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High Debate: Literatur & Sprache: Literaturforum: Archivieren bis zum 5. Mai 2000
  

Steven Bollinger

Freitag, den 31. 03. 2000 - 08:24 Click here to edit this post
Wow, fast eine ganz Woche Stille hier. "JR" empfahl ich zuallererst--welche Buecher moechte ich denn sonst empfehlen?

Gaddis hat insgesamt 5 Romanen geschrieben, "JR" war der zweite, der erste, "The Recognitions" (1955), ist fast so gut; der dritte, "Carpenter's Gothic" (1985), ebenso; der vierte, "A Frolic of His Own" (1994) ist ganz respekable und gewann, wie seinerzeit "JR", the National Book Award, die hoechste literarischen Auszeichnung der USA. (Die Pulitzers, obzwar ungleich beruehmter, sind wirklich fuer die Katze. Sehr lustige Pulitzer-Anekdote, eine unter vielen: die Titelfigur Von Humboldt Fleischer in Saul Bellows Roman "Humboldt's Gift" macht sich ganx teffend lustig ueber die Pulitzers: "The Pulitzer is for the birds--for the pullets. It's just a dummy newspaper award given by crooks and illiterates. you become a walking Pulitzer ad, so even when you croak the first words of the obituary are 'Pulitzer prizewinner passes.'" Und der Ich-Erzaehler Charlie Citrine, selbst ein Pulitzer-Preistraeger, ergaenzt zu aller Genuege: "He had a point, I thought." Was alldies eine lustige Anekdote ueber die Pulitzers macht, ist: Bellow hat bisher einen Pulitzer gewonnen--fuer "Humboldt's Gift". Noch eine Anekdote: Norman Mailer hat einen Pulitzer gewonnen--und zwar fuer "The Executioner's Song", sein erfolgreichstes Sachbuch. Und zwar den Pulitzer Prize for Fiction.) Gaddis' fuenfter Roman "Agape Agape" erscheint zunaechst, posthum. (Er wird wahrscheinlich mit einem Pulitzer ausgezeichnet, egal, wie gut er ist. Die Pulitzer Committe auszeichnet ganz gern posthum.)

Ich kann auch ganz guten Gewissens alles von Bellow empfehlen; vor allem aber die Romane "The Adventures of Augie March", "Henderson the Rain King" und, ja, "Humboldt's Gift", die Novellen "Sieze the Day", "The Bellarossa Connection" und "The Actual" und das Sammelband "Him With His Foot in his Mouth and Other Stories". (Bellow, Jahrgang 1915, lebt und schreibt ja immer noch, "The Actual" erschien 1997.)

Ein ganz ganz schoenes Sammelband ist "The Collected Stories of John Cheever".

Mein kennt ja auch in Mitteleuropa den Namen Herman Melville. Seine beide beste Buecher sind "Moby Dick" und, sehr weniger weit bekannt, "The Confidence-Man".

Will ich denn nichts Deutsches empfehlen? Aber doch: vier Sachen von vier Manns: von Heinrich die Henri-Quatre-Epos, von Klaus "Mephisto", von Thomas die Erzaehlung, in verschiedenen sammlungen erhaeltlich, "Das Gestz", von Golo die Wallenstein-Biographie.

"Leben des Galilei" von Brecht, "Berlin Alexanderplatz" von Doeblin, "Moergenroete" und "Der Antichrist" von Nietzsche, "Die Wiederholung" und "Versuch ueber die Muedigkeit" von Handke, "Jud Suess" von Feuchtwanger, "Italienische Reise" von Goethe.

Nun, das sind ein grosser Haufen von Buchtips auf einmal, und sehr wenig Beschreibung der empfehlenen Buecher! Mehr Detail auf Anfrage. Aber ganz gern. (Oder wenn man mal mehr Pulitzer-Anekdoten hoeren will.) Oder aber empfehlt selbst mal was. Bitteschoen.

  

Steven Bollinger

Sonntag, den 02. 04. 2000 - 22:39 Click here to edit this post
...Keine Anfrage also, Kein Mensch nirgendwo. Gut, ich mache weiter von allein.

(Aber wie koennte ich William Gass vergessen, der Freund von Gaddis und oft mit ihm der aehnlichen Namen wegen verwechselt? Jahrgang 1924, lebt so weit ich weiss noch, ist seit langem Philosophie-Professor bei Washington University, St. Louis.

Es gibt ja jede Menge rennominierter amerikanischen Dichter, die auch Professoren sind--das ist quasi ein Ersatz fuer mehr direkte Unterstuetzung seitens der Staat--aber mE nur zwei davon sind eigentlich ganz gute Dichter, naemlich Gass und Bellow--und auch Bellow ist nie bis zum Doktorgrad erlangt, wenn man von seinen zahlreichen Ehrendoktoren mal absieht. Die meisten von den besten amerikanischen Dichter legen sogar eine deutliche antiakademische Tendenz am Tag. Cormac McCarthy war aus meiner alma mater, der University of Tennesse, rausgeworfen bevor seinem Bachelor-Abschluss, das gleiche passierte Gaddis bei Harvard.)

Um moegliche Missverstaendliche vorzukommen: was ich hier abgebe, halte ich nicht fuer eine Liste von der "besten" Literatur. Mehr: ich weiss ehrlich nicht, was denn "die beste Literatur" sein sollte. Die Buecher, die ich hier erwaehne, habe mich persoenlich eingepraegt, also was ich hier sage, sage ich in erster Linie ueber mich selbst. Mehr: ich halte jede solche Liste fuer eine aussage ueber den Mensch oder die Menschen, von dem bzw von denen die Liste gemacht wird. In gewissen Faellen glaube ich, in erster Linie nicht Liebe zur Literatur, sondern Furcht vor den Meinungen Anderer (lest: Snobbismus) aus solchen Listen herauslesen zu koennen--zumal wenn die Rede ist von der Sorte Buecher, die am gernsten lese--es sind meistens sehr rennominierte Dichter, zB die meisten Literatur-Nobelpreistraeger habe ich gelesen--nicht die ganzen Ouvres allerdings!--und sehr gut gefunden. Wenn es eine Liste ist, die sozusagen ein Wahlergebniss ist, bei einer Nachfrage vieler Kritiker, finde ich vor allen interessant, wie wenig das Ganze zusammenpasst. Zum Beispiel: neulich stimmten Daniel J. Boorstin, A.S. Byatt, Christopher Cerf, Shelby Foote, Vartan Gregorian, Edmund Morris, John richardson, Arthur Schlesinger, Jr., Willian Styron und Gore Vidal ueber "the best English-Language novels published during the 20th century." Das Ergenbis fand ich sehr erheiternd, weil es so offenbar so vieles zusammensetzt, was, so scheint mir ziemlich sicher, unmoeglich ein Mensch fuer sehr gut, oder ja sogar nur lesbar, halten koennte. Eine Liste von einem diesen Menschen haette uns etwas gesagt--ein Etwas, dass mehr oder minder wertvoll, je nachdem, was der jeweilige Leser von boorstin oder Vidal haelt--die Zusammensetzung aber ist eine klaegliche Misch-Masch, die verschiedenen Botschaefte uebertoenen sich. Wenn man will, kann ich hier die Hunderter-Liste wiedergeben.

Ich glaube, selbst jetzt etwas weniger snobbistisch zu sein, was Literatur betrifft, als frueher. Etwas, was mir dabei hilfreich war, waren einige Begegnungen mit Musik-Snobs. Ich mag Beethoven und Mozart--ich mag Pop und Hip-Hop auch. Also Highbrow und Lowbrow. Die Reaktion seitens gewisser Leute, die in Orchestras spielen, der Musik der Massen gegenueber, diese Herabsetzung, dieser Hass (nicht, wohlbemerkt, dass es keinen Pop-Snobbismus gaebe gegeneueber den "Klassikern" mein Wischnu, beileibe nicht!, fand ich so haesslich, dass es mich zwang, meinen eigenen Lit-Snobbismus zu konfrontieren. Frueher sagte ich: SciFi, Krimis, Horror, usw: das ist alles Scheisse. Heute sage ich bloss, und glaube, damit naeher an die Wahrheit gekommen zu sein: solche Arten von Buechern sind mir weitgehend noch fremd, also bin ich ganz und gar nicht kompetent, darueber zu beurteilen. Mein Geschmack ist--bisher!--ein bisschen anders.

Ich wiederhole: eine Liste von meinen favoriten Buechern sagt in erster Linie etwas ueber mich. Sie sollte eiegntlich nur interessant sein zu Leuten, die mich schon etwa interessant gefunden haben.

Und eine solche Liste von Deinen Favoriten--vorausgesetzt natuerlich, dass auch Dir Literatur sehr wichtig waere--sagte mE in erster Linie etwas ueber Dich. Es laege dann nicht an mir, Deine Liste zu beurteilen--Du magst was Du magst.

