wirklich ,gezielt` der ,Hungersnot überliefert` wurde, ist nach der Meinung verschiedener Historiker fraglich. Ganz sicher ist dagegen, daß es nicht wegen seiner ukrainischen Herkunft starb. Doch genau dies geschah mit dem ,jüdischen Kind im Warschauer Ghetto`. Es wurde allein deshalb ermordet, weil es sich um ein ,jüdisches Kind` handelte. Alle Juden, seien sie alt oder jung, männlich oder weiblich, arm oder reich, wurden von den Nationalsozialisten als Angehörige einer ,minderwertigen Rasse` angesehen und ohne Ausnahme umgebracht. Dies traf nicht auf alle ,Kulaken` (die es keineswegs nur in der Ukraine gab) und natürlich nicht auf alle Ukrainer zu." (2)

Courtois' Erfindung eines "Rassen-Genozid", für Wippermann ein "ganz billiger Taschenspielertrick", knüpft an Ernst Noltes revisionistische Thesen aus dem Historikerstreit an. Nolte hatte seinerzeit - in suggestiver Frageform - den nationalsozialistischen "Rassenmord" als Folge des kommunistischen "Klassenmordes" bezeichnet: "Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine ,asiatische Tat` vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle Opfer einer ,asiatischen Tat` betrachteten? War nicht der ,Archipel GULag` ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ,Klassenmord` der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ,Rassenmords` der Nationalsozialisten?" (3)

Ganz so weit will Courtois bislang nicht gehen. Eine "direkte kausale Beziehung" zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus verneint er; gleichzeitig zitiert er den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß als Zeugen dafür, daß die Nazis den Betrieb der sowjetischen Lager aufmerksam studiert hätten - um die dort angewandten Methoden nachzuahmen, soll der Leser schlußfolgern. Ebenso wie Nolte sieht Courtois im nationalsozialistischen Judenmord nur insoweit ein singuläres Verbrechen, als in den Vernichtungslagern bis dahin unbekannte Mittel angewandt wurden; die Einzigartigkeit von Auschwitz bedeutet für Courtois: "die Aufbietung modernster technischer Ressourcen, das Ingangsetzen eines regelrechten industriellen Prozesses, die Vernichtungsmaschinerie der Vergasung und Leichenverbrennung."

Die Macht der Utopien und der Juden
Während Courtois in seinem Vorwort das Verhängnis gesellschaftlicher Utopien bei Platon (427-347 v.u.Z.) und Thomas Morus (1477-1535) beginnen läßt, zieht er am Schluß des Buches eine Linie des Terrors von Robespierre über Lenin und Trotzki zu Stalin. Auf die selbstgestellte Frage "Warum?", so die Überschrift des abschließenden Kapitels (4), gibt Courtois folgende Antworten: Da ist zunächst die "alte russische Tradition der Brutalität und Grausamkeit"; die "revolutionäre Leidenschaft", von der die kommunistischen Führer "besessen" sind; "das eigentliche Motiv des Terrors" ist für Courtois "die leninistische Ideologie und der völlig utopische Wille, eine Doktrin anzuwenden, die keinerlei Bezug zur Realität hat"; die entscheidende Schreckensgestalt war Lenin, "der diese Gewaltsamkeit durchsetzte, wie er auch seiner Partei die Machtergreifung aufzwang"; Lenins Antrieb aber war der "Haß auf das Zarenregime", das seinen älteren Bruder, den gescheiterten Zaren-Attentäter Alexander Iljitsch Uljanow, gehenkt hatte.

Ebenso wie Lenin, aber im Gegensatz zum eher zweck-orientierten Politiker Hitler, ist für Courtois auch Stalin eine schwer deformierte Persönlichkeit mit besonderem Hang zur Grausamkeit: "So wenig sich Hitler um die Repression kümmerte - er überließ diese ,untergeordneten` Aufgaben ausnahmslos Vertrauensmännern wie Himmler - so sehr interessiert sich Stalin dafür, der sie initiiert und organisiert." Daß auch in Westeuropa die Massen solchen Führern zujubelten, die Bruderparteien und selbst unabhängige Intellektuelle die "kriminelle Dimension des Kommunismus" verschleierten, hat für Courtois drei Gründe:

- Da ist zum einen das "Festhalten an der Revolutionsidee" und die übertriebene Toleranz der Demokraten: Selbst "eindeutig revolutionäre Gruppen dürfen ungehindert an die Öffentlichkeit treten".

- Zum zweiten hätten es die Kommunisten verstanden, sich als Antifaschisten zu tarnen (was sie offensichtlich für Courtois nicht sind) und das "Gefühl der Dankbarkeit gegenüber der Roten Armee" (das Courtois deplaziert findet) "weidlich auszunutzen".

- Der dritte und letzte "Grund für die Verschleierung" kommunistischer Verbrechen hat es in besonderem Maße in sich. Er sei "subtiler und auch heikler zu erklären", windet sich Courtois, kommt dann aber zur Sache: Die Juden sind schuld. "Die internationale jüdische Gemeinde", schreibt Courtois, "hält die Erinnerung an den Völkermord wach" - während die Erinnerung an die Opfer des Kommunismus den Überlebenden und ihren Angehörigen "lange verwehrt" gewesen sei. Haben die Juden auch dabei die Hand im Spiel gehabt? Wie auch immer, es zählt das Ergebnis: "Nach 1945 erschien der Genozid an den Juden als das Paradigma moderner Barbarei, und zwar so sehr, daß er allen Raum für die Wahrnehmung von Massenterror im zwanzigsten Jahrhundert beanspruchte." Der zweite Teil des Satzes ist nachweislich falsch; die mehr als deutlichen Anspielungen auf den "jüdischen Einfluß in der Welt" zeigen, daß Courtois das antisemitische Ressentiment zu nutzen weiß.

