| | Donnerstag, den 12. 10. 2000 - 17:53 Das Verlinken des Spiegel-Artikels will mir gar nicht klappen (zu viele Kommas, vermute ich), aber immerhin: Gao hat den Nobel-Literaturpreis gewonnen. Ja, Gao. Nein, ich hatte bisher gar nicht mal den Namen gehoert, Ihr vielleicht?
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| | Freitag, den 13. 10. 2000 - 11:27 Links zum SPIEGEL - von der Uhrzeit her müsstest du einen der beiden ersten gemeint haben: Unerwartet: Literatur-Nobelpreis für Chinesen Gao Xingjian Literatur-Nobelpreis: Ehrung Xingjians löst Kontroversen aus Reich-Ranicki: "Habe noch nie ein chinesisches Buch gelesen"
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| | Dienstag, den 24. 10. 2000 - 22:11 Auch ich habe noch nie ein chinesisches Buch gelesen, das musste ich zu meiner eigenen Ueberraschung faststellen, als ich das MRR-Zitat las. Listen von 'den besten [whatever]' scheinen stets Renner zu sein, hier ist also eine Liste von 'den besten Romanen des 20. Jahrhunderts'. Sie ist von mir. Sie ist viel mehr international, als die Liste der 100 'besten Romanen' (Immer mit Anfuehrungszeichen und einem Schmuenzeln, bitteschoen!) von der Modern Library, die ich hier vor einigen Monaten abtippte. Ich bitte um Nachsicht, dass die russischen und japanischen Titeln hier auf Englisch erscheinen; dies geschah ja zum Teil aus orthographischen Ruecksichten, weder kyrillische noch japanischen Schriftzeichen stehen mir zur Internet-Verfuegung, leider. Und bitte das Spiel nicht gleich verderben mit unhoeflichen Fragen wie, "Hast Du denn das alles selbst gelesen?" 1. Ulysses, by James Joyce 2. Der Mann ohne Eigenschaften, von Robert Musil 3. A la recherche du temps perdu, de Marcel Proust 4. Cien anos de solidad, por Gabriel Garcia Marquez 5. Berlin Alexanderplatz, von Alfred Doeblin 6. La coscienza di Zeno, di Italo Svevo 7. Dvaergen, fun Paer Lagerkvist 8. Le faux-monnayeurs, de Andre Gide 9. Doktor Faustus, von Thomas Mann 10. Humboldt's Gift, by Saul Bellow 11. JR, by William Gaddis 12. L'etranger, d'Albert Camus 13. Jud Suess, von Lion Feuchtwanger 14. The Eye of the Storm, by Patrick White 15. The Sound and the Fury, by William Faulkner 16. Malina, von Ingeborg Bachmann 17. Histoire, de Claude Simon 18. Hundejahre, von Guenther Grass 19. Lolita, by Vladimir Nabokov 20. A Casa Grande de Romarigaes, por Aquilina Ribeiro 21. Gravity's Rainbow, by Thomas Pynchon 22. La tia julia y el escribidor, por Mario Vargos Llosa 23. Doctor Zhivago, by Boris Pasternak 24. The Temple of the Golden Pavilion, by yukio Mishima 25. The Tunnel, by William H. Gass 26. Midnight's Children, by Salman Rushdie 27. Go Tell it on the Mountain, by James Baldwin 28. Jean Christophe, de Romain Rolland 29. A Bend in the River, by V.S. Naipaul 30. Das Schloss, von Franz Kafka 31. The Manor, by Isaac Bashevis Singer 32. A Private Matter, by Kenzaburo Oe 33. Radetzkymarsch, von Joseph Roth 34. Ancient Evenings, by Norman Mailer 35. Mephisto, von Klaus Mann 36. Ahasver, von Stefan Heym 37. How Late it Was, How Late, by James Kelman 38. On the road, by Jack Kerouac 39. Az egri csillagok, Geza Gardonyi 40. Tode ju oigus, Hansen Tammsaare 41. Henkien taistelu, Joel Lehtouen 42. La Nausee, de Jean-Paul Sartre 43. A fizika gondolatvilaga, Mikola Sander 44. Orlando, by Virginia Woolf 45. Die jugend und Vollendung des Koenigs Henri Quatre, von Heinrich Mann 46. A Bad Man, by Stanley Elkin 47. The Lime Twig, by John Hawkes 48. Les Mandarins, de Simone de Beauvoir 49. Suttree, by Cormac McCarthy 50. U.S.A., by John dos Passos (Diese Liste ist unvollstaendig. Eine jede solche Liste ist -- bestenfalls -- unvollstaendig. Bei dieser Liste habe ich mich auf ein Buch pro Dichter/in eingeschraenkt, sonst gaebe es auch Doeblins "Wallenstein" und "The Adventures of Augie March" und "A Portrait of the Artist as a Young Man" und viele mehr. Und wieso eigentlich nur Romane, wieso nicht gleich auch Baender von Geschichten wie "Him With his Foot in his Mouth", wieso nicht auch Lyrik-Baender wie "Plutonian Ode" und "Anrufung des grossen Baeren" und "Cantos", wieso nicht auch Sachbuecher wie "L'etre et le neant" und "Sein und Zeit" und Golo Manns "Wallenstein", wieso gar keine Theaterstuecke oder Kino-Drehbuecher? Sehr gute, berechtigte Fragen, finde ich.)