Ich warte sehr gespannt, und, will ich hoffen, weitgehend Snobbismus-frei.

(Braucht ja nicht eine Liste zu sein, versteht sich. Man will ja vielleicht was anders ueber Literatur sagen. Oder das, was ich hier gesagt, kommantieren. Oder was weiss ich, nur zu!)

(Ist ja bisher ziemlich einsam hier.)

(HAAALLOOOO???)

  

Annette

Montag, den 03. 04. 2000 - 00:23 Click here to edit this post
Daniel J. Boorstin, A.S. Byatt, Christopher Cerf, Shelby Foote, Vartan Gregorian,
Edmund Morris, John richardson, Arthur Schlesinger, Jr., Willian Styron und Gore
Vidal


Hi Steven,

ich frage mich, wo diese Autoren denn abgestimmt haben und was dabei konkret raus kam.

Antonia S. Byatts "Possession" ("Besessen", aber die deutsche Version verliert) gehört ganz definitiv zu meinen Lieblingsbüchern. Geht da um zwei Forscher, die mit unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Ansätzen auf die 'detektivische' Spur einer Liebesgeschichte zweier längst toter Dichter gehen. Rahmenhandlung ist unter anderem auch Liebe und fremd- und selbstgemachte Schwierigkeiten dabei in früheren Zeiten und im Zeitalter der Internationalisierung.

Treffende Beschreibungen der Lokalitäten (spielt z.T. in Richmond Park - großer, wilder Park) und eingflochtene lyrische Versatzstücke - insgesamt einfach ein abgerundeter Roman.

Ansonsten lese ich meist lieber Bücher mit autobiographischem Charakter.

Poul Vads "Islandreise", weil sie Land und Leute so treffend, humor- und liebevoll schildert (Atheisten und Rationalisten dürften allerdings reichtlich schockiert sein wegen der z.T. verschrobenen Weltsicht:-)). Naja, ich hatte einen Isländer als Freund und finde in dem Buch die eine oder andere Eigenart wieder. Das Buch ist eine Mischung aus literarischer Erzählung mit bezug auf isländische Sagas und Reisebericht.

Spannend finde ich zur Zeit Jon Krakauers "In eisige Höhen", seine eigene Geschichte über den traffic jam auf dem Everest (war mir neu, wie belebt es dort ist) und die daraus folgende Kathastrophe, die er 1996 überlebte.

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 01:46 Click here to edit this post
...ich frage mich, wo diese Autoren denn abgestimmt haben
Sie sind alle Mitglieder des editorial board (zu Deutsch--aeaeahh, so ungesfaehr des Lektoratsberatungausschuss) des Modern Library, eines grossen amerikanischen Verlags, der vor allem Klassiker, und zwar gebunden, veroeffentlicht, und der von Christopher Cerfs Vorahn Bennett Cerf 1917 gegruendet wurde.
...und was dabei konkret raus kam.
Jeder der Achten machte fuer sich eine Liste, 1 bis 100. Die acht Listen waren dann bewertet--von wem, weiss ich nicht, und ich weiss auch nicht, wie: zum Beisiel: wurde ein Roman, der auf zwei Liste der nummer 50 war, hoeher bewertet als einer, der auf einer Liste nummer 15 war?

Wie auch immer: Endergebniss war:

1.Ulysses, James Joyce; 2.The Great Gatsby, F. Scott Fitzgerald; 3.A Portrait of the Artist as a Young Man, James Joyce; 4.Lolita, Vladimir Nabakov; 5.Brave New World, Aldous Huxley;

(Fortsetzung folgt.)

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 02:00 Click here to edit this post
6.The Sound and the Fury, William Faulkner; 7.Catch-22, Joseph Heller; 8.Darkness at Noon, Arthur Koestler; 9.Sons and Lovers, D. H. Lawrence; 10.The Grapes of Wrath, john Steinbeck; 11.Under the Volcano, Malcolm Lowry; 12.The Way of All Flesh, Samuel Butler; 13.1984, George Orwell; 14.I, Claudius, Robert Graves; 15.To the Lighthouse, Virginia Woolf; 16.An American Tragedy, Theodor Dreiser; 17.The Heart is a Lonely Hunter, Carson McCullers; 18.Slaughterhouse Five, Kurt Vonnegut; 19.Invisible Man, Ralph Ellison; 20.Native Son, Richard Wright; 21.Henderson the Rain King, Saul Bellow; 22.Appointment in Samarra, John O'Hara; 23.U.S.A.(trilogy), John Dos Passos; 24.Winesburg, Ohio, Sherwood Anderson; 25.A Passage to India, E. M. Forster;

(Fortsetzung folgt.)

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 02:27 Click here to edit this post
26.The Wings of the Dove, Henry James; 27.The Ambassadors, Henry James; 28.Tender Is the Night, F. Scott Fitzgerald; 29.The Studs Lonnigan Trilogy, James T. Farrell; 30.The Good Soldier, Ford Maddox Ford; 31.Animal Farm, George Orwell; 32.The Golden Bowl, Henry James; 33.Sister Carrie, Theodore Dreiser; 34.A Handful of Dust, Evelyn Waugh; 35.As I Lay Dying, William Faulkner; 36.All the King's Men, Robert Penn Warren; 37.The Bridge of San Luis Rey, Thorton Wilder; 38.Howard's End, E.M. Forster; 39.Go Tell It on the Mountain, James Baldwin; 40.The Heart of the Matter, Graham Greene; 41.Lord of the Flies, William Golding; 42.Deliverance, James Dickey; 43.A Dance to the Music of Time(series), Anthony Powell; 44.Point Counter Point, Aldous Huxley; 45.The Sun Also Rises, Ernest Hemmingway; 46.The Secret Agent, Joseph Conrad; 47.Nostromo, Joseph Conrad; 48.The Rainbow, D. H. Lawrence; 49.Women in Love, D. H. Lawrence; 50.Tropic of Cancer, Henry Miller; 51.The Naked and the Dead, Norman Mailer; 52.Portnoy's Complaint, Philip Roth; 53.Pale Fire, Vladimir Nabakov; 54.Light in August, William Faulkner; 55.On the Road, Jack Kerouac; 56.The Maltese Falcon, Dashiell Hammett; 57.Parade's End, Ford Maddox Ford; 58.The Age of Innocence, Edith Wharton; 59.Zuleika Dobson, Max Beerbohm; 60.The Moviegoer, Walker Percy; 61.Death Comes for the Archbishop, Willa Cather; 62.From Here to Eternity, James Joyce; 63.The Wapshot Chronicle, John Cheever; 64.The Catcher in the Rye, J. D. Salinger; 65.A Clockwork Orange, Anthony Burgess; 66.Of Human Bondage, W. Somerset Maughm; 67.Heart of Darkness, Joseph Conrad; 68.Main Street, Sinclair Lewis;

(Fortstzung folgt.)

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 02:33 Click here to edit this post
69.The House of Mirth, Edith Wharton; 70.The Alexandria Quartet, Lawrence Durrell; 71.A High Wind in Jamaica, Richard Hughes; 72.A House for Mr. Biswas, V. S. Naipaul; 73.The Day of the Locust, Nathaniel West; 74.A Farewell to Arms, Ernest Hemmingway; 75.Scoop, Evelyn Waugh; 76.The Prime of Miss Jean Brodie, Murial Spark;

(Fortsetzung folgt.)

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 02:47 Click here to edit this post
77.Finnegan's Wake, James Joyce; 78.Kim, Rudyard Kipling; 79.A Room With a View, E. M. Forster; 80.Brideshead Revisited, Evelyn Waugh; 81.The Adventures of Augie March, Saul Bellow; 82.Angle of Repose, Wallace Stegner; 83.A Bend in the River, V. S. Naipaul; 84.The Death of the Heart, Elizabeth Bowen; 85.Lord Jim, Joseph Conrad; 86.Ragtime, E. L. Doctorow; 87.The Old Wives' Tale, Arnold Bennett; 88.The Call of the Wild, Jack London; 89.Loving, Henry Green; 90.Midnight's Children, Salman Rushdie; 91.Tobacco Road, Erskine Caldwell; 92.Ironweed, William Kennedy; 93.The Magus, John Fowles; 94.Wide Sargasso Sea, Jean Rhys; 95.Under the Net, Iris Muedoch; 96.Sophie's Choice, William Styron; 97.The Sheltering Sky, Paul Bowles; 98.The Postman Always Rings Twice, James M. Cain; 99.The Ginger Man, J. P. Donleavy; 100.The Magnificent Ambersons, Booth Tarkington.

  

Margret Popp

Montag, den 03. 04. 2000 - 22:37 Click here to edit this post
Es sind nicht viele richtig neue, kontroverse dabei, oder irre ich da?

