| | Samstag, den 01. 07. 2000 - 09:00 Der versöhnte Zustand annektierte nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, dass es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen. Theodor W. Adorno Negative Dialektik
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| | Samstag, den 01. 07. 2000 - 19:26 Folgendes Schopenhauer-Zitat habe ich, trotz emsigen Bedienens von Suchmaschinen, leider nur in englischer Uebersetzung finden koennen, von einem gewissen Caird, von dem ich weder weiss, wie er oder sie mit Vornamen hiess, noch, wieviel Vertrauen man in ihn oder sie als UebersetzerIn setzen darf, noch, aus welchem Werke er oder sie zitiert hat. Kann, will jemand das Original-Zitat hier geben -- prima. "By reading Kant, the public was compelled to see that what is obscure is not always without significance. Fichte and Schelling advanced Kant's work, creating magnificent metaphysical edifices of their own. But the height of audacity in serving up pure nonsense, in stringing together senseless and extravagant mazes of words, such as had previously been known only in madhouses, was finally reached in Hegel, and became the instrument of the most bare-faced general mystification that has ever taken place, with a result which will appear fabulous to posterity, and will remain as a monument to German stupity." Waehrend ich im Netz nach dem Original suchte (Warum zum Teufel sind die saemtlichen Schopenhaurischen Werke immer noch nicht online zu finden, weder bei gutenberg.de noch sonstwo? Warum?), fand ich eine Dissertation, in der behauptet wird, Schopenhauers Attacke gegen Hegel seien uebertrieben und "einem grossen Philosoph unwuerdig". Nun, ich meine, weder sind sie unwuerdig, noch ungerecht, noch uebertrieben, noch ahnt der Verfasser dieser Dissertation, welche im grossen und ganzen ein Lob auf Schopenhauer sein soll, was ein grosser Philosoph eigentlich ist. Scheint mir, dass Hegels Einfluss auf die Kultur (und beileibe nicht mehr nur auf die deutsche) weit groesser und schaedlicher gewesen ist, als selbst Schopenhauer ahnen konnte. Noch die Frankfurter Schule stolperte, noch heute stolpern ihre NachfolgerInnen in der Hegelschen Finsternis herum, der sprachlichen wie der logischen. Um obiges Zitat ein wenig umzuformulieren: Wegen Hegels hat die Oeffentlichkeit bis heute nicht begriffen, dass das, was obskur, nicht notwendigerweise bedeutend ist. Nur unter ganz Wenige, wie Schopenhauer, wie Nietzsche, und gar nicht mal unter Vielen, die als Schopenhauer- bzw. Nietzsche-Nachfolger gegolten haben, hat sich herumgesprochen, dass der Kaiser Hegel, wohl der einflussreichste Mensch auf dem deutschen Kulturgebiet zwischen Luther und Hitler, nackt ist.
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 00:05 Wären Sie mein Mann, so würde ich Ihren Kaffee vergiften. Wären Sie meine Frau, würde ich ihn trinken. Sinngemäß und angeblich aus einem Gespräch Churchills.
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 04:42 Ja, das klingt wie echter Churchill. Bei einem Dinner fand irgendeine hohe Dame Churchills Benehmen ganz unakzeptabel und sagte ihm: "Mr. Churchill, you are drunk." Churchill erwiderte: "Yes, Madam, I am drunk. You, on the other hand, are ugly. And tomorrow I shall be sober."
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 10:51 Sie: And, by the way, Ihr Gesicht ist so häßlich wie Ihre Gedanken. Er: Ich verspreche Ihnen, Sie werden mit keinem von Beiden in Berührung kommen. Sinngemäß und angeblich aus einem Gespräch Churchills. (Gibt es zu Churchill einen deutschsprachigen Aphorismenband? Der Jung' gefällt mir.)
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 16:09 Kann, will jemand das Original-Zitat hier geben -- prima. Habe ich leider bislang nicht finden können, aber in Parerga und Paralipomena I findet sich eine Passage ähnlichen Inhaltes, die dir ebenfalls gefallen dürfte: "Auf Schelling folgte jetzt schon eine philosophische Ministerkreatur, der in politischer, obendrein mit einem Fehlgriff bedienter Absicht von oben herunter zum großen Philosophen gestempelte Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der mit beispielloser Frechheit Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weiheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, wodurch ein so vollständiger Chorus der Bewundrung entstand, wie man ihn nie zuvor vernommen hatte."
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 21:42 Wieder einmal Schopenhauer ueber Hegel. (Den Satz koennte manfrau aber ebensogut auf Adorno anwenden.) "Bald darauf kam die Rede auf Hegel, und ich behauptete er habe großenteils Unsinn geschrieben oder wenigstens wären viele Stellen seiner Schriften solche, wo der Autor die Worte setzt, und der Leser den Sinn setzen soll."
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| | Montag, den 03. 07. 2000 - 21:53 Schopenhauer: "...die gewöhnlichen Leute [haben] tiefen Respekt für die Leute vom Fach jeder Art. Sie wissen nicht, daß wer Profession von der Sache macht, nicht die Sache liebt, sondern seinen Erwerb: – noch daß wer eine Sache lehrt, sie selten gründlich weiß, denn wer sie gründlich studiert, dem bleibt meistens keine Zeit zum Lehren übrig."
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 00:27 Ach, da gab's doch dieses Bonmot von Lichtenberg - wie war das noch gleich? "Solche Werke sind Spiegel; wenn ein Affe hinein guckt, kann kein Apostel heraus sehen."
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 05:11 Gut, ich bin also ein Affe -- willst Du so gut sein und versuchen, einem armen Affe das Adorno-Zitat da oben zu erlaeutern?