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| | Sonntag, den 19. 11. 2000 - 00:28 Eigentlich wollte ich mit dieser ganz uebermuetigen Liste andere Teilnehmer dazu aufmuntern, ihre eigene Listen hier zu posten. Braucht gar nicht eine 20. Jhdt-Liste zu sein, braucht nicht eine Liste von Romanen zu sein. Koennte 'mein 7 Lieblingsbuecher' sein, oder 'die 25 am meisten overrated franzoesischen Prosawerke des 14. Jhdts' oder was immer man will. Ich bitte nur, dass es was mit Literatur zu tun hat -- und es liegt mir fern, das Wort 'Literatur' ueberhaupt enf zu definieren -- wenn es irgendeine starke Meinung ausdrueckt, um so besser, aber auch das ist nicht unbedingte Voraussetzung.
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| | Sonntag, den 17. 12. 2000 - 00:27 Aus der taz von 16.12. ("Man ignoriere die Unterscheidung von Wissenschaft und Literatur, von theoretischer Argumentation und Erzählung." Um so leichter wenn man, wie ich (Kluge-Fan), erst recht so nicht an solche Unterscheidungen glaubt.) Quasseln und Lakonik Man ignoriere bitte die Unterscheidung von Wissenschaft und Literatur, von Fiktion und Dokument: Alexander Kluges expandierendes Erzähluniversum von MICHAEL RUTSCHKY Was er auch macht, auf Kluge richten sich unverändert starke Erwartungen der Community. Ich weiß das von mir selber; immer wenn mir jemand erklärte, jetzt erschöpfe er sich endgültig mit seinen exzentrischen Fernsehprogrammen, reagierte ich mit Abwehr, womöglich Empörung. Dabei musste ich verschweigen, dass ich die Fernsehprogramme schon lange nicht mehr anschaue. Jedenfalls entlud sich jetzt die Erwartung in dem lebhaften Echo, das Kluges in zwei Bänden gesammeltes, erweitertes, neu geschnittenes Erzählwerk hervorrief. Genau gerechnet dauert es 23 Jahre, dass das Erwartete eintrat: Der Band "Neue Geschichten. Hefte 1. 18. ,Unheimlichkeit der Zeit'" erschien 1977 und sättigte nicht nur gründlich, sondern weckte noch stärker den Appetit auf mehr - 1977 wäre eine solche Nahrungsmetapher natürlich unerlaubt gewesen. Pause im Café Bauer In den schrecklichen Siebzigern, behaupte ich gern, hat uns Alexander Kluge das Leben gerettet. (Es gab noch einen zweiten Retter, den schwedischen Romancier Lars Gustafsson, sein Zyklus "Risse in der mauer" - aber das ist eine andere Geschichte: Fragen Sie mal Jochen Schimang.) Damals hätte unsereins sicher gesagt, dass der Band "Öffentlichkeit und Erfahrung", den Kluge 1972 gemeinsam mit Oskar Negt veröffentlichte, der theoretischen Arbeit wichtige Impulse gebe (im Untertitel hieß das Buch " Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit"). In Wahrheit aber war die Theorie überhaupt kaputt; einerseits von den K-Gruppen in absurden Distinktionskämpfen um die wahre Orthodoxie der Arbeiterbewegung zermahlen, andererseits durch den Existenzialismus der RAF todbringend verwirklicht. Aber dann kam Kluge mit seinem dicken Erzählbuch "Chronik der Gefühle" (das die ohnedies schon gründlich erwiesene Kompetenz der gloriosen Edition Suhrkamp für Gegenwartsfragen bekräftigte). Ich öffne den violetten Band an einer beliebigen Stelle: "Pause im Café Bauer. Pausen sind intensive,miniaturisierte Arbeitsphasen, denn von der spezialisierten Arbeit im Institut für Sozialforschung erholt man sich durch anderweitig gerichtete Arbeit. Die Erholung liegt im Schwerpunktwechsel, im Wechsel der Selbststeuerung, während die Hände ichlos in der Kaffeetasse graben." Man kann sicher sein, dass in der Beschreibung der Pause Arbeitswissenschaft steckt - 1981 haben dann Negt und Kluge den notorischen Monumentalband "Geschichte und