Trotzdem. Interessante Anregungen, soweit man die noch nicht kennt.

  

Steven Bollinger

Montag, den 03. 04. 2000 - 23:24 Click here to edit this post
Du irrst Dich da keineswegs, es ist eine sehr konservative Liste. Eine (milde) Ueberraschung waere vielleicht #98 zu nennen, Cain's Pulp-Fiction-Klassiker. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welcher denn von den achten Juristen fuer Cain stimmte. Ich bin fast ganz sicher, dass es nicht Vidal war. Und es war das erste Mal ueberhaupt, dass ich von #84 hoerte--wer ist denn diese Elisabeth Owen? Ansonsten--no surprises. Es sei denn, dass "The Great Gatsby" #2 war. Fitzgerald mag ich gar nicht--dagegen sind die uebrigen von #1 bis #7 unter meinen Lieblingsbuecher. Und--dreimal Evelyn Waugh?? (schauder)

Andererseits standen wahrscheinlich alle Vidals silberen Haaren zu Berg, wenn er eine solche Liste von mir saehe. Ich mag seine anekdotale Essays sehr, da kann keiner ihm das Wasser reichen--seine literarischen Essays weniger, worin er sich neutral-zurueckhaltend-bis-ganz-spoettisch-abwertend aeussert ueber meine Favoriten Gaddis, Gass und Pynchon, Barry Hannah und Padgett Powell und andere mehr.

Naja, alles in allem finde ich die Liste sehr gut. Nur, mit dieser Liste wie mit allen solchen Listen, fuerchte ich, sie wuerde uebermaessig ernst genommen--dass zuviele Leser zuviel Vertrauen in kulturellen Vordenken haben, und dabei denken sie zu wenig fuer sich selber.

Uebrigens--warum denn nur Romane? Wo sind denn die Liste der Kurzgeschichten, der Lyrik, der Theatersuecke? --Falls sie denn ueberhaupt existieren, sind sie in irgeneiner staeubigen Ecke, weit von der Oeffentlichkeit. Eine kulturelle Schwaeche der USA: Ueberbewertung des Romans zu Ungunsten der uebrigen Literaturerscheinungen.

  

Margret Popp

Dienstag, den 04. 04. 2000 - 10:35 Click here to edit this post
Und es war das erste Mal ueberhaupt, dass ich von #84 hoerte--wer ist denn diese Elisabeth Owen?

Elizabeth Bowen, Steven. Meines Erachtens eine klassische amerikanische Schriftstellerin; sie wird mit Henry James verglichen. Ich las zum ersten Mal über sie in Sylvia Plaths Letters Home; Sylvia, angehende Dichterin, war enorm stolz, sie um 1960 als junges Mädchen für eine Zeitschrift interviewen zu dürfen. Ich hab mal eben bei Amazon.com nachgesehen; das ist ganz nützlich, was man dort zu Elizabeth Bowen finden kann. Death of the Heart ist von 1938.

  

Annette Schneider

Dienstag, den 04. 04. 2000 - 11:05 Click here to edit this post
"the best English-Language novels published during the 20th century."


Ein paar Namen fehlen mir auf der Liste, die ich dort erwartet hätte. Doris Lessing z.B., Pearl S.Buck oder auch Alice Walker und Toni Morrisson. Wie kommt's?

  

Steven Bollinger

Dienstag, den 04. 04. 2000 - 20:26 Click here to edit this post
Ein paar Namen wuerden jemandem immer fehlen, so sind solche Liste eben. Wo ist Flannery O'Conner? Ich wiederhole: aus meiner Sicht ist mit solchen Listen das Hauptproblem, dass sie zu ernst genommen werden. Unmoeglich, eine solche Liste zu fertigen, die auch eine Dutzend belibig ausgewaehlten Leser zufriedenstellte, ganz und gar unmoeglich. Wo sind Thomas Pynchon, William Gaddis, William Gass, Joan Didion, Margret Atwood, Stanley Elkin, John Hawkes, etc, etc?

Uebrigens--warum denn nur Englischspraechiges? Als ob die Schriftsteller auf dieser Liste ganz unberuehrt waeren von Gabriel Garcia Marquez und Mario Vargas Llosa und Marcel Proust und Andre Gide und Jean-Paul Sartre und Albert Camus und Simone de Beauvoir und Italo Svevo und Thomas und Heinrich Mann und Robert Musil und Rilke und Brecht und viele viele mehr?

  

Margret Popp

Mittwoch, den 05. 04. 2000 - 18:16 Click here to edit this post
Ach, ich dachte, die sollten nur Englischsprachiges berücksichtigen? (Du schriebest "the best English-Language novels published during the 20th century.") Zum Beispiel Antonia S. Byatt kann ganz gut Deutsch, die hätte sonst sicher ein paar deutsche Titel erwähnt.

  

Steven Bollinger

Mittwoch, den 05. 04. 2000 - 20:32 Click here to edit this post
Ja, die sollten nur Englischspraechiges beruecksichtigen, ja, diese Einschraenkung wurde ihnen auferlegt--diese Einschraenkung war es, was ich anprangern wollte.

Naja, vielleicht hatte jemand diese Liste gesehen--sie wurde ja wahrscheinlich in jeder groessere Tageszeitung der USA zbgedrueckt, sie wurde eine Zeitlang viel diskutiert im Radio und Fernsehen--und daraufhin eigentlich ein Buch von Joyce oder Bellow oder Nabokov aufgetan und bemerkte, wieviele Nichtenglisches darin war und wurde neugierig und hatte deshalb begonnen, andere Sprachen zu studieren. Genauso ist es mir passiert, naemlich es waren Joyce und Bellow und Nabokov (und Pynchon und Gaddis und Gass und Eliot und Pound und Andere mehr), von denen ich erst den Impuls erhielt, Nichtenglisches zu lernen.

  

Alexander Virchow

Sonntag, den 09. 04. 2000 - 11:50 Click here to edit this post
Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Anleitung zum subversiven Denken.

Ich kann leider (noch) nicht auf eigene Lektüre zurückblicken. Aber nicht wenige von uns dürften allen Grund haben, einen Blick oder zwei, oder drei, in dieses Buch zu werfen.

Auf dem Link liegen mehrere Rezensionen vor.

  

Lucretia Borgia

Montag, den 10. 04. 2000 - 13:10 Click here to edit this post
Gerade gelesen:

James McBride "The Color of Water - A Black Man´s Tribute To His White Mother"

Jüdische Immigranten, Rassentrennung im Süden der USA, Mischehe und Mischlingskinder in New York, Armut, Jazz und Zuversicht...

Nicht unbedeutend ist der Aspekt des jüdischen und christlichen Glaubens - daher sicher kaum interessant für Atheisten und Agnostiker.


Auch nett

Oscar Hijuelos "The Mambo Kings Play Songs of Love"

Kubanische Musiker in den 50er und 60er Jahren in New York. Phantastisch, besonders wenn man die Gegend um die U-Bahn Station 125 Straße des A-Train kennt.

Beides sind autobiographische Erzählungen.

  

Annette Schneider

Montag, den 10. 04. 2000 - 22:45 Click here to edit this post
Ein paar Namen wuerden jemandem immer fehlen, so sind solche Listen eben. ... Ich wiederhole: aus meiner Sicht ist mit solchen Listen das Hauptproblem, dass sie zu ernst genommen werden. Unmoeglich, eine solche Liste zu fertigen, die auch eine Dutzend beliebig ausgewaehlten Leser zufriedenstellte, ganz und gar unmoeglich.
Listen, Wettbewerbe etc. Jahrhundertwechsel unterliegen natürlich Zufällen und persönlichen Vorlieben. Trotzdem denke ich, daß mit ihnen auch Aussagen verbunden sind. Da mir vor allem im hinteren Teil der Liste ein erheblicher Teil der Autoren unbekannt ist, kann ich in diesem Fall nicht einschätzen, welche genau.

Ich denke in jedem Fall, daß das, was dort rauskommt, etwas über die Wahrnehmung der Jury davon aussagt, was für die aktuelle Zeit und die Zukunft wichtig ist. Mehr noch denke ich allerdings, daß solche Auswahlen das prägen, was zukünftig noch gelesen wird. Insofern halte ich das schon für bedeutsam.

Meine Namensauswahl

Doris Lessing z.B., Pearl S.Buck oder auch Alice Walker und Toni Morrisson.
ist insofern natürlich nicht ganz zufällig. Zwei davon sind Nobelpreisträgerinnen - da stellt sich mir die Frage, wie dieser Preis wohl in den USA gewichtet wird - würde mich interessieren.

Dann die Frage, wie wird Literatur von Schwarzen wahrgenommen - also wird Schreiben von Schwarzen über Schwarze als bedeutungsvoll wahrgenommen - und die Frage, ob es Literatur von Frauen im vergangenen Jahrhundert gab (:~)) (Ich habe gesehen, Virginia Woolf ist auch auf dieser Liste). Auch jenseits von political correctness.