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 07:30 Der versöhnte Zustand annektierte nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, dass es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen. Das einzige, was ich diesem Satz sicher zu entnehmen weiß, ist, daß dem Autor die Welt eine liebere wäre, wäre sie denn eine andere. Dies signalisiert der Konjunktiv. Worüber immer der Mann gerade geredet haben mag - dies geht aus dem Text schließlich nicht klar hervor - bleibt der Satz doch auf jedes gedankliche Beispiel, auf welches ich ihn abbilde, ganz ohne jeden Zwang. Beispiele? Probiert es selber aus.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 07:36 Du fühlst dich angesprochen? Nun, du wirst deine Gründe haben. Adorno wendet sich gegen Vereinnahmung und Gleichmacherei ebenso wie gegen Separierung. Das Fremde (Denken, Verhalten, Fühlen, Aussehen - was immer du willst) muss verschieden und anders bleiben dürfen, ohne deswegen das Ungleichartige oder Gegensätzliche zu sein. Ein Plädoyer für die Differenz. Fügt sich aufs Schönste in die Ausgrenzungsdebatte.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 17:45 Doch wo im Menschen harmonisch die verschiedensten Eigenschaften in höchster Potenz sich vereinigen, ist der Boden, auf dem höchste Kunst emporblühen kann! Natur- und Kulturmensch zugleich, göttlich sein und ein Tier, ein Kind sein und ein Riese, naiv sein und raffiniert, voll Gemüt und voll Verstand, leidenschaftsvoll und leidenschaftslos, sprühendes Leben und schwingende Ruhe. Da ist der befähigte Künstler, welcher nicht einseitig an einem haftet, sondern größte Kunst schafft. Emil Nolde
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 17:51 "Our guitars are more clitoris substitutes than phallus ones. We stroke them in a nicer, gentler way." Jonny Greenwood (Radiohead)
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 17:54 Das Fremde (Denken, Verhalten, Fühlen, Aussehen - was immer du willst) muss verschieden und anders bleiben dürfen, ohne deswegen das Ungleichartige oder Gegensätzliche zu sein. Wer anders denkt oder fühlt als ich, der ist per definitionem ungleichartig zu mir. Ob es gleich zu einen Gegensätzlichen langt - wenigstens ist diese Ungleichartigkeit die natürliche Bedingung. Und diese ist - bei hinreichend weit gestelltem Focus - regelhaft gegeben.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 18:35 Wer anders denkt oder fühlt als ich, der ist per definitionem ungleichartig zu mir. Ich würde meinen, er/sie ist verschieden, aber dennoch gleichartig. Diesen Ausdruck hatte ich mit Bedacht gewählt - nicht zuletzt vor dem Hintergrund meiner jüngst aufgefrischten populationsbiologischen Kenntnisse. Ob diese Unterscheidung sprachwissenschaftlichen Anforderungen standhält, vermag ich allerdings nicht wirklich zu beurteilen.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 20:26 Etwas, das dermaßen komplexe und uneingängige Erläuterungen benötigt, steht bei mir unter Generalverdacht, keine sonderlich tiefe Einsicht sein zu können. Für mich ist das nur Wortgeklingel. Aber weiter - zum nächsten Aphorismus.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 21:16 Fuer mich auch -- bei Hegel sowohl bei Adorno und Lukacs und vielen anderen Linksintellekuellen -- aber nicht bei allen: Walter Benjamin ist da ganz eine Ausnahme, und Brecht auch. Marx -- tja, mal schreibt er so klar und packend wie Brecht, mal so unmoeglich schlecht wie Hegel. Warum nicht. Mein Kant-Studium macht Fortschritte -- muehsame Fortschritte zwar, aber ich will Schopenhauer glauben, und mit ihm Nietzsche, in bezug auf Kant, "that what is obscure is not always without significance". Aus Kants Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklaerung?": "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 22:13 (Ein verständlicher Absatz in einem Kant-Text?) (Wie nett.) (Konnte ich bei meinen Bemühungen um die Prolegomena und die Kritik der reinen Vernunft nicht entdecken. Der Mann muß betrunken gewesen sein. Oder ich.)
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 22:58 Wie war das noch? Intellektuelle, Fluch oder Segen? (Oder so) Gruss an Werner....... THG
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 23:01 Ach ja, Katrin: Provenienz Ist das franzoesischen Ursprungs, das Wort?
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 23:48 Gruss an Werner....... Hah - welch wahres Wort! Für mich Platz zwei. Gleich nach Adorno. Und danach kommt erst mal lange gar nix. Da spricht mir einer aus der Seele.
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 23:53 Ach ja, Katrin: Provenienz Ist das franzoesischen Ursprungs, das Wort? Nee, lateinisch. Aber trotzdem schick - oder?
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| | Mittwoch, den 05. 07. 2000 - 23:58 Und schließlich - das Wort zum Donnerstag: "Wem nichts mehr hilft, der muß nicht Gram verschwenden, Und wer das Schlimmste sah, die Hoffnung enden; Unheil beklagen, das nicht mehr zu bessern, Heißt um so mehr das Unheil nur vergrößern. Was nicht zu retten, laß dem falschen Glück Und gib Geduld für Kränkung ihm zurück. Zum Raube lächeln heißt den Dieb bestehlen, Doch selbst beraubst du dich durch nutzlos Quälen." William Shakespeare Othello In diesem Sinne. Auf bessere Zeiten.
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| | Donnerstag, den 06. 07. 2000 - 11:33 Aus Kants Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklaerung?": Ich ergänze mal um den direkt vorausgehenden ersten Absatz des Aufsatzes. "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." [Den (von mir) hervorgehobenen Satz hat unsere Firma auf ein Plakat gedruckt, welches in meinem Büro hängt. Ich habe ihn ergänzt um den Satz "Das ist hier überflüssig."] (Der ganze Text.)
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