Eigensinn" veröffentlicht, der in Blau und Gold wie eine Folge der Marx-Engels-Gesamtausgabe daherkam und in allen erreichbaren Formen fachwissenschaftlicher Gelehrsamkeit schwelgte. Aber die Arbeitspause im Café Bauer - ehrfürchtig schaute ich als Student da mal Adorno und Herbert Marcuse bei Kaffee und Kuchen zu -, die Arbeitspause im Café Bauer endet in einer poetischen Formulierung, das ichlose Kaffeerühren. (Und "Geschichte und Eigensinn" schwelgt auch in poetischen, erzählerischen Formulierungen; nicht zu vergessen der reiche Durchschuss mit Bildern aller Art, die unaufhaltsam weitererzählen; was auch immer.) Dies möchte ich zu dem zentralen Kunstgriff Alexander Kluges erklären, dessen Fruchtbarkeit das schiere Ausmaß seiner Produktion bezeugt: Man ignoriere die Unterscheidung von Wissenschaft und Literatur, von theoretischer Argumentation und Erzählung. Dies Ignorieren macht natürlich Mühe. Denn man muss wirklich was von der Sache verstehen; es genügt keineswegs, dass man eine Fachterminologie als poetisches Material adaptiert (so wie sich James Joyce für "Finnegans Wake" flüchtig den Sound unzähliger Sprachen aneignete). Kluge ist Jurist (was ihm sein Fenster im Privatfernsehen zu erobern erleichtert hat); wenn es die literaturwissenschaftliche Dissertation, die juristische Verfahren in seinen Arbeiten und ihre Folgen für das epische Material untersucht, noch nicht gibt, liebe Literaturprofessoren, dann wirds aber wirklich Zeit. Die Rechtswissenschaft scheint vor allem weitläufige Handlungsräume und Organisationszusammenhänge zu erschließen, die sich der Normalbelletrist nur mühsam erhinkt. "Ein Materialist ist nie doktrinär", erklärt der Kirgise Lermontow, Obrist im sowjetischen Geheimdienst. "Er schließt ohne Grund keine Krafteinwirkung in der Welt als unmöglich aus. Vor allem dann nicht, wenn sie sich unserer Beobachtung öffnet. Nehmen Sie die eigentümliche Lähmung Hitlers, seine Blendung (im Moment des Fiaskos der Front von Moskau). Im Dezember 1941: ,wie schneeblind'. Er erklärt den USA den Krieg. Das müsste er nach den Verträgen nicht. Er besiegelt das Ende des Dritten Reiches. Wie wollen Sie so etwas erklären? Wenn nicht Götter die Hand führen?" Hat doch sein Gutes Auch eine zweite Unterscheidung, die gerade in unseren Kreisen als kategorisch geschätzt wird, ignoriert Alexander Kluge souverän: die Unterscheidung von Negation und Affirmation. Zwar präsentiert er sich von Anfang an als Schüler Adornos und der Kritischen Theorie, doch liegt ihm eigentlich nichts ferner als Ideologiekritik, die Demontage des falschen Bewusstseins. Bestimmte Negation, Adornos Programm, findet sich bei Kluge nicht einmal als Gegenprogramm, bestimmte Affirmation (". . . hat doch auch sein Gutes!"). Das heißt es eben, eine Unterscheidung zu ignorieren. Seit den "Lebensläufen" (1962), seinem ersten Erzählbuch, befähigt Kluge diese Strategie zu einer epischen Bearbeitung des Dritten Reiches, zu der ich keinen Parallelfall kenne. Ich habe erst jetzt - in den dicken Doppelbänden - sein Stalingradbuch von 1964 zum ersten Mal gelesen (schon wieder umgeschnitten: Als Filmemacher kann Kluge seinen Texten die philologische Erstarrung ersparen; immer wieder verwandeln sie sich in Material, das neu montiert werden darf). "Organisatorischer Aufbau eines Unglücks" ist der Untertitel; seinerzeit hielt man das Buch für einen Roman und monierte seine Unpersönlichkeit und Kälte: Ohne jede Distanzierungsgeste imaginiert Kluge die Perspektive der deutschen Generalität und zitiert diverse Textwelten. "Füße sind besonders empfindlich gegen Frost. Strümpfe häufig