Die Sicht scheint mir insgesamt, soweit ich das beurteilen kann, (auch inhaltlich) eine eher amerikanische.

Die Frage des Konservatismus hat Margret ja angesprochen.

In diesem Zusammenhang:

Von den vielen Bildbänden zum 20. Jh. - sind Bildbände Literatur? - ich definiere das jetzt mal so - sind mir zwei sehr positiv aufgefallen.

Der erste ist von Barbara Cady herausgegeben und heißt "Ikonen des 20. Jahrhunderts. Lebensläufe berühmter Männer und Frauen", erschienen bei Könemann.

Dieser Band ist vor allem dadurch gekennzeichnet, daß der Versuch gemacht wird, eine möglichst repräsentative Auswahl von Menschen essayistisch zu beschreiben, die in kultureller, politischer, wissenschaftlicher, technischer sportlicher etc. Hinsicht das 20. Jahrhundert geprägt haben, und zwar international.

Dabei wird der Schwerpunkt auf die USA gelegt, mit der einleuchtenden Begründung, das Jh. sei ein amerikanisches gewesen. Trotzdem reicht die Auswahl von Ho Chi Minh über Simone de Beauvoir und bis Michael Jackson (um die Bandbreite etwas abzustecken). Ich finde das insgesamt eine sehr gelungene Auswahl.

Der zweite ist

Das XX Jahrhundert von Andrea Bärnreuther und Peter-Klaus Schuster herausgegeben, erschienen bei Dumont,

weil er nicht nur einen historischen Jahresüberblick gibt, sondern dies jeweils mit einem künstlerischen/kulturellen und gesellschaftlichen Überblick so verbindet, daß ein Gesamteindruck der Zeit entsteht.

  

Steven Bollinger

Dienstag, den 11. 04. 2000 - 00:47 Click here to edit this post
Hallo Annette!

Ja, in den USA werden schwarze Autoren von Schwarzen als bedeutungvoll angenommen--sehr bedeutungsvoll. Anfang der achtziger Jahre schafften Morrison und Alice Walker markttechnisch gesehen einen gewaltigen Durchbruch, seitdem gibt es sehr viel mehr erfolgreiche schwarze Dichter hier. James Baldwin, meiner Meinung nach der beste afroamerikanische Schriftsteller, den es bisher gegeben hat, ein Dichter, den man ganz ruehig neben Melville und Faulkner stellen duerfte, hat leider nur den Anfang dieses Durchbruchs erlebt, er starb 1986. Morrison finde ich fast ganz so gut wie Baldwin, sie scheint mir ganz und gar eines Nobels wert zu sein.

Gordimer, dagegen--vielleicht war das noch ein Fall, wie bei Boell, wo ein Mensch einen Lit-Nobel gewann, mehr fuer seine begruessenswerte politische Engagement, als fuer literarische Virtuoesitaet??? Wenn Genie in Gordimers Ouvre steckt, habe ich es jedenfalls leider nicht finden koennen. Gut moeglich, dass da mir was entgeht--Marcel Reich-Ranicki hat genau dasselbe ueber Morrison gesagt, und damit sich glatt geirrt.

  

Annette Schneider

Dienstag, den 11. 04. 2000 - 09:45 Click here to edit this post
Gut moeglich, dass da mir was entgeht--Marcel Reich-Ranicki hat genau dasselbe ueber Morrison gesagt, und damit sich glatt geirrt.
Nein, Reich-Ranicki muß nicht notwendigerweise richtig liegen. Der fand auch den Roman "Possession" von A.S. Byatt hervorragend (den genauen Wortlaut seines Lobes habe ich nicht parat), und ich kann mir nicht vorstellen, daß er ihn wirklich verstanden hat.

In meinen Augen ist das nämlich ein Frauenroman (im besten Sinne des Wortes, von einer Frau über Frauen mit einer Detailkenntnis, wie ich sie bei einem männlichen Autor, aber eigentlich auch sonst, noch nie gelesen habe). Ich glaube allerdings auch nicht, daß den alle Frauen verstehen (können).

Natürlich immer vorausgesetzt, ich hätte ihn verstanden ;-).

  

Annette Schneider

Dienstag, den 11. 04. 2000 - 09:46 Click here to edit this post
P.S.: Du hast mich überzeugt. Ich werde mir Toni Morrisson doch mal genauer anschauen.

  

Margret

Dienstag, den 11. 04. 2000 - 22:05 Click here to edit this post
Gordimer, dagegen--vielleicht war das noch ein Fall, wie bei Boell, wo ein Mensch einen Lit-Nobel gewann, mehr fuer seine begruessenswerte politische Engagement, als fuer literarische Virtuoesitaet??? Wenn Genie in Gordimers Ouvre steckt, habe ich es jedenfalls leider nicht finden koennen

Dass mit Nadine Gordimer aber auch auf inhaltlich-politischer Seite nicht viel los ist, erläuterte mir eine Bekannte, die in den Sechzigern von München nach Johannesburg auswanderte -- also zur Zeit der schärfsten Apartheid -- und es schaffte, während dieser Zeit einen schwarzen Südafrikaner näher kennen zu lernen und zu heiraten. Als Verheiratete lebten sie dann aber in Swasiland (das wäre in Südafrika nicht möglich gewesen) und nachher in München.

Sie sagt, was der Schilderung im schwarzen Südafrika bedürftig wäre, sei die schwarze Kultur, und zwar von innen, aus der Perspektive der Schwarzen. Aber Nadine Gordimer schaue von außen, habe die Möglichkeit einer eigenständigen schwarzen Kultur überhaupt nie begriffen; allenfalls sei die mal besuchsweise in so einem schwarzen Dorf vorbeigekommen und habe da in einer Hütte eine Tasse Tee getrunken; das Alltagsleben dieser Menschen kennen sie offensichtlich überhaupt nicht. Dass sie die Schwarzen in Wirklichkeit verachte, zeige sich an ihren Formulierungen auf Schritt und Tritt. (Meine Bekannte schreibt selber an ihrer eigenen Lebensgeschichte, die sie offensichtlich viel mehr ins Zentrum des schwarzen Lebens dort geführt hat als Nadine Gordimer auf Grund ihrer elitären Herkunft je gelangt ist.)

Da sich meine Bekannte über Nadines Roman July's People so geärgert hatte, wollte sie ihn gar nicht mehr behalten, sondern schenkte ihn mir. Es ist so ein halb-utopischer Roman, der ausmalt, was passieren könnte, wenn die südafrikanischen Weißen wirklich durch eine Revolution der Schwarzen unvermittelt ihre Macht verlören und die weiße Elite und alle, die das Land bis dahin "betrieben hätten, flöhe, die barabrischen Schwarzen ans Ruder kämen und Rache für ihre jahrzehntelange Unterdrückung nähmen.

Eine liberale weiße Familie wird bei dieser Gelegenheit von ihrem ehemaligen Boy, July, dadurch vor solchen Vergeltungsmaßnahmen gerettet, dass er sie in sein Dorf mitnimmt und dort in einer Hütte versteckt.

Was dargestellt wird, ist das völlige Zerschellen nicht nur der weißen Kultur, sondern der Kultur überhaupt. Die weiße Familie geht allein an dem alles durchdringenden Dreck, dem Zusammenbruch der ganzen "Zwischenwelt" (zB des Autos, das dann nciht repariert werden kann, weil sich dort keiner darauf versteht) und dem verheerenden Mampf der Schwarzen (statt richtigem Essen) geradewegs zugrunde. (Ums mal ganz grob zusammenzufassen.)

Es scheint mir richtig beobachtet, als von Nadine Gordimer die Möglichkeit einer eigenständigen schwarzen Kultur überhaupt nicht ins Auge gefasst wird.

  

Bernd Schroeder

Mittwoch, den 12. 04. 2000 - 10:23 Click here to edit this post
Gordimers Standpunkt war in SA unter der britischstämmigen relativ normal: einerseits Abgrenzung zu den Afrikaandern ("man" ist ja nicht so brutal und rassistisch), andererseits ist "man" doch etwas besseres als die Eingeborenen.

Letzteres ist nach meiner Beobachtung/Erfahrung dann eher typisches Kolonialherrenverhalten...

  

Margret

Mittwoch, den 12. 04. 2000 - 19:45 Click here to edit this post
> andererseits ist "man" doch etwas besseres als die Eingeborenen.

Eben. Meine Bekannte berichtete von einem Treffen wohlmeinender angelsächsischer Afrikaner in einer Johannesburger Schule, eine Art Konferenz, bei der es dann auch eine Teepause gab, wobei meiner Bekannten das hochnäsige Gerede ziemlich schnell auf die Nerven ging. Das Geschirr wurde von einer schwarzen Köchin gewaschen.