Courtois' Anhänger, die hier "fragwürdige Formulierungen" einräumten, wurden von ihrem Meister öffentlich blamiert: In einem Interview der französischen Zeitschrift Diagonales Est-Ouest beschuldigte er eine "Fraktion der jüdischen Gemeinschaft", sie kritisiere sein Buch, weil sie die "moralischen und oft politischen Benefizien (bénéfices) ihres Monopols auf das Verbrechen gegen die Menschlichkeit" (5) nicht verlieren wolle.

Seinen deutschen Bewunderern hat Courtois mit einer weiteren peinlichen Klarstellung Probleme bereitet. Im Interview mit der Woche (29.5.1998) machte er sich zum Fürsprecher der deutschen Geschichts-Entsorger - und das in einer Sprache, die an neonazistische Wahlkampfreden erinnert: "Ich frage die Deutschen: Bis wann wollen Sie sich so verhalten, als seien Sie allesamt die Verurteilten von Nürnberg? Irgendwann muss mal Schluss sein."

Nicht erst durch diese nachträglichen Erklärungen, sondern schon mit Courtois' Vorwort ist das Schwarzbuch als politisches Projekt diskreditiert. Neben den stalinistischen Henkern sitzen die Linken von heute auf der Anklagebank, auch jene, die von einer gesellschaftlichen Alternative nur träumen. Sie werden von Courtois gewarnt: Utopien führen unweigerlich zum Massenmord, die repräsentative Demokratie ist die beste aller möglichen Staatsformen. Muß man so etwas lesen? Zumindest sollte, wer über das Schwarzbuch mitreden will, auch die wesentlichen dort zusammengefaßten Einzelstudien zur Kenntnis nehmen. Der Autor dieses Artikels hat damit begonnen.

Hunger als Mittel des Massenmordes?
Als die beiden opferreichsten Verbrechen des Kommunismus nennt das Schwarzbuch die Hungersnöte in der Sowjetunion (1932/33) und in China (1959 bis 1962). In der Sowjetunion starben dabei 6 Millionen, in China 20 Millionen (nach aktuellen, "quasi-offiziellen" Angaben) bis 43 Millionen Menschen (nach Schätzungen des Schwarzbuchs); nicht Naturkatastrophen, sondern dem planmäßigen Terror der Kommunisten, die den Hunger als Waffe im Klassenkampf einsetzten, seien sie zum Opfer gefallen. Beide genannten Fälle sind unter Fachleuten umstritten; das im Schwarzbuch vorgelegte Material widerspricht der These vom Hunger als Waffe eher als sie zu stützen.

Im Falle der Sowjetunion, betroffen war vor allem die Ukraine, muß dem Autor Nicolas Werth (6) ein Brief Stalins als Beweis für eine bewußt mörderische Politik der KPdSU herhalten. Stalin antwortete dem Schriftsteller Michail Scholochow ("Der stille Don"), der die brutalen Methoden der KP bei der Eintreibung von Getreide im nördlichen Kaukasus mit eigenen Augen gesehen hatte. Um säumige Steuerzahler unter den Kolchosbauern zu bestrafen, beschlagnahmten die Behörden sämtliches Getreide; Bauern, die Getreide versteckt hatten, wurden gefoltert. In seiner Antwort dankte Stalin Scholochow dafür, daß er eine "leichte Erkrankung unseres Apparats" aufgedeckt habe, und versprach, die genannten "Angelegenheiten aufzuklären". Gleichzeitig beschuldigte er die Bauern der Sabotage: Sie hätten die Arbeiter und die Armee ohne Brot gelassen und einen "Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht" geführt - "einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Scholochow!"

Über die von der Sowjetmacht in diesem Kampf anzuwendenden Mittel äußerte sich Stalin allerdings weder hier noch an anderer (dokumentierter) Stelle. Laut Gesetz konnte wegen Diebstahl oder Verschwendung sozialistischen Eigentums Lagerhaft oder sogar die Todesstrafe verhängt werden. Das war aber unpraktikabel, findet Werth, der ein Schreiben des italienischen Konsuls von Novorossisk zitiert: "Der Feind tritt nicht in seiner Masse in Erscheinung, sondern in einer zerstreuten Form, und so erschöpft man sich in endlosen kleinen Gefechten ... Die Suche nach dem Feind ist von Haus zu Haus durchzuführen, von Dorf zu Dorf. In einem durchlöcherten Eimer Wasser zu transportieren, käme auf das Gleiche hinaus!" Werths suggestive Schlußfolgerung: "Deshalb gab es für den Sieg über den ,Feind` nur eine Lösung: ihn auszuhungern." Beweise für eine planmäßige Politik des Aushungerns kann er nicht anführen, allenfalls ein schwaches Indiz: Vor allem die Gebiete seien von der Hungersnot betroffen gewesen ("bestraft worden"), in denen es die meisten Bauernrevolten gegeben habe.

Über die Hungersnot von 1932/33 hat Mark B. Tauger, ein US-amerikanischer Experte für die Geschichte der Sowjetunion, eine Reihe von Fakten zusammengetragen, die gegen Werths These sprechen, damals sei systematisch der "Hunger als Waffe" gegen die Bauern eingesetzt worden. Zum einen gebe es Anhaltspunkte, daß die Ernte des Jahres 1932 erheblich schlechter ausfiel als amtlich zugegeben; Werth macht zur Ernte überhaupt keine Angaben. Außerdem habe der Staat seine Forderungen an die Bauern reduziert; das lasse eher auf eine "Politik des Kompromisses, denn auf eine Politik der Bestrafung schließen". Schließlich seien sogar in Moskau Arbeiter und ihre Familien zu Hunderttausenden verhungert; selbst Tausende von Rotarmisten seien ohne Lebensmittel geblieben.