wechseln. Einlegesohlen aus Stroh, Stoff oder Papier, ferner sorgfältig eingelegtes und gut passend geschnittenes Langstroh, sowie gut um den Fuß gewickeltes Zeitungspapier sind gute Mittel gegen Erfrierungen der Füße." Hier könnte man einer weiteren ignorierten Unterscheidung gedenken, nämlich der zwischen tragisch und komisch. (Wie kommt man im russischen Winterkrieg massenhaft an Zeitungen?) Tatsächlich gibt es bei Kluge immer viel zu lachen, und auch die Dissertation über seinen Humor, liebe Literaturprofessoren, steht dringend an. Was Stalingrad betrifft, so hat er vier Überlebende - Stefan Boltzmann, A. Dorfmann, v. Ungern-Sternberg jun., Franz Zwicki - unter dem Titel "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" 1973 ins Weltall geschickt, wo sie auch den Dritten Weltkrieg überleben, denn die Mensch-Maschine Stalingrad antizipierte absolute Kriegstauglichkeit. (Es gibt zu diesem Komplex auch einen Zukunftsfilm, "Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte", dessen Komik ich als hilarious, wie der Engländer sagt, in Erinnerung habe.) "Helmut Heuber, 46 Jahre alt, Kleingärtner aus Wirtsweiler bei Freiburg, ein dunkelhaariger athletischer Typ mit kurzen und stämmigen Beinen und ungewöhnlich behaarten Oberschenkeln. Auch die Haare im Nacken wachsen ungewöhnlich zahlreich in den Rücken hinunter. Aber die in dieser körperlichen Verfassung organisierte Natur steht in keinem Verhältnis zu den Naturgewalten, die in wenigen Stunden diese Landschaft umgestalten werden." Infolge des Dritten Weltkriegs. Wobei Kluges Prosa - was ihn von allen anderen Autoren unterscheidet - eng mit seiner Stimme verwoben ist: Wer ihn, als Off-Erzähler in seinen Filmen oder als manischen Interviewer in seinen TV-Programmen gehört hat, kann gar nicht anders als seine Stimme zu dem gedruckten Text hinzuzuhalluzinieren. Irgendwo heißt es, Gabi Teichert, Geschichtslehrerin, lege große Wert darauf, Geschichte zu hören. Gabi Teichert, Hauptfigur in Kluges Film "Die Patriotin" (1979); Leni Peickert, 1968 Hauptfigur in "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (beide Male: Hannelore Hoger): Eine der besonderen Freuden, die Kluges Arbeiten schenken, kommt von seinem absoluten Gehör für Namen. Obwohl er außerordentlich viele braucht, weil die Erzählung jederzeit neue Personen einführen möchte, stimmen die Namen immer, mit einer rätselhaften, geradezu magischen Präzision. Man hat mit Leni Peickert et al. stets weit intensiver zu tun als mit irgendeiner Romanfigur, die halt auch einen Namen braucht, dessen Willkürlichkeit man aber sofort erkennt. Gehör für Namen Es könnte die Unterscheidung von Fiktion und Dokument sein, die Kluge hier ignoriert: Die Namen seiner Figuren sind mit denen historischer Figuren unauffällig vermischt. Manchmal transferiert er solche historischen Namen auch umstandslos in die Fiktion: "Heiner Müllers Äußerungen", heißt es in einer Fußnote, "in diesem Buch sind fiktiv. Sie haben aber ihre authentische Grundlage in den TV-Gesprächen, die ich seit 1986 mit ihm führte." Bei den Befragten seiner Interviews kann man regelmäßig den Eindruck gewinnen, dass sie sich unter dem Bann seiner dringenden Fragen in Fiktion, in Darsteller verwandeln. Hier würden sich, liebe Literaturprofessoren, vielleicht interessante Parallelaktionen eines anderen maverick, wie die Amerikaner sagen, herausarbeiten lassen: Walter Kempowskis. Auch er wird intensiv von Stalingrad, vom NS, von der deutschen Geschichte okkupiert; auch bei ihm kann unsereins - wie bei Kluge - lernen, dass man keineswegs aus dem Schneider ist, wenn man alle