Meine Bekannte ging hin, krempelte sich die Ärmel auf und half der Frau beim Abwasch. Daraufhin wurde sie leutselig von einer der Konferenzteilnehmerinnen angeredet: "We very much appreciate how you do good all the time!" Da entgegnete meine Bekannte: "I'm not doing good, I'm having fun!" Dies hochherrschaftliche Getue findet sie auch bei Nadine Gordimer wieder, "who is always busy doing good!"

  

Huck Finn

Montag, den 17. 04. 2000 - 20:51 Click here to edit this post
Ich empfehle erst einmal die 'Illuminatus'-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson.

Für jeden, der sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, ein Klassiker.

Der Text ist ausgeprägt mehrbödig.

  

Margret

Mittwoch, den 26. 04. 2000 - 21:22 Click here to edit this post
Steven, wenn du Hermann Hesse nicht magst: Auch mir ist der zu verschwommen und unklar. Egal, ob ihn Thomas Mann gut fand oder Burgess schlecht. Auch Päpste und Konzilien können irren, und jedermann hat das Recht, meiner Meinung zu sein.

  

Steven Bollinger

Mittwoch, den 26. 04. 2000 - 22:34 Click here to edit this post
Ja, eigentlich bin ich nicht qualifiziert, ueberhaupt etwas ueber Hesse zu sagen, ich habe so wenig von ihm gelesen: "Bei den Massageten" gezwungenermassen (Uni), ganz fuenf Seiten aus einer Reclam-Anthologie; dann jeweils ein paar Seiten nur aus dem "Glasperlensiel" und dem "Steppenwolf", bevor ich das Buch geaergert von mir wurf, mich am Kopfe fassend, wuetig bruellend ob dieser Verschwendung meines einen teuren Lebens, und mich vergebens fragend, wie denn man sowas lesen koennte...

Vor einigen Tagen war ich zum zweitenmal zu Ende von Golo Manns "Wallenstein" gekommen (ja, das Ding schaffte es endlich dem Atlantik ueberquer), und dann -- kennt manfrau das Gefuehl? -- kam diese Verlegenheit, diese Depression, wenn man ein besonders gutes Buch gelesen hat, und sich fragt: was nun? Was wird so gut sein wie das war? Ich las Peter Weiss' "Turm" --nicht schlecht, aber kein Anlass, die weiteren Stuecke in "Peter Weiss -- Stuecke 1" lesen zu wollen -- "Marat/Sade" und "Die Vermittlung" hab ich ja schon -- aber dann begann ich Brechts "Im Dichicht der Staedte" und alles ist wieder besser -- besonders zumal ich vieles von Brecht nocht nicht gelesen und eine 20-baendige Suhrkamp-Werkausgabe von ihm habe.

Ich sollte ja sagen: von ihm und Helene Weigel und vermuetlich dieser und jener Unbekannten. (Interessant aber: ein paar Stuecke schrieb er gemeinsam mit Feuchtwanger, und liess druecken auf der Titelseite: "Dieses Stueck schrieb ich mit Lion Feuchtwanger -- Bertolt Brecht". Ob Feuchtwanger bloss nicht so leicht einzuschuechtern war wie Weigel et al? Ob Brecht denn einfach ein Monster der Misogonie war? Naja: er schrieb gut, auch wenn er moeglicherweise nicht in allem gut war.)

  

Annette Schneider

Freitag, den 28. 04. 2000 - 00:25 Click here to edit this post
Hallo Anja, hallo Steven,

ich kann ja nachvollziehen, wenn die "Todesstunde" nicht gerade als Jungbrunnen angesehen wird, und nicht jedem Anfang wohnt wirklich ein Zauber inne.

Dennoch: Die Idee der Stufen finde ich verdammt treffend; kennt jemand ein anderes Gedicht, in dem dies so gut beschrieben wird?

Nun, ich gesteh's: Gerade diese Zeile - "und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", ist mir die Tage häufiger durch den Kopf gegangen. Und das - so ganz ohne irgendwelche Heiratsabsichten.

Und auch das mit den Stufen - ich habe sehr die Hoffnung, daß Krisen Menschen zu "besseren" Lebenssichten bringen. Zumindest eine ganz bestimmte, die mich zur Zeit intensiv beschäftigt.

Kann Hesse etwas dafür, wenn andere diesen Spruch bei jeder unpassenden Gelegenheit aus dem Sprücheband abkupfern?

(Um das mal auf den Punkt zu bringen, was sind Eure Kriterien für gute Literatur? Ich habe den Sidharta bald zur Seite gelegt, weil mich der Rhythmus, in dem seine Mediationen geschrieben waren, nervös gemacht hat. Immerhin hat mich das Buch durch seinen Schreibstil bewegt: Das schafft nicht jeder Roman.)

  

Steven Bollinger

Freitag, den 28. 04. 2000 - 04:52 Click here to edit this post

Zitat:

Kriterien fuer gute Literatur?


Ich habe kein bereitstehendes Program. Ist ja wirklich letzten Endes alles subjektiv, und [VORSICHT: SELBSTKRITIK!] ein bisschen doof, ueber erfundenen Geschichten und eitlen Wortspielen in Wut zu geraten.

In den dreissigern Jahren, also zu dem Zeitpunkt, da einige wenige -- vorlaeufig nur sehr wenige -- etablierten Musikkritiker begannen, Jazz ernst zu nehmen und es "gleichberechtigt" mit traditioneller orchestralen Musik zu behandeln, wurde Duke Ellington, der erste schwarze Jazz-Bandleader, der zB in Carnegie Hall spielen duerfte -- Duke wurde von einem Kritiker gefragt, was er denn fuer gute Musik halte. Er antwortete: "If it sounds good, it is good."

Man mag das fuer eine unserioese Antwort halten. Ich halte es fuer die einzig moegliche Antwort, und die Frage fuer unserioes. Und wie in bezug auf Musik, so in bezug auf Literatur und auf jede Art und Gattung von Kunst.

Jaja, Kunst, diese ganz seltsame Beschaeftigung der Menschen, und die seltsamen Meinungsschlachten, die drueber gefuehrt werden!

Was ich sagen will, Annette: ich goenne Dir herzlich das Genuss, das Du bei Hesse findest, und bedaure es sehr, wenn ich Dir da dieses Genuss auf irgendeiner Weise verdorben habe.

Ich habe gar kein Genuss bei Hesse gefunden. Ich wollte zwar, ich wollte sehr: sein Ruf liess mir vieles erwarten, was ich nicht fand.

Mehr: ich bin sehr pessimistisch, was die Veraenderung dieser Lage angeht.

Bedeutet das nun, dass Hesse ueberbewertet wird? oder aber dass ich kein guter Leser bin? Weder noch. M.E. ist es eher sowas wie eine Allergie. Ich habe es ja schon unzaehlige Mal wiederholt, scheint mir aber muessig, hier nocheinmal zu unterstreichen: Kunst ist subjektiv, jedes Urteil darueber ist auch notwendigerweise subjektiv.

  

Katrin Ufen

Freitag, den 28. 04. 2000 - 08:41 Click here to edit this post
Annette,

ich habe Hesse gern gelesen. Liegt allerdings schon eine ganze Weile zurück - seine Bücher sind doch irgendwie die typische Spätpubertätslektüre. 'Der Steppenwolf', 'Demian', 'Das Glasperlenspiel' waren unsere Bibeln so mit sechzehn, siebzehn.

Ich möchte gar nicht wissen, wie sie heute auf mich wirken würden. Aber dieses Gedicht einschließlich dem 'Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne' finde ich sehr schön. Und natürlich kann Hesse nichts dafür, wenn diese Zeile derart ausgeschlachtet wird. Umso besser, dass ich keine Heiratsanzeigen lese.

  

Lucretia Borgia

Freitag, den 28. 04. 2000 - 10:11 Click here to edit this post
Annette, da ich keine Literaturkritikerin bin, nehme ich mir heraus, ganz persönlich zu urteilen , ohne mir darüber Gedanken zu machen, ob meine Meinung intersubjektiv nachvollziehbar ist.

kennt manfrau das Gefuehl? -- kam diese Verlegenheit, diese Depression, wenn
man ein besonders gutes Buch gelesen hat, und sich fragt: was nun? Was wird so
gut sein wie das war?


Genau das ist ein ganz individuelles Kriterium in der Beurteilung der gerade genossenen Lektüre. Und dieses Gefühl stellt sich AUCH manchmal ein bei Werken, die mal gerade noch haarscharf Belletristik sind (hähä, von Literatur ganz zu schweigen). Ich erinnere mich an die späten Teenager-Jahre, dass mich der Genuß des Herrn der Ringe in eben jener Depression zurück ließ. Goethes Wahlverwandtschaften ebenso. Und ein paar Sachen von Franz Werfel.
Aber auch die Stadtgeschichten von Maupin und Gottes Werk und Teufels Beitrag (als BUCH!!) erzielten diesen Effekt.