Taugers Urteil: Das sowjetische Regime habe nicht genug unternommen, um die Hungersnot zu lindern, und trage damit Verantwortung für das Massensterben - "dennoch sind Verantwortung und Absicht zweierlei." (7)

Kommunismus führt zum Kannibalismus
Ähnliches ließe sich über die Politik der chinesischen KP in den Jahren 1959 bis 1962 sagen. Doch für Courtois ist "die größte Hungersnot aller Zeiten" ein geplantes Verbrechen; die 20 bis 43 Millionen Toten werden dringend benötigt, um die Gesamt-Opferzahl von 85 bis 100 Millionen zu erreichen. Jean-Louis Margolin dagegen, der Autor des betreffenden Schwarzbuch-Kapitels (8), sieht die Dinge differenzierter. Er will Mao Zedong immerhin "zugestehen, daß es nicht sein Ziel war, seine Landsleute massenweise umzubringen"; auch sei es "außerordentlich schwierig, klare Verantwortlichkeiten für die Katastrophe auszumachen" - womit die These vom "Hunger als Waffe" der Kommunisten in diesem Fall de facto zurückgenommen ist.

Margolin nennt eine ganze Reihe von politischen Entscheidungen, die den angestrebten "Großen Sprung nach vorn" zum Fiasko werden ließen: "falsche Allokation von Kapital und Arbeitskräften" (für riesige Staudammprojekte und nicht funktionierende Kleinststahlwerke); die Verringerung der Anbaufläche für Getreide nach der Rekordernte von 1958; die Ausrottung der Sperlinge, die zur ungehinderten Vermehrung von Insekten führte; schließlich die Weigerung der Partei, wirtschaftliche Schwierigkeiten zur Kenntnis zu nehmen und beizeiten gegenzusteuern. Das "maoistische Dogma" habe die Katastrophe noch verschlimmert: "Da die Volkskommunen sich selbst versorgen mußten, wurde der Austausch von Lebensmitteln zwischen den Provinzen drastisch eingeschränkt." So seien die von "radikalen Maoisten" regierten Provinzen am stärksten von der Hungersnot betroffen worden - was der "Hunger als Waffe"-These ebenfalls widerspricht.

Zwar bezeichnet Margolin einige Entscheidungen des Staates als "in der gegebenen Situation regelrecht kriminell": die Steigerung der Getreide-Exporte in die Sowjetunion und die Ablehnung von Hilfsangeboten der USA "aus politischen Gründen". Gleichzeitig scheint er Maos Widersacher Liu Shaoqi recht zu gegen, der die Hungersnot "zu 70% durch menschliche Irrtümer verursacht" sah - Irrtümer allerdings, deren katastrophale Folgen durch die Allmacht der Partei und der Zentralregierung erst möglich wurden. Auf eine Kritik der politischen Strukturen verzichtet Margolin aus gutem Grund. Sie hätte das Eingeständnis bedeutet, daß "der Kommunismus" unter anderen Umständen vielleicht funktionieren könnte - als wirkliche "Selbstbefreiung der Massen", welche die Staatsgeschäfte nicht den Bürokraten überlassen.

Für Margolin dagegen war in dem "Augenblick, in dem die Utopie in die Politik eindrang", das Verhängnis nicht mehr aufzuhalten. Schauergeschichten über Kannibalismus runden sein Bild des chinesischen Kommunismus ab: Familien hätten Kinder ausgetauscht, um sie zu essen. Hieß es früher, die Kommunisten würden Kinder verspeisen, so zwingen sie bei Margolin andere dazu. Solche durch nichts belegten Geschichten - der prominente Dissident Wei Jinsheng hörte sie bei einem Festessen in Anhui - nehmen Margolins ansonsten bedenkenswertem Beitrag einiges an Glaubwürdigkeit.

Js.

Anmerkungen:

1) Stéphane Courtois: Die Verbrechen des Kommunismus; in Courtois u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror; München und Zürich (Piper) 1998, S. 11-43

2) Wolfgang Wippermann: "Rassen-Genozid" gleich "Klassen-Genozid"? in: Jens Mecklenburg/Wolfgang Wippermann: "Roter Holocaust"? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus; Hamburg (Konkret Literatur Verlag) 1998, S. 106-117

3) Ernst Nolte: Vergangenheit, die nicht vergehen will; FAZ, 6.6.1986; zitiert in: "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung; München und Zürich (Piper) 1991, S. 39; zum Historikerstreit vgl. ak 392, 1.7.1996

4) a.a.O., S. 793-825

5) zitiert von Wolfgang Wippermann in Freitag 33, 29.5.1998

6) Nicolas Werth: Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion; a.a.O., S. 51-295

7) Mark B. Tauger: War die Hungersnot in der Ukraine intendiert? in: Mecklenburg/Wippermann: "Roter Holocaust"? a.a.O., S. 158-167

8) Jean-Louis Margolin: China: Ein langer Marsch in die Nacht; a.a.O.

  

Annette Schneider

Freitag, den 09. 06. 2000 - 12:28 Click here to edit this post
Was ich immer wieder interessant finde, ist diese offensichtliche Notwenigkeit, alles immer wieder in Relation zum Holocaust stellen zu müssen.

Dabei scheint mir völlig einleuchtend zu sein, daß Menschen grundsätzlich erheblich schlimmer können.

Weshalb aber reicht es diesen Historikern nicht, (darüber) aufzuklären, was war und warum, anstatt die Grausamkeit eines Systems über die immer hinkende Relation zum Holocaust definieren zu wollen?

  

Arno

Freitag, den 09. 06. 2000 - 13:31 Click here to edit this post
Andersherum betrachtet, Annette, ist es aber auch interessant. Warum ist es nötig, keinerlei Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass man Hitler und den Nationalsozialismus für das absolute Böse hält? Wer sich dieser Vorgabe nicht unterwirft, wird ins braune Spektrum gerückt.