Aufmerksamkeit auf Auschwitz konzentriert. Zwei der "Neuen Geschichten" von 1977 - jetzt in Band 2 der Dickbände - handeln ausführlich und ingeniös komponiert vom Luftangriff auf Halberstadt, 8. April 1945, sowie der "Verschrottung durch Arbeit", die ein KZ-Außenlager in der lieblichen Landschaft dort betrieb, Kluge zitiert Humboldt und Goethe als Zeugen für deren Schönheit: Kein Leser käme auf die absurde Idee, man könne hier aufrechnen. (Auch bei Kempowski ist Aufrechnung ausgeschlossen: ingeniöse Trennungsverfahren, deren Untersuchung ich hier auslassen muss.) Was ich, neben dem absoluten Gehör für Namen, zu den anhaltenden Rätseln von Alexander Kluges Arbeiten halte, ist die Vereinbarkeit zweier rhetorischer Strategien, die man unmöglich zusammendenken kann (deren Unterscheidung Kluge aber wiederum ignoriert): das Quasseln und die Lakonik. Ich öffne den ersten der dicken Bände an einer beliebigen Stelle. "G., geboren 1949, hat kein Eigentum aufgehäuft. ,Was ich besitze, trage ich mit mir.' Also: Mietwohnung (gehört ihm nicht), anvertrautes Dienstzimmer, wie es einem Staatssekretär im Ministerium der Finanzen der DDR zusteht, Vorzimmer mit Schreibkraft (das schon nicht mehr in unmittelbarer Nutzung). Er war Junggeselle. Vielleicht ist dies der einzige Luxus, den er wie ein Eigentum hegte, der unter beiden politischen Systemen, dem der DDR und dem der BRD, begründungspflichtig schien." Folgt ein Interview mit G. durch die Neue Zürcher Zeitung. Frage: "Und was haben Sie aus Ihren schlechten Erfahrungen von 1989 gelernt?" Antwort: "Gar nichts. Das ist das Schlimme daran, dass die Zeit verrinnt und ich aus ihr nichts lernen will." - Wie macht er so etwas nur? Von Anfang an expandiert Alexander Kluges Universum. Zu den "Lebensläufen", die eine hübsche konventionelle Schriftstellerkarriere hätten begründen können, kamen die Spielfilme hinzu; "Abscheid von gestern" (1966) habe ich neulich wieder gesehen und wegen seiner Frische restlos bewundert; während etwa Volker Schlöndorffs "Törleß" (1966) beim Wiedersehen schon alle Schäden zeigt, die seine Filme seitdem immer wieder demolieren. Dann kamen Kluges Kompilationsfilme, von denen "Deutschland im Herbst" allein wegen der Trennungskunst, die der Film zwischen der Trauerfeier für Hanns Martin Schleyer und der Beerdigung von Baader-Ensslin-Raspe auf dem Stuttgarter Dornhaldenfriedhof walten lässt, zur Wiederherstellung des inneren Friedens in der Bundesrepublik beigetragen hat, ein unvergleichlicher Beitrag, liebe Kunstprofessoren. Oder ist hier der Politikprofessor zuständig? - Dann kam die Fernseharbeit, die anhaltend in der Intelligenzija die Hoffnung stachelte, vielleicht seis mit dem TV noch nicht vorbei. (Mal sehn.) Ich gestehe, dass ich es irgendwann aufgab, der Expansion von Alexander Kluges Text-, Film- und TV-Universum beizuwohnen. Ich kam nicht mehr mit. Statt zusammengefasst zu werden, wurde ich zerstreut und blieb mir über den Gewinn unklar. Dass Kluge jetzt das Textuniversum in zwei Bänden versammelt und neu geschnitten (sowie tüchtig erweitert) hat, ermöglicht also eine neue Konzentration, und deshalb trafen die beiden Bände, nehme ich an, auf eine solche begeisterte Begrüßung. Also, lieber Leser, enjoy it. Alexander Kluge: "Chronik der Gefühle", Bd. 1: "Basisgeschichten", 1.004 Seiten. Bd. 2: "Lebensläufe", 1.302 Seiten. Frankfurt/Main, Suhrkamp 2000 taz Nr. 6324 vom 16.12.2000, Seite 13-14, 437 Zeilen Kommentar MICHAEL RUTSCHKY
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| | Sonntag, den 17. 12. 2000 - 12:54 SPIEGEL-Interview mit Kluge zur "Chronik der Gefühle".