Basiert vielleicht darauf, dass bestimmte Themen einen selbst auf eine ganz besondere ARt und Weise tief berühren. Und das manchmal nur in einer bestimmten Lebenszeit. Früher habe ich Hesse wirklich mal gern gelesen. Und Jahre später nahm ich Demian nochmal zur Hand und dachte immer nur banal, banal...

Zu Brecht
Ich sollte ja sagen: von ihm und Helene Weigel und vermuetlich dieser und jener
Unbekannten. (Interessant aber: ein paar Stuecke schrieb er gemeinsam mit
Feuchtwanger, und liess druecken auf der Titelseite: "Dieses Stueck schrieb ich
mit Lion Feuchtwanger -- Bertolt Brecht". Ob Feuchtwanger bloss nicht so leicht
einzuschuechtern war wie Weigel et al? Ob Brecht denn einfach ein Monster der
Misogonie war? Naja: er schrieb gut, auch wenn er moeglicherweise nicht in allem
gut war.)


Feuchtwanger war ein Mann. Deshalb stand er mit auf dem Titel. Es zieht sich durch die Geschichte der großen Kreativen und Künstler, dass sie sich der Kreativität ihres weiblichen Umfeldes bedienten, ohne sich nur ansatzweise über urheberrechtliche Dinge Gedanken zu machen.
Überides promisk der Mann. Wahrscheinlich wäre sein Werk um einiges unbedeutender, wenn er sich nicht ständig des neuen kreativen Inputs versichert hätte .

[ich kann hier mal wieder nicht mit meinem Hauptnamen posten..., deshalb der Umweg über Italien]

  

Margret

Freitag, den 28. 04. 2000 - 13:01 Click here to edit this post
Ich habe gar kein Genuss bei Hesse gefunden.


Endlich einer, der das zu sagen wagt. Mein Stiefvater schwärmte sehr für Hesse, lange bevor der von der '68er-Generation auf den Schild gehoben wurde. Infolgedessen hatten wir Vieles von Hesse im Bücherregal.

Mir missfielen daran: Gedanken, die früher schon viel besser ausgesprochen worden waren, hier nochmal im Zweit- oder Dritt-Aufguss, nur schwächer formuliert.

Verschwommene Konzepte.

Wenig treffende Metaphorik.

Aufdringliches halb-metaphorisches Geraune.

Bei Hesses Romanen sehr konventionelle Darstellungsweise (mein Gott, Joyce, Faulkner etc waren vor Hesse!).

Bei Hesses Gedichten immerhin Rhythmus, aber áuch kein besonders aufregendes Verhältnis zwischen Form und Inhalt, áuch alles sehr konventionell. Typischerweise stellt er Gedanken dar, die sich in Prosa mindestens genauso gut, wenn nicht besser sagen ließen (gilt auch für dies Gedicht mit dem Zauber, der dem Anfang angeblich immer innewohnt).

Steven, vielleicht nicht alles kann in der Kunstkritik objektiv sein; aber ich meine, etwas Objektivierbarkeit kann man in die Literaturkritik schon hineinkriegen. Zumindest, was die FORM des Ausdrucks betrifft, the craft of fiction, the craft of poetry (der Inhalt ist Sache der freien Meinungsäußerung und geht mich als Literaturkritiker nix an). Wird etwas gesagt, die in der betreffenden Sprache noch nicht ausgedrückt worden ist? Wie klar erstellt sich das von dem Text evozierte Bild? Wie treffend ist die Bildersprache? Wie zweckdienlich ist die ganze Handhabung der Rhetorik? Meines Erachtens sind das zulässige und weitgehend allgemein gültige Qualitätskriterien. (Wovon einige, ganz leise sei's gesagt, zB auf die Schreibe von Alex Virchow positiv anschlagen... ;-) Und auf Hermann Hesse trifft davon kaum etwas zu.

  

Annette Schneider

Freitag, den 28. 04. 2000 - 19:19 Click here to edit this post
Was ich sagen will, Annette: ich goenne Dir herzlich das Genuss, das Du bei Hesse findest, und bedaure es sehr, wenn ich Dir da dieses Genuss auf irgendeiner Weise verdorben habe.
Ach Steven, bei allem Respekt, das bekämst Du gar nicht hin ( :-) ).

Auch will ich Dich sicher nicht mit meiner Frage nerven: Dennoch finde ich interessant, was andere an Literatur interessant finden. Ansonsten bleiben Empfehlungen doch ziemlich "hohl", nicht?

Du magst Gaddis' JR wegen seines Humors: Das macht das Buch interessant, denn guten Humor sehe ich in der Literatur eher selten.

Anja, in diesem Zusammenhang: Die beiden von Dir in Deinem Beitrag vom 10.4.2000 genannten Titel findest Du "nur" wegen der Thematik empfehlenswert? Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen.

Margret, objektive Kriterien: craft of fiction und poetry: Ohne Dir zu unterstellen, daß Du daran denkst: Da fallen mir diese bilderreichen surrealistischen Gedichte ein (Aragon etc.), die ich schon immer ganz schauerlich fand (wie Dali übrigens auch). ((Im Gegenzug gefallen mir Hesses Aquarelle ausgesprochen gut, obwohl sie eher einfach gehalten sind - wegen ihrer ausgewogenen Farbwahl.))

Dagegen lese ich immer wieder (schon als Kind!) gerne Pearl S. Buck, gerade weil ihre Sprache und Metaphorik meist ganz eingängig, ihre Geschichten flüssig geschrieben sind und ihre Bilder sich meist direkt aus der Thematik ergeben. Ich bin nicht der Ansicht, daß gute Literatur für Erwachsene in erster Linie kompliziert, langatmig und umständlich sein muß.

  

Steven Bollinger

Freitag, den 28. 04. 2000 - 21:03 Click here to edit this post
Hallo Lucretia!

Zitat:

Es zieht sich durch die Geschichte der grossen Kreativen und Kuenstler, dass sie sich der Kreativitaet ihres weiblichen Umfelds bedienten, ohne sich nur ansatzweise ueber urheberrechtliche Dinge Gedanke zu machen.


Zweifellos hast Du da recht. Deshalb ist es vielleicht nur billig, wenn Du da einen meiner Beitraege Anette zuschreiben willst.

  

Steven Bollinger

Freitag, den 28. 04. 2000 - 21:34 Click here to edit this post
Lucretia:

Zitat:

...nehme ich mir heraus, ganz persoenlich zu urteilen...


Das tut jedermannfrau im besten Falle; dass Du Dir es bewusst bist und es auch unbefangen zugibst, steht Dir machem Denkmal der Literaturwissenschaft gegeueber zugute.

Annette:

Zitat:

...Dennoch finde ich interessant, was ander an Literatur interessant finden...


Natuerlich. Und ich war mir schon bewusst, dass meine Antwort von heute frueh ziemlich duerftig war. Lass mich also versuchen, mich in etwas mehr Detail zu erklaeren.

Wenn ich einen Kritiker gut finde (SEHR WICHTIGE BEMERKUNG!!! Mir ist Jede/r, die/der eine Meinung ueber ein Kunstwerk ausdrueckt, ein/e Kritiker/in: wir alle hier in diesem Literaturforum sind Kritiker[-innen]. Ich habe herzlich wenig Respekt vor jedem Kritiker-Etablissment und "massgebendem" Kritiker und Literaturprofessor. Mir geben sie kein Mass.) -- Wenn ich also einen Kritiker gut finde, bedute dass mir nichts mehr als: wir haben aehnliche Geschmaecke: das heisst, ich habe von Erfahrung gelernt, dass wir oefter diesselbe Sachen moegen. Sein ganz subjektive Empfindung entspricht des oefters der meinen. So wie Thomas Mann: fast jeden Schriftsteller, den er lobt -- sein Bruder Heinrich, Nietzsche, Fontane, Freud, Tolstoi u.a. -- finde auch ich sehr gut. Deshalb meine grosse Ueberraschung und Enttaeuschung, wenn ich gar keinen Zugang zu Hesse fand. Hesse, den Mann so ueberschwenglich gelobte.

So ist es eben -- so, finde ich, muss es dann und wann immer sein. Weil es alles letzen Endes rein subjektiv ist.

Vor vielen Jahren, als ich regelmaessig "Rolling Stone" (amerikanische Pop-Zeitschrift) las, erschienen da Filmreszensionen von einem Michael Sagrow. Damals fand ich ihn als Filmkritiker unuebertrefflich. Ich weiss gar nicht, ob ich ihn heute ueberhaupt passabel finden wuerde. Aber die eine Reszension von ihm, an die ich mich am klaersten erinnere, war auch die einzige, worin er einen Film sehr hoch lobte, den ich dann gar nicht gut fand. Damals verwirrte mich das sehr: Wie koennte es passieren? Ein so guter Kritik, und er lobt einen so schlechten Film?