  

Alexander Virchow

Freitag, den 09. 06. 2000 - 13:59 Click here to edit this post
Das absolut Böse?
Ja, wer tut das denn?
Ich habe Hitler und Co. immer eher für Witzfiguren gehalten.

Und die ganzen Mitläufer für die netten Nachbarn von neben an.

(Zur Sache später.)

  

Arno

Freitag, den 09. 06. 2000 - 14:13 Click here to edit this post
Ich meine damit: Wenn man schon Vergleiche anstellt zum Holocaust, dann muss man schon sehr stark deutlich machen, dass der Holocaust natürlich das Schlimmste war.
In die gleiche Gemütslage passt auch das feierliche Gelöbnis, gesprochen mit salbungsvoller Stimme, dass der Holocaust einzigartig war.
Ich halte solche Sprüche für Lippenbekenntnisse, Kitsch und Romantik der Linken.

  

Alexander Virchow

Freitag, den 09. 06. 2000 - 14:27 Click here to edit this post
Der Völkermord an den europäischen Juden ist in vielfacher Hinsicht singulär.

Methode, Systematik, Motivation. All das ist singulär.

Was mE nicht heißt, es wäre nicht vergleichbar. Was wieder etwas anderes ist, als gleichsetzbar.

Der Vergleich stellt die Frage jedoch nach der Motivation. Wenn der Kommunismus nachdrücklich als schlimmer denn der Nationalsozialismus beschrieben wird, dann gibt es dafür zwei denkbare Motive: Um ersteres zu relativieren, oder um letzteres als schlimmer darzustellen.

Beidem kann ich nichts abgewinnen. Ich sehe den Sinn nicht. Daß dieser - wenigstens bei Nolte - darin liegt, den Nationalsozialismus letztlich als harte, aber notwendige Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen die asiatischen Horden darzustellen: das habe ich schon verstanden.

All die notwendigen Widersprüche, daß es nie kommunistische Staaten gegeben hat, daß in der UdSSR Stalinisten, in China Maoisten regierten, daß beide mit ausbeutungsfreier Gesellschaft nie zu schaffen hatten, daß utopische Sozialisten, Rätekommunisten und Anarchisten als erste durch die Knochenmühle der Komintern gedreht wurden, explizit beobachtbar im spanischen Bürgerkrieg, all dies sei nur angerissen.

Fazit:
Das sind keine Historiker. Das sind Leute mit Nebelkerzen. Zu welchem Zweck immer geworfen.

  

Steven Bollinger

Freitag, den 09. 06. 2000 - 20:19 Click here to edit this post
Ja hallo Arno!

Zitat:

Ich meine damit: Wenn man schon Vergleiche anstellt zum Holocaust, dann muss man schon sehr stark deutlich machen, dass der Holocaust natürlich das Schlimmste war.


Wieso muss man das? Courtois verkauft sein Buch tonnenweise, indem er das exakte Gegenteil behauptet. Nolte hat gerade diese Preis bekommen. Den Beiden geht es nicht schlecht. Geht mir echt auf den Keks, diese Gerede von Tabus und Meinungszwang, die glatt nicht existieren.

Zitat:

In die gleiche Gemütslage passt auch das feierliche Gelöbnis, gesprochen mit salbungsvoller Stimme, dass der Holocaust einzigartig war.
Ich halte solche Sprüche für Lippenbekenntnisse, Kitsch und Romantik der Linken.


Ich denke, Du schuldest uns da die Beweise, dass ein solches Geloebnis notwendigerweise bloss Lippenbekenntis, oder Kitsch oder Romantik oder ausschliesslich eine Angelegenheit nur der Linken waere. Oder auch dass sie notwendigerweise mit salbungsvoller Stimme ausgesprochen waere.

  

Steven Bollinger

Freitag, den 09. 06. 2000 - 20:35 Click here to edit this post
Oder auch, dass es in jedem Falle um ein Geloebnis geht, und nie etwa um das nuechterne Urteil von einem Historiker, der sich doch intensiv und gewissenhaft mit der Materie auseinandergestzt hat -- will sagen um das nuechterne Urteil von den allermeisten Historiker, ob konservativ oder links oder deutsch oder amerikanisch oder was auch immer.

  

Arno

Samstag, den 10. 06. 2000 - 11:06 Click here to edit this post
Steven,
Findest du die von dir hierhin gestellten Artikel über Nolte und Courtois gut? Und warum?


Alex,
Warum hältst du es für nötig, mich darauf hinzuweisen, dass der Holocaust tatsächlich einmalig war? Man mag ihn gerne so einschätzen, und ich widerspreche dieser Einschätzung auch nicht. Aber ich sehe nicht den Sinn darin.

Die allermeisten Leute, die diese von mir als Lippenbekenntnisse abgewerteten Aussagen machen, sind keine Fachleute. Und wenn sie auf einen Revisionisten treffen, der anderer Meinung ist, diesem völlig hilflos ausgeliefert. Weil sie die Sprüche nämlich nur nachplappern, und sich nie angeguckt haben, woher die Einschätzungen kommen.

  

Alexander Virchow

Samstag, den 10. 06. 2000 - 11:25 Click here to edit this post
Warum hältst du es für nötig, mich darauf hinzuweisen, dass der Holocaust tatsächlich einmalig war?

Ich? Dich darauf hinweisen?
Ich habe Dich darauf hingewiesen, daß aus meiner Sicht

Ich meine damit: Wenn man schon Vergleiche anstellt zum Holocaust, dann muss man schon sehr stark deutlich machen, dass der Holocaust natürlich das Schlimmste war.
In die gleiche Gemütslage passt auch das feierliche Gelöbnis, gesprochen mit salbungsvoller Stimme, dass der Holocaust einzigartig war.
Ich halte solche Sprüche für Lippenbekenntnisse, Kitsch und Romantik der Linken.


eine Fehlinterpretation ist. Der einzige Vertreter dieser Sicht, die Du beschreibst, ist mE Dead_Injun auf ZiN. Sonst kenne ich im Web keinen.