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| | Sonntag, den 17. 12. 2000 - 17:40 Klasse: SPIEGEL: Einerseits sammeln Sie als Chronist Geschichten ein, in dokumentarischer Absicht; andererseits erfinden Sie Geschichten, etwa das Kapitel "Heidegger auf der Krim". Das finden wir - milde formuliert - etwas verwirrend. Ein gewollter Effekt? Kluge: Verwirrung stärkt die Muskeln der Einbildungskraft.
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| | Samstag, den 07. 04. 2001 - 22:59 Literaturempfehlung: Robert Merle, Malevil - oder: Die Bombe ist gefallen Falls das einer liest - Rückmeldung erbeten.
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| | Donnerstag, den 19. 04. 2001 - 15:04 Wenn Du mir sagst, wo ich's herbekomme, lese ich es gerne. Gibt's weder in unserer Verlagsbuchhandlung noch bei amazon.
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| | Donnerstag, den 19. 04. 2001 - 19:42 Merle, Robert: Malevil oder Die Bombe ist gefallen, Ein phantastischer Roman, Aus dem Französischen von Eduard Zak, Gütersloh, Bertelsmann o.J., 511 S., OLwd. - <Bestellnr. 11302A> DEM 15,00 [SW: Literatur] Gefunden im Katalog Varia (13592 weitere Einträge) Anbieter: Antiquariat Wolfgang Rüger [D-60594 Frankfurt/Main] Standardtip: Zentralversand antiquarischer Bücher. Zur Zeit ist das eine Exemplar greifbar. Die Bestandlisten werden täglich aktualisiert.
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| | Donnerstag, den 19. 04. 2001 - 19:45 Oh. Dah ist noch eines, unter leicht verändertem Titel als Taschenbuch: Suche Einträge, die Merle UND Bombe enthalten ... -------------------------------------------------------------------------------- 2 Einträge gefunden. Die Ausgabe wird vorbereitet ... -------------------------------------------------------------------------------- MERLE/ROBERT : Die Bombe ist gefallen/Goldmann TB 6808/1 A 1985/DM 5,00 Gefunden im Katalog Literatur A-Z I (4760 weitere Einträge) Anbieter: Papier Planet [D-47798 Krefeld] -------------------------------------------------------------------------------- Merle, Robert: Malevil oder Die Bombe ist gefallen, Ein phantastischer Roman, Aus dem Französischen von Eduard Zak, Gütersloh, Bertelsmann o.J., 511 S., OLwd. - <Bestellnr. 11302A> DEM 15,00 [SW: Literatur] Gefunden im Katalog Varia (13592 weitere Einträge) Anbieter: Antiquariat Wolfgang Rüger [D-60594 Frankfurt/Main]
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| | Freitag, den 20. 04. 2001 - 10:18
Schon passiert und danke für den Tip!