Heutzutage macht mir sowas gar nicht mehr zu schaffen. Weil es ja alles subjektiv ist.

  

Margret

Samstag, den 29. 04. 2000 - 10:52 Click here to edit this post
Annette

Margret, objektive Kriterien: craft of fiction und poetry: Ohne Dir zu unterstellen, daß
Du daran denkst: Da fallen mir diese bilderreichen surrealistischen Gedichte ein
(Aragon etc.), die ich schon immer ganz schauerlich fand (wie Dali übrigens auch)


Dali finde ich gut, die andern kenne ich nicht. An alle diese aber hatte ich nicht gedacht.

Mit "craft" ist die Form gemeint, die Art, wie der dichterische Gegenstand bewältigt wird. Handwerk wird das deshalb genannt, weil es da Traditionen gibt, wo eben der neue Autor sozusagen von allen älteren zu lernen hat.

Ausgelatschte konventionelle Wege zu gehen ist ein Zeichen davon, dass der Autor nicht lernen wollte, ist bei diesem Handwerk schlecht. Deshalb sind die neuen Stimmen, die Joyce, Yeats, Pound entwickelten, so eindrucksvoll, dass sie praktisch die ganze englischsprachige Literatur des 19. Jh in den Schatten stellten.

Was nicht heißt, dass die Art des Erzählens besonders undurchdringlich sein müsste; im Gegenteil. Die Schlichtheit und Direktheit der russischen Erzähler (zB Valentin Rasputin) ist wunderbar. Faulkner ist zwar für den ersten Einstieg ein bisschen schwierig, aber die Mühe lohnt sich -- die Auseinandersetzung mit seinem Erzählstil, dem Wechsel zwischen den verschiedenen Sprecher-Stimmen und Zeit-Ebenen, all das schafft eben den unmittelbaren Kontakt mit dem dargestellten Gegenstand, das Erleben selber, ohne inneren Abstand, was Faulkner bei dem Leser erzeugen wollte.

Etwas zu sagen, was bisher in der betreffenden Sprache noch nicht gesagt worden ist, Kühnheit der Ausdrucksweise und der Architektur (bei längeren Werken): Das kann man bei dem einen Autor beobachten, bei dem andern nicht.

Vielschreiber sind oft durch große Ungenauigkeit, Abhaspelung von Klischees und Repetition von längst Gesagtem gekennzeichnet.

Steven

Vielleicht hat Thomas Mann deshalb Hesse gelobt, damit er selber beim Vergleich besser abschnitt? Heinrich Mann ist mir sympathischer als Thomas.

(Als Literaturkritiker bevorzuge ich Tucholsky. Hast du diese Rororo Kassette mit der Tucholsky-Gesamtausgabe? 9 Bände, Paperback, gar nicht teuer. Ich hab das längst noch nicht alles gelesen, aber manchmal greif ich mir, um mich selbst zu belohnen, einen Band und lese drin rum.)

Was nicht bedeutet, dass man in der Literaturkritik die subjektive Komponente, das "dies mag ich, dies mag ich nicht" ganz wegkriegen könnte. Warum auch. Aber man kann ihr doch ein paar objektivierbare Vergleichkriterien an die Seite stellen.

  

Annette Schneider

Samstag, den 29. 04. 2000 - 12:14 Click here to edit this post
Hallo Margret,

Dali finde ich gut, die andern kenne ich nicht.
Schade! Denn eigentlich wollte ich Dich nach dem Zusammenhang von Joyce und der Entwicklung des Surrealismus fragen. Mein Wissen darüber schöpfe ich aus einem Surrealismus-Seminar, das ich vor 12 Jahren besuchte, es ist also leider nur noch Restwissen.

Aus Anlaß meines gestrigen Beitrages habe ich nocheinmal darüber nach gedacht, ob es jenseits von jugendlicher Ahnungslosigkeit ( ;-) ) darstellbare Gründe gibt, aus denen mir diese Gedichte nicht gefallen haben.

Ich würde sagen, nachdem ich die Metaphorik (damals) einigermaßen verstanden hatte: Es war zum einen gerade die bis ins äußerste getriebene Darstellung subjektiver Dinge, die mir eine inhaltliche Identifizierung schwierig machte. Zum anderen hatte ich bei der Bildersprache manchmal den Eindruck, daß sie weit hergeholt und gar nicht so spontan war, wie das beim Schreiben über Unbewußtes eigentlich der Fall sein müßte.

(Als Beispiel habe ich mal das Gedicht Tournesol von André Breton verlinkt.)

Was Dali betrifft, ist auch einfach mein ästhetisches Empfinden ein ganz anderes.

Auf einem anderen Blatt steht natürlich die objektive Bedeutung dieser Literatur. Da spielt das Betreten neuer Wege selbstverständlich eine erhebliche Rolle.

  

Margret

Samstag, den 29. 04. 2000 - 20:29 Click here to edit this post
Dali finde ich gut, die andern kenne ich nicht.

Schade! Denn eigentlich wollte ich Dich nach dem Zusammenhang von Joyce und der Entwicklung des Surrealismus fragen.


Ich meine, vom Hörensagen kenn ich die von dir Genannten schon... aber groß gelesen hatte ich von denen nix. Dagegen hab ich mal ein Seminar über den Ulysses gemacht, wo wir wirklich zu jeder Sitzung immer ein weiteres Kapitel gelesen haben mussten. Erst haben wir geflucht (allein schon das praktische Englisch, das man dafür hätte im kleinen Finger haben müssen, wir uns aber erst erkämpfen mussten), dann wurde es faszinierend und dann ein Hochgenuss.

Ob das was mit Surrealismus zu tun hat, oder ob da Beziehungen zwischen Joyces literarischem Stil und dem Stil in der bildenden Kunst anders als in einer ungenauen, metaphorischen Ausdrucksweise hergestellt werden können, weiß ich nicht. (Übrigens mag ich außer Dali Surrealisten áuch nur sehr begrenzt.)

Es hat uns schon ohne allen Surrealismus gereicht, die literarischen Anspielungen auf ältere englische Texte bei Joyce dingfest zu machen. Es ist ja so viel Witz dabei. Vor allem sein Durchzieher durch die englische Sprachgeschichte in dem Kapitel über eine Geburt (Oxen of the Sun), wo er die Entwicklung des Embryos durch diese Vorstadien der englischen Sprache "abmalt" (in denen er die Stadien der Geburt schildert), teilweise vorhandene Literatur aus diesen älteren Sprachstadien leicht modifiziert nachdichtet, teils ältere Stile der englischen Sprache selber erfindet... Ich hab allein zu Hause gesessen und beim Lesen Tränen gelacht.

Ich find ganz gut, was Brecht mal irgendwo gesagt hat, auch bei der Literatur gebe es kein höheres und kein niedrigeres Vergnügen, sondern nur ein größeres und ein kleineres Vergnügen.

  

Margret

Samstag, den 29. 04. 2000 - 21:05 Click here to edit this post
Dali finde ich gut, die andern kenne ich nicht.

Schade! Denn eigentlich wollte ich Dich nach dem Zusammenhang von Joyce und der Entwicklung des Surrealismus fragen.


Ich meine, vom Hörensagen kenn ich die von dir Genannten schon... aber groß gelesen hatte ich von denen nix. In Tournesol müsst ich mich erstmal reindenken und eine Reihe Vokabeln nachschlagen (ob's lohnt?).

Dagegen hab ich mal ein Seminar über den Ulysses gemacht, wo wir wirklich zu jeder Sitzung immer ein weiteres Kapitel gelesen haben mussten. Erst haben wir geflucht (allein schon das praktische Englisch, das man dafür hätte im kleinen Finger haben müssen, wir uns aber erst erkämpfen mussten), dann wurde es faszinierend und dann ein Hochgenuss.

Ob das was mit Surrealismus zu tun hat, oder ob da Beziehungen zwischen Joyces literarischem Stil und dem Stil in der bildenden Kunst anders als in einer ungenauen, metaphorischen Ausdrucksweise hergestellt werden können, weiß ich nicht. (Übrigens mag ich außer Dali Surrealisten áuch nur sehr begrenzt.)

Es hat uns schon ohne allen Surrealismus gereicht, die literarischen Anspielungen auf ältere englische Texte bei Joyce dingfest zu machen. Es ist ja so viel Witz dabei. Vor allem sein Durchzieher durch die Sprachgeschichte in dem Kapitel über eine Geburt (Oxen of the Sun), wo er die Entwicklung des Embryos durch diese Vorstadien der englischen Sprache "abmalt" (in denen er die Stadien der Geburt schildert), teilweise vorhandene Literatur aus diesen älteren Sprachstadien leicht modifiziert nachdichtet, teils ältere Stile der englischen Sprache selber erfindet... Ich hab allein zu Hause gesessen und beim Lesen Tränen gelacht.