Auch in der Linken, in der ich mich früher betätigt habe, kenne ich solche Leute nicht.

Da waren die weitestgehenden Positionen die, speziell als Deutsche antimilitaristisch zu sein. Aus der NATO austreten zu wollen, Bundeswehr abzuschaffen, etc. Weil man fürchtete, daß, was zwei mal schiefging, auch ein drittes Mal schiefgehen könnte. Dafür wurden dann Aspekte angeführt wie die geographische Lage etc.

Nur die von Dir (aber auch von rechts- und rechtsaußen) vorgetragene Position, es gäbe ein Täter- oder Kriegsverlier- oder Opa, der SS-Arsch-Syndrom: Die halte ich schlichtweg für einen Mythos.

Für die Opfer wird es schlicht keinen Unterschied machen, ob ihre Schädel im Dschungel gestapelt, ob sie an der Via Appia ans Kreuz geschlagen, oder in Auschwitz zu Tode gequält wurden.

Nur für uns macht es einen. Insoweit, als wir an Auschwitz näher dran sind.

Das ist alles.

  

Annette Schneider

Sonntag, den 11. 06. 2000 - 23:20 Click here to edit this post
Die allermeisten Leute, die diese von mir als Lippenbekenntnisse abgewerteten Aussagen machen, sind keine Fachleute. Und wenn sie auf einen Revisionisten treffen, der anderer Meinung ist, diesem völlig hilflos ausgeliefert. Weil sie die Sprüche nämlich nur nachplappern, und sich nie angeguckt haben, woher die Einschätzungen kommen.
Arno,

tatsächlich denke ich, daß Begründungen für diese Frage eher selten mitgeliefert werden. Gerade der Blick auf den Stalinismus macht einige Unterschiede sehr schnell erkennbar:

Hier die Ausgrenzung und gezielte industrielle Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer genetischen Abstammung aus Sündenbock- und ideologischen Motiven, dort die Beseitigung und Abstrafung der Leute, die das eigene Vorhaben eigentlich unterstützen (also blanker, wahlloser Terror) und das Verrottenlassen von Bevölkerungsteilen aus ganzen Gebieten.

Beides sind für mich menschliche Abgründe, die ich keinesfalls jeweils nur anderen zuschreibe. Hitler mag so irr gewesen sein, wie er will (und eine gewisse "Komik" ist dem nicht abzusprechen): Unterstützer und Umsetzer gab es genug, und das waren ganz normale Menschen.

Nur folgen aus der NS-Zeit erheblich andere und wesentliche gesellschaftliche Konsequenzen und auch Konsequenzen für jeden Menschen, der sich damit auseinandersetzt. Jeglicher Vergleich ist deshalb sinnlos, es sei denn aus den von Alexander genannten Motiven.

Allerdings erinnere ich mich auch an Äußerungen zum Holocaust als dem ultimativen Bösen (aus Fernsehen und Religionsunterricht). Die Ursache dürfte darin liegen, daß diese Leute eine Notwendigkeit sehen, überhaupt "das Böse" zu kennzeichnen. Der gut-böse-Gedanke stammt ja von den monotheistischen Weltreligionen. Meine Begriffswahl ist das nicht.

  

Arno

Montag, den 12. 06. 2000 - 22:43 Click here to edit this post
Alex, Annette,
Danke für eure bisherigen Antworten.
Ich muss präzisieren, was mich stört.
Ihr müsst mir nicht erklären, warum der Holocaust einzigartig genannt werden darf. Die Begründungen kann ich nachvollziehen, aber sie sind mir egal. Denn ich finde es irrelevant, auf dieser Einmaligkeit rumzureiten. Außerdem kann man so ziemlich alles als einmalig definieren. Desweiteren möchte ich an die Revisionisten-Streitereien im SpOn erinnern, wo Leute anderer Meinung waren. Darauf eingehen möchte ich nicht, weil ich bislang noch keine revisionistische These gehört habe, die mir redlich vorkam. Also: Es geht mir nicht darum, die Geschichtsschreibung zu kritisieren oder zu fälschen!
Was mich stört ist, wenn unter dem Deckmantel des Antifaschismus Selbst-Profilierung vollzogen wird. Das geht durchaus in die Richtung der Instrumentalisierung. Wo sonst kann man so gut raushängen lassen, was für ein guter Mensch man doch ist? Wer sollte es schon wagen, eine antifaschistische Meinung offen anzugreifen? Wie hoch sonst die Wogen schlagen, war z.B. bei der Diskussion um die Wehrmachts-Ausstellung zu sehen.

Was mich konkret an dem Artikel über Nolte und Möller stört:
"Nur ein Rücktritt ist ein richtiger Schritt". Wie im alten Germanien: Todesstrafe als einzige Strafe.
"Dieses Institut galt bis 1992, bis zu Möllers Inthronisation durch Helmut Kohl, als zentraler Ort für die Erforschung des Nationalsozialismus."
Was hat Helmut Kohl damit zu tun? Helmut Kohl als mutwilliger Zerstörung der Wissenschaft? Schlimmer noch, als Wegbereiter eines Neo-NS? Muss dieser Seitenhieb auf Kohl wirklich sein? Und wahrscheinlich wird im Institut auch nicht mehr der Nationalsozialismus erforscht, sonderen seiner Wiederauflage der Weg bereitet.
"Dort wirkten renommierte Historiker wie Martin Broszat, Helmut Krausnik und Norbert Frei, und gerade dort stießen Noltes Thesen einst auf fundierte Kritik." Schön, dass es dort namhafte Leute gab. Und wo sind sie jetzt? Wahrscheinlich von Kohl rausgeekelt. Hat sich denn die Situation für die Wissenschaftler so geändert? Haben sie keine Einsicht mehr in die Archive, oder was? Nee, der Autor möchte uns doch wohl sagen, dass der neue Chef des Instituts keine richtige Forschung mehr zulässt. Und zwar richtige Forschung im Sinne des Autors.

