Archivieren bis zum 10. August 2000

High Debate: Politik & Gesellschaft: Todesstrafe: Archivieren bis zum 10. August 2000
  

Alexander Virchow

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 14:46 Click here to edit this post
Du solltest - was uns nun endgültig vom Thema wegbringt, aber vielleicht machen wir ja jetzt einfach bei den USA weiter - vielleicht einmal ein Semesterchen Geschichte der Jurisprudenz nachlegen.

Da sieht man, wie sowas wirklich läuft. Ach, da sind wir ja schon in den USA. Erst war das oberste Gericht der Meinung, Todestrafe verstößt gegen Bundesrecht, dann hat es seine Meinung schnell mal geändert.

Und was die können, das kann ein jedes Verfassungsorgan.

Das Parlament, zB.

(Und nebenbei muß ich mal - ganz locker abschweifend - auf unsere Verfassungsbeschwerde in Sachen Überhangmandaten schauen. Komisch: Bei Stimmengleichheit 6:6 abgelehnt. Genau an den Linien sortiert, an denen die parteien die Richter vorgeschlagen haben. Na, wenn das kein Fingerzeig ist!)

(Wolltest Du nicht doch gelegentlich ein Jura-Forum aufmachen? Daß man nicht immer gezwungen ist, so off-topic zu gehen?)

  

Gudrun

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 14:52 Click here to edit this post
Da sieht man, wie sowas wirklich läuft

(Aber nicht doch, dafür habe ich ja dich! Um mein Blondchengehirn mit den Fakten über das wahre Leben und 'wies wirklich läuft' zu füttern!!)

. Erst war das oberste Gericht der Meinung, Todestrafe verstößt gegen Bundesrecht, dann hat es seine Meinung schnell mal geändert.

Tja, und auch das war nicht ganz so, wie du es dir vorstellst: das entsprechende Urteil des Supreme Court aus dem 70er Jahren besagt lediglich, dass der Supreme Court es nicht als Bundessache betrachtet, wie es die Staaten mit der Todesstrafe handhaben. MaW. es wurde den Staaten überlassen, ob und wie sie die Todesstrafe praktizieren.

  

Alexander Virchow

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 15:09 Click here to edit this post
Genau.
Das ist eine Frage der Kultur, des Lokalkolorits.

(Hoffentlich weiß das der Europarat. *räusper*)

  

Annette Schneider

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 15:20 Click here to edit this post
Gudrun, weißt Du, wie die Haltung zur Todesstrafe in den anderen europäischen Ländern aussieht? Wie war da die Rechtsentwicklung?

Und weiß jemand, wie es mit der Haltung der katholischen Kirche aussah/aussieht? In Deutschland, im Vatikan, in den USA?

  

Gudrun

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 15:27 Click here to edit this post
In der EU ist die Todesstrafe verpönt. Einige Staaten haben zwar noch eine ganze Weile die Todesstrafe gehabt, aber nicht mehr vollstreckt. Wie gesgat, ich meine, Belgien wäre der letzte Staat gewesen, der überhaupt noch jemanden in der Todeszelle gehabt hätte.

Wie im einzelnen die Entwicklung war, weiss ich nicht, aber da in der Nachkriegszeit die ganzen Menschenrechtskonventionen aufgekommen sind, der Europarat etabliert wurde und die EU gegründet, gehe ich mal davon aus, dass zumindest in Europa allgemein die Entwicklung der letzten 60 Jahre deutlich von der Todesstrafe weggegangen ist.

  

Annette Schneider

Mittwoch, den 31. 05. 2000 - 15:37 Click here to edit this post
Ich würde auch gerne nochmal auf den Bildungsgedanken hinaus. Und zwar nicht nur die Frage des Bildungsniveaus, sondern auch auf die Tatsache, daß dies in Deutschland ja inhaltlich Thema in den Schulen ist.

Im Nachhinein schwer zu sagen, welchen Einfluß das auf die persönliche Einstellung dazu gehabt hat, aber ich denke, nicht unerheblich.

Wie sieht das in den USA aus? Sache der Bundesstaaten? In den Lehrplänen enthalten? Zentrale oder dezentrale Lehrpläne?

(Die Bekannte, mit der ich damals in "Dead man walking" war - 40 Jahre alt, nicht gerade konservativ-reaktionär - war jedenfalls für die Todesstrafe. Möchte lieber nicht wissen, was da noch unter dem Deckel schlummert.)

  

Gudrun

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:22 Click here to edit this post
Ein netter kleiner Überblick über die Todesstrafen-Geschichte und -Praxis weltweit.

  

Annette Schneider

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:33 Click here to edit this post
Muchas gracias.

Ich habe ja nur eine sehr grobe Einschätzung, wieviele Einwohner die USA haben könnten, aber sieht für mich so aus, als wäre die Hinrichtungsquote höher als in China.

  

Alexander Virchow

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:36 Click here to edit this post
Letzteres dürfte falsch sein. Die Einwohnerzahl der USA liegt über 200 Millionen, die Chinas bei über 1