Ich find ganz gut, was Brecht mal irgendwo gesagt hat, auch bei der Literatur gebe es kein höheres und kein niedrigeres Vergnügen, sondern nur ein größeres und ein kleineres Vergnügen.

  

Steven Bollinger

Samstag, den 29. 04. 2000 - 21:13 Click here to edit this post
Mag sein, dass ich da was verpasst habe, aber ich sehe keinen besonders engen Zusammenhang zwischen Joyce und dem Surrealismus. Es scheint mir fast unmoeglich, dass Surrealistische Bilder auf Joyce viel bewerken koennte, denn zu der Zeit, da es ein Surrealismus gab, war Joyce fast schon blind. Uebrigens war er nie besonders empfaenglich fuer nichtliterarischen Kunstwerken. Er war ein leidenschaftlicher Lienhaber des Wortes, und zwar bis zur Aussliessung vieles anderen. Dass die Dadaisten und dann die Surrealisten Joyce lasen, scheint mir dagegen gar nicht unwahrscheinlich -- aber ich sehe immerhin einen klaren Unterschied zwischen ihrer gewollten Arrationalitaet, ihren Traum- und Trancezustaenden auf der einen Seite, und seiner peinlich genauen Rationalitaet, seiner Hyperrationalitaet auf der anderen. Natuerlich hatten sie alle gemein eine extrem radikal Ablehnung der herkommenen Stile.

Ich weiss nicht, ob Joyce und Dali je begegnet sind. Joyce war ein Stammgast bei Gertrude Steins Salon in Paris, so wie Picasso und Matisse und viele andere bildene Kuenstler -- ob Dali je daselbst erschien? Das weiss ich nicht. Es waere ja seltsam, wenn er nie bei Stein waere. Uebrigens -- es hat mich schon eine weile gewundert, dass Gertrude Steins Schriften nie als "dada" oder "surrealistisch" beschrieben sind -- vielleicht kam das einfach, weil sie mit anderen Kuenstlern befreundet war. Die Dadaisten und Surrealisten waren eine andere Kreise. Die hatten andere Stammlokalen.

  

Annette Schneider

Samstag, den 29. 04. 2000 - 21:39 Click here to edit this post
In Tournesol müsst ich mich erstmal reindenken und eine Reihe Vokabeln nachschlagen (ob's lohnt?).
Du müßtest, um das wirklich zu verstehen, nicht nur die Vokabeln nachschlagen, sondern auch die Metaphern.

  

Annette Schneider

Samstag, den 29. 04. 2000 - 22:28 Click here to edit this post
Breton hat sich zum Verhältnis des Surrealismus zu Joyce in seinem zweiten Manifest des Surrealismus offensichtlich selbst in dem von Dir, Steven, beschriebenen Sinne geäußert.

"Wir stehen hier (...) vor einer ganz anderen Absicht, als sie etwa Joyce hegen konnte. Es geht hier nicht mehr darum, sich der freien Gedankenassoziation zu bedienen, um ein literarisches Werk hervorzubringen, das durch das Heranziehen polyphonischer, polysemantischer und anderer Mittel jedoch eine ständige Rückkehr zur Willkür bedeutet. Für den Surrealismus ging es einzig darum, den 'Urstoff' (im Sinne der Alchimie) der Sprache erfaßt zu haben: von da an wußte man, wo er zu suchen war, und es war selbstverständlich uninteressant, ihn nun bis zum Überdruß zu reproduzieren; das nur für diejenigen, die sich darüber wundern, daß bei uns die Praxis des automatischen Schreibens so schnell vernachlässigt worden ist."

  

Annette Schneider

Samstag, den 29. 04. 2000 - 22:42 Click here to edit this post
Vielleicht weißt Du etwas darüber, Steven:

Zu dem Gedanken des automatischen Schreibens müßte ja eigentlich gehören, daß es so etwas wie feste Metaphern im Surrealismus nicht gibt.

Nun behandelte mein Dozent aber eine Reihe von wiederkehrenden Metaphern (die nicht nur bei den Schriftstellern, sondern z.B. auch bei Dali zu finden sind). Z.B. tauchen dort häufiger gequälte Frauen auf, und ich meine mich zu erinnern, daß (blaue) Augen etwas damit zu tun hätten.

  

Margret

Sonntag, den 30. 04. 2000 - 03:55 Click here to edit this post
aber ich sehe immerhin einen klaren Unterschied zwischen ihrer gewollten Arrationalitaet, ihren Traum- und Trancezustaenden auf der einen Seite, und seiner peinlich genauen Rationalitaet, seiner Hyperrationalitaet auf der anderen.

D'accord.

André Bretons Aussagen erscheinen mir unklar. Item:

Wir stehen hier (...) vor einer ganz anderen Absicht, als sie etwa Joyce hegen konnte. Es geht hier nicht mehr darum, sich der freien Gedankenassoziation zu bedienen, um ein literarisches Werk hervorzubringen, das(...) eine ständige Rückkehr zur Willkür bedeutet.

Das ist meines Erachtens ein grobes Missverständnis von Joyce. Dessen Werk ist in seinen scharf durchkonstruierten Effekten das glatte Gegenteil von 'freier Gedankenassoziation' und 'Willkür' (Joyces Protagonisten im Ulysses assoziieren möglicherweise -- allerdings áuch nicht frei, sondern so, wie es der Wirkabsicht des jeweiligen Kapitels entspricht -- aber das ist etwas anderes).

Für den Surrealismus ging es einzig darum, den ‘Urstoff’ (im Sinne der Alchimie) der Sprache erfaßt zu haben:

Aha? Was soll denn der Urstoff bzw die Alchimie der Sprache sein? Das ist mE Kohl. Eine natürliche Sprache hat bestimmte Strukturen, über die sich ein Autor nur sehr in Grenzen hinwegsetzen kann. Nix von Urstoff und Alchimie. Und André Breton muss das als Wortkünstler gewusst haben.

  

Steven Bollinger

Sonntag, den 30. 04. 2000 - 19:22 Click here to edit this post
Ja, finde ich auch, dieses Breton-Zitat ist ein wenig albern. Aber bei solchen lustigen Voegeln wie Breton, Dali, Duchamp & co. weiss man eher selten, was denn ernst, was denn als Witz gemeint wird. Ich weiss nicht, vielleicht meinte Breton das alle ganz ernst. Wenn schon, oder aber wenn solches ernstgenommen wird -- schade.

Ich will nicht sagen, dass Joyce eindeutig besser ist als ein Surrealist -- nicht besser, anders. Ein Apfel kann nicht eine bessere oder eine schlechtere Orange sein als eine Orange.

  

Margret

Montag, den 01. 05. 2000 - 12:47 Click here to edit this post
Ja, könnte sein. Aber ich kenne den Breton nicht gut genug dazu und konnte nur nach dem Inhalt der zitierten Aussage gehen (die ja auch in dem verlinkten Text sehr ernst genommen wurde).

Och, aber warum sollte Joyce nicht doch besser sein als ein zweitklassiger Surrealist? Schließlich ist auch bei denen nicht alles allererste Sahne...

Ich hab immer Probleme mit Aussagen wie: "Das ist Kunst" [woher hat man die Information?] "und da sind keine Wert-Abstufungen möglich!" Ich kann bei Texten gewisse Qualitätsmerkmale und Fehler erkennen und was mir spontan gefällt oder missfällt. Aber dass ein Text ein Kunstwerk ist, das sage ich nur mit dem allergrößten Zögern. Wer schreibt, kocht auch mit Wasser.

  

Margret

Dienstag, den 02. 05. 2000 - 20:01 Click here to edit this post
Bismarck haette viel eher Marx zum Tee eingeladen

Lieber Steven, dieses ist kein ganz abwegiger Gedanke. An irgendeinem Punkt seiner Karriere, als die Konservativen im Reichstag (oder war es der Preußische Landtag?) mal wieder Krach mit Bismarck hatten (oder er mit ihnen) bändelte Bismarck mit den Liberalen an und wollte eine Zeitschrift gründen, in welcher er (so wird berichtet) sich durchaus hätte vorstellen können, dass auch "der Dr. Marx" Beiträge schriebe. Er war geistig viel beweglicher als man es ihm gern zutraut und hat später denn ja auch mit seiner Sozialgesetzgebung den Sozialisten so ziemlich den Wind aus den Segeln genommen.

Und Amathalia, beste und verehrteste, was redest du da über Jane Austen?

so interessierte ihn ihr wuthering heights durchaus zum zwecke der verfilmung.

Wessen Wuthering Heights? Ich muss doch sähr sähr bitten!