Ich finde es durchaus richtig, Kritik an Nolte zu üben und auch die Laudatio Möllers zu hinterfragen. Aber die von mir kritisierten Punkte lassen mir das Gefühl, dass der Autor das Thema zum Anlass nahm, Kohl runterzumachen und sich selbst als knallharten Antifaschisten ins Licht zu setzen.


Zum Artikel über Courtois:
Der Autor verweigert sich schlicht, die dem Kommunismus zuzuschreibenden Verbrechen anzuerkennen. Mit der Begründung, dass Courtois eigentlich indiskutabel sei.
Der Hammer aber ist "Muß man so etwas lesen? Zumindest sollte, wer über das Schwarzbuch mitreden will, auch die wesentlichen dort zusammengefaßten Einzelstudien zur Kenntnis nehmen. Der Autor dieses Artikels hat damit begonnen."
Toll, er hat schon damit begonnen. Und wenn er fertig damit ist, kann er vielleicht auch einmal über das Schwarzbuch mitreden. Aber immerhin konnte er deutlich machen, wie sehr er doch den NS verteufelt.
Dieser Artikel geht weit über Kritik an Courtois hinaus. Zu weit, wie ich finde.

Beim Thema Kommunismus sehe ich große Parallelen zur Kirchenkritik. Der Gedanke der Ideologie an sich mag sehr schön sein, aber was die Menschen daraus gemacht haben...

  

Annette Schneider

Montag, den 12. 06. 2000 - 23:37 Click here to edit this post
Der Autor verweigert sich schlicht, die dem Kommunismus zuzuschreibenden Verbrechen anzuerkennen. Mit der Begründung, dass Courtois eigentlich indiskutabel sei.
Das kann ich beim Lesen des Artikels nicht erkennen. Der Autor diskutiert das Buch. Kritisch. Wie ich das als Historikerin auch tun würde.

Auch ist es - folgt man dem Autor, mehr Grundlage habe ich nicht - offensichtlich Courtois selbst, der die Referenz des Holocaust für die publicity seines Buches nutzen will.

Selbst wenn man die - tatsächlich überflüssigen - Kommentare des TAZ-Artiklers zwischen den Zitaten wegläßt, wird deutlich, daß bei Courtois der Holocaust in falscher Weise als Referenz gewählt wird.

"Nach 1945 erschien der Genozid an den Juden als das Paradigma moderner Barbarei, und zwar so sehr, daß er allen Raum für die Wahrnehmung von Massenterror im zwanzigsten Jahrhundert beanspruchte."
Denn tatsächlich gibt es eine Reihe anderer Gründe, weshalb die Aufarbeitung z.B. des Stalinismus so schleppend in Gang kam. Systemkonkurrenz ist ein wesentlicher.

Während ein zuviel an Aufklärung des Holocaust wohl kaum ernsthaft beklagt werden kann; nicht umsonst ist nach wie vor ein deutlicher Teil der zeithistorischen Lehrstühle ausschließlich mit dieser Frage befaßt.

Allerdings erhöht der Verfasser des Kommentars mit solchen

Der dritte und letzte "Grund für die Verschleierung" kommunistischer Verbrechen hat es in besonderem Maße in sich. Er sei "subtiler und auch heikler zu erklären", windet sich Courtois, kommt dann aber zur Sache: Die Juden sind schuld. "Die internationale jüdische Gemeinde", schreibt Courtois, "hält die Erinnerung an den Völkermord wach" - während die Erinnerung an die Opfer des Kommunismus den Überlebenden und ihren Angehörigen "lange verwehrt" gewesen sei. Haben die Juden auch dabei die Hand im Spiel gehabt?
tendenziösen Interpretationen tatsächlich nicht seine eigene Glaubwürdigkeit.

  

Arno

Montag, den 12. 06. 2000 - 23:44 Click here to edit this post
(Ich danke für tendenzielles Verständnis :-)

  

Alexander Virchow

Dienstag, den 13. 06. 2000 - 07:34 Click here to edit this post
Der dritte und letzte "Grund für die Verschleierung" kommunistischer Verbrechen hat es in besonderem Maße in sich. Er sei "subtiler und auch heikler zu erklären", windet sich Courtois, kommt dann aber zur Sache: Die Juden sind schuld. "Die internationale jüdische Gemeinde", schreibt Courtois, "hält die Erinnerung an den Völkermord wach" - während die Erinnerung an die Opfer des Kommunismus den Überlebenden und ihren Angehörigen "lange verwehrt" gewesen sei. Haben die Juden auch dabei die Hand im Spiel gehabt?

Ohne hier eine Letztanwort geben zu wollen oder zu können, denn so weit bin ich in diese Schwarzbuchdebatte nicht involviert, möchte ich doch Zweierlei zu bedenken geben:

Erstens hat man einen ganz anderen Blick auf die Intentionalität dieses Satzes, wenn man die Geschichte der europäischen radikalen Linken nach '68 kennt. Eine Strömung dieser radikalen Linken, die zu den maoistischen K-Gruppen zählt, hat ein schweres Problem mit ihrer Geschichte.

Während es nämlich einerseits intellektuelle Gruppen gab, die versuchten, weitgehend unideologisch die Gesellschaft um sich herum auszuleuchten, zu verstehen und, durchaus, zu revolutionieren, gab es andererseits elitäre Gruppen, die auf der Basis von Massenterror die Macht erlangen wollten. Die Begeisterung für den Maoismus (und bei nicht wenigen auch für den Stalinismus) kam nicht von ungefähr. 'Einkreisung der Stadt durch das Land' war die maoistische Parole, dieses Revolutionsvorstellung war antiintellektuell und antiproletarisch, wie jemand sich für ein solches Konzept aus der III. Welt überhaupt mit Blick auf gereifte Industrienationen begeistern kann, dies wird ohne psychologische Betrachtung nie verständlich werden.