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| | Sonntag, den 22. 04. 2001 - 19:19 (Vertrauen im Blindflug, so isses recht! )
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| | Montag, den 23. 04. 2001 - 13:04
Na, ein bisschen Satisfaktion für meine lange Absenz musste ich Dir fast geben... *g* Aber Alex! DU HAST EIN SMILEY BENUTZT! *ungläubig Kopf hin und herwieg*
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| | Montag, den 23. 04. 2001 - 13:43 eBay ist auch immer eine gute Adresse. Da liegt dieser Tage die TB-Ausgabe für DM 1,-- herum. Zzgl. Versand. Aber Alex! DU HAST EIN SMILEY BENUTZT! *ungläubig Kopf hin und herwieg*Oh. Da ist bestimmt das Küken über die Tastatur gelaufen.
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| | Freitag, den 27. 04. 2001 - 12:08 Das ist mir doch zufällig der Klappentext bei ebay in die Finger geraten: ![]()
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| | Freitag, den 27. 04. 2001 - 12:46 Is ja schon gut, bin schon am Lesen!
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| | Freitag, den 27. 04. 2001 - 16:22 Nun ja. Es sind weltweit vier weitere Exemplare erhältlich, die offenkundig niemand haben will! *grummel*
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| | Montag, den 30. 04. 2001 - 17:17 Wenn es Dich tröstet: Ich bin schon bei Kapitel 4... *grinselfeix*
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| | Mittwoch, den 09. 05. 2001 - 10:41 1. Der Tod in Venedig - Thomas Mann (immer und immer wieder lesen....) 2. Alex: Malevile hab ich vor zig Jahren gelesen...beeindruckend j.
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| | Mittwoch, den 09. 05. 2001 - 11:12 (Hab nur den Film gesehen.) (Erinnere aber immer fehl Wenn die Gondeln Trauer tragen. Nun ja. Ja nun.)
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| | Mittwoch, den 09. 05. 2001 - 11:41 ...das macht dich menschlich alex...schmunz
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| | Montag, den 14. 05. 2001 - 13:27 Malevil: Anfangs eher skeptisch (wird das wieder so ein Ding wie 'Animals Farm?') zog mich die Geschichte immer mehr in ihren Bann und befreite mich somit von meiner Voreingenommenheit. (Ich lasse mich gerne von Büchern fressen...) Faszinierend, diese Utopie einer anarchistischen Zelle, die auch praktisch funktioniert, lustig die Idee des Autors, einen der Protagonisten Kommentare zur Erzählung des Erzählers abgeben zu lassen. mE absolut an den Haaren herbeigezogen die Idee von der 'sauberen Bombe' - ohne die der ganze Plot natürlich nie funktioniert hätte. Das Genre 'Phantastischer Roman' ist heutzutage ja gar nicht mehr vertreten - schade eigentlich.
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| | Montag, den 14. 05. 2001 - 15:34 Nun ja. Romane der Kategorie The day after kenne ich natürlich im Dutzend. Hier aber scheinen mir die Charakterzeichnungen sehr gut gelungen. Das eigentliche Thema ist die Funktionsweise einer Kleingruppe, befreit von Konvention. Der funktionale Aspekt von Religion wird in provokativer Weise betont. Die Sache mit der sauberen Bombe ist nicht originell. Die saubere Neutronenbombe gibt es bereits seit den 70igern. Sie wird jedoch (angeblich) nicht produziert. Ein konkretes Ergebnis der Friedensbewegung.
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| | Montag, den 14. 05. 2001 - 15:57 Habe ich die Idee mit der 'sauberen Bombe' originell genannt? Und wie sauber die Neutronenbombe wäre, würde sie tatsächlich gebaut und eingesetzt, na hoffentlich werden wir das nie real erfahren... (Gab's die Neutronenbombe 1972, als das Buch geschrieben wurde, eigentlich schon? Ich erinnere diese tolle Erfindung ca. 10 Jahre später...) Originell fand ich eben wie du es nennst, 'die Funktion einer Kleingruppe befreit von Konvention', ich nenne es frei nach Bakunin eine anarchistische Zelle. Ist ja egal, wie man es nennt. Es ist der Traum von einer anderen (angemesseneren) Art des menschlichen Zusammenlebens, den herrschenden äußeren Umständen angepasst und befreit von überkommenen Dogmen. Das mit der Religion als funktionale Notwendigkeit... das lasse ich mal so stehen, sonst wird hieraus eine Endlosdiskussion. Mal kurz gesagt: ich gehe in diesem Punkt mit dem Autor nicht konform.
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