Zweitens traffen in diesen maoistischen Gruppierungen zwei Gedankenwelten unheilvoll zusammen: Das Antiintellektuelle und der Antizionismus verschmolzen zum Antisemitismus linker Spielart. Das Stereotyp des jüdischen Intellektuellen und das Stereotyp des den Kapitalismus beherrschenden, 'internationalen Finanzjudentums' verwuchsen zu einem Feindbild.

All dies ist natürlich nie Allgemeingut geworden, haben diese Gruppen doch nie irgendwelchen realen Einfluß auf die Gesellschaft gewonnen.

Im Laufe der Jahre haben diese Führungskader (Antje Vollmer sei als ein Beispiel genannt) den Weg zurück in die Gesellschaft gesucht, und wie das so die Art von Führungskadern ist, in die Mitte der Gesellschaft.

Dabei ist natürlich jeder Antikapitalismus über Bord gegangen, er paßt nicht mehr in die Zeit. Und weil diese Kader jene waren, die aufgrund ihrer Verachtung für individuelle Menschenrechte den längsten Weg zurückzulegen hatten, eben aus diesem Grunde fallen ihre Anpassungsleistungen besonders auf.

Daß also gerade Ex-Maoisten den Kommunismus als solchen (eigentlich müßte da immer 'das Konzept der Diktatur des Proletariats unter Führung der kommunistischen Partei' stehen, aber so genau nimmt man es nicht mehr)verdammen, und zum 'Größten Übel aller Zeiten' erklären, verwundert mich nicht.

Der über Antizionismus und Antikapitalismus geschöpfte Antisemitismus eines Teil der radikalen Linken ist dieser normalerweise nicht einmal bewußt. Insoweit sind die Rückruderbemühungen hier wegfallend. Aber es besteht hier ja auch Übereinstimmung zwischen den zurückkehrenden Söhnen und der bürgerlichen Gesellschaft. Das der Autor 'Js' Stéphane Courtois diesen Antisemitismus zutraut, dürfte also nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt sein. Womöglich kennt man sich seit Jahrzehnten. Wenn nicht persönlich, so doch als Denkschulen.

Eine kurze Bemerkung zur Quelle: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 419 / 22.10.1998 Der ak hat Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre das Licht der Welt als 'Arbeiterkampf' erblickt. Er wurde damals vom unabhängigen 'Kommunistischen Bund' herausgegeben. Genauer gesagt, damals bildeten sich aus den gleichen Zusammenhängen einerseits der KB, andererseits der harte, chinahörige KBW (Kommunistische Bund Westdeutschlands.) Ich erwähnte es ja: die Akteure sind sich nicht ganz unbekannt.

  

Alexander Virchow

Dienstag, den 13. 06. 2000 - 07:43 Click here to edit this post
Nachtrag, nochmal enger an Arno:

Zum Artikel über Courtois:
Der Autor verweigert sich schlicht, die dem Kommunismus zuzuschreibenden Verbrechen anzuerkennen. Mit der Begründung, dass Courtois eigentlich indiskutabel sei.


Das halte ich für Blödsinn, die Verbrechen in kommunistischen Diktaturen sind unstreitig. Es geht um die historisch korrekte Einordnung. Das ist alles.

(Ob dem auf Seiten 'Js' ein Gedanke nachhängt, das Spiel mit neuen Akteuren nochmal spielen zu wollen, bleibt offen. Ich bezweifle es sehr. Aber Arno, eine Mail an a&k ist schnell geschrieben, vielleicht lädst Du denn Autor einfach zu dieser Diskussion ein? Könnte spannend werden.)

Was mich stört ist, wenn unter dem Deckmantel des Antifaschismus Selbst-Profilierung vollzogen wird. Das geht durchaus in die Richtung der Instrumentalisierung. Wo sonst kann man so gut raushängen lassen, was für ein guter Mensch man doch ist? Wer sollte es schon wagen, eine antifaschistische Meinung offen anzugreifen? Wie hoch sonst die Wogen schlagen, war z.B. bei der Diskussion um die Wehrmachts-Ausstellung zu sehen.

Nach meiner Beobachtung erfolgt die Selbstprofilierung heute eher darüber, andere als Nazi-Jäger abzukanzeln. Das erspart Argumente inhaltlicher Art, ist wohlfeil, gut zur Stabilisierung der In-Groups und kommt nicht selten den Intentionen Courtois' recht nahe.

  

Arno

Dienstag, den 13. 06. 2000 - 08:16 Click here to edit this post
Guten Morgen!
1. Statt "tendenzielles Verständnis" in meinem Beitrag von 23:44 meinte ich "partielles".

2. Zum Artikel über Courtois. Alex und Annette, ihr seht es anders als ich. Das ist okay, vielleicht bin ich da übers Ziel hinaus geschossen. Kritik an Courtois ist sicherlich angebracht, eben weil in der Debatte über das Schwarzbuch immer die Frage nach dem schlimmeren Verbrecher der Weltgeschichte in den Mittelpunkt kam.


Zitat:

Nach meiner Beobachtung erfolgt die Selbstprofilierung heute eher darüber, andere als Nazi-Jäger abzukanzeln. Das erspart Argumente inhaltlicher Art, ist wohlfeil, gut zur Stabilisierung der In-Groups und kommt nicht selten den Intentionen Courtois' recht nahe.



Das trifft in großem Maße auf die (linke) Gegenseite zu. Leute die gegen Antifaschisten pöbeln werden doch gar nicht ernst genommen.

Was ist mit dem Artikel über Nolte und Möller?

  

Alexander Virchow

Dienstag, den 13. 06. 2000 - 08:26 Click here to edit this post
Der nationalkonservative Historiker Ernst Nolte hat gestern einen Preis bekommen - und zwar von der nationalkonservativen "Deutschland Stiftung". Ist das erstaunlich? Ein nationalkonservativer Laudator pries diese Ehrung als Verteidigung eines Andersdenkenden. Soll man sich darüber aufregen?

Allerdings. Denn die Lobrede auf den propagandistischen "Geschichtsphilosophen" hielt ausgerechnet Horst Möller, der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Dieses Institut galt bis 1992, bis zu Möllers Inthronisation durch Helmut Kohl, als zentraler Ort für die Erforschung des Nationalsozialismus. Dort wirkten renommierte Historiker wie Martin Broszat, Helmut Krausnik und Norbert Frei, und gerade dort stießen Noltes Thesen einst auf fundierte Kritik.


Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften entscheiden sich in vielerlei Hinsicht fundamental.

Einer dieser Unterschiede besteht in den Möglichkeiten der Personalpolitik. Während sich dauerhaft in den Naturwissenschaften keine Möglichkeiten denken lassen, Wahrheiten über Patronage oder Benennungen durchzusetzen, sieht dies in der weichen Geschichtswissenschaft schon anders aus.

Ob der Vorwurf, man hätte hier eine öffentlich bereits verlorene Debatte durch Personalpolitik wieder öffnen oder gar umschreiben wollen, richtig oder falsch ist, das weiß ich nicht.

Wundern täte es mich nicht. Das enspräche jedenfalls ganz der Methode Kohl, Politik primär über persönliche Abhängigkeiten zu gestalten.

(Auch hier würde sich eine (E)Mail an 'Js' anbieten.)

  

Arno

Mittwoch, den 14. 06. 2000 - 23:11 Click here to edit this post
Hier Möllers Laudatio auf Nolte als Word-Datei.

  

Everyone

Freitag, den 16. 06. 2000 - 13:20 Click here to edit this post
(... "Herr Bierhoff, was lesen Sie gerade?" "Das Schwarzbuch des Kommunismus", fährt der Kapitän einen blitzschnellen Konter, setzt aber auch ungefragt nach, dass es sich um schwierige Lektüre handele - wahrscheinlich für den Fall, dass sich jemand erkundigt, was denn da so drinsteht. Lieber hätte ich, wenn ihn jemand fragen würde, ob ihn der Wälzer auf dem Platz und im Leben weiter bringt. Die wirklich interessanten Dinge zeigen sie aber in der Zeitung und im Fernsehen nie. ...)

taz, 15.6.2000, Seite 16

  

Annette Schneider

Sonntag, den 18. 06. 2000 - 10:12 Click here to edit this post
"Dieses Institut galt bis 1992, bis zu Möllers Inthronisation durch Helmut Kohl, als zentraler Ort für die Erforschung des Nationalsozialismus."
Was hat Helmut Kohl damit zu tun? Helmut Kohl als mutwilliger Zerstörung der Wissenschaft? Schlimmer noch, als Wegbereiter eines Neo-NS? Muss dieser Seitenhieb auf Kohl wirklich sein?
Die Erwähnung von Helmut Kohl ist wohl nicht zufällig. Sie ist nur in dem Artikel nicht hinreichend begründet.

Kohl hat für seine Politik immer historische Legitimation gesucht und offensichtlich gleichzeitig Geschichtswissenschaft durch Personalpolitik gefördert, die seine Art der Geschichtsschreibung befördern sollte. Dafür kann dieser lesenswerten Analyse zufolge neben dem Institut für Zeitgeschichte auch z.B. dieses von Kohl beförderte Geschichtsmuseum (Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) als Indiz gesehen werden.

Kohl hat sich danach auch von Michael Stürmer beraten lassen, der im Historikerstreit Positionen in der Nähe der Nolte-Thesen vertrat. Gleichzeitig wird ihm von seriösen Geschichtswissenschaftlern vorgeworfen, durch seine Personalpolitik für die bereits begrabene Nolte-Position auch beim geschichtswissenschaftlichen Nachwuchs wieder Unterstützer geschaffen zu haben.

Verstehbar ist Kohls Handeln durch den Antikommunismus/-sozialismus, der Kohls politisches Denken und Handeln sehr geprägt hat.

Die Angst, die bei Kohls Kritikern dahinter steht, ist die, daß sich durch seine Politik eine Position auch politisch durchsetzen könne, die eine deutsche nationale Identität ohne kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus schaffen wolle. (Und dies ist gerade bei den Nolte-Anhängern der Neuen Rechten der Fall.)

Und wahrscheinlich wird im Institut auch nicht mehr der Nationalsozialismus erforscht, sonderen seiner Wiederauflage der Weg bereitet.
Dort wirkten renommierte Historiker wie Martin Broszat, Helmut Krausnik und Norbert Frei, und gerade dort stießen Noltes Thesen einst auf fundierte Kritik." Schön, dass es dort namhafte Leute gab. Und wo sind sie jetzt? Wahrscheinlich von Kohl rausgeekelt. Hat sich denn die Situation für die Wissenschaftler so geändert? Haben sie keine Einsicht mehr in die Archive, oder was? Nee, der Autor möchte uns doch wohl sagen, dass der neue Chef des Instituts keine richtige Forschung mehr zulässt. Und zwar richtige Forschung im Sinne des Autors.
Insgesamt geht es im Historikerstreit (wie in der Geschichtswissenschaft selbst) nicht nur um historische Quellen, sondern auch um deren Bewertung, die Plausibilität der Bewertung und die normativen Konsequenzen. Die eben z.B. andere sind, wenn man NS-Handeln als verstehbare Reaktion auf den Bolschewismus betrachtet als wenn man ihn weitgehend auf endogene gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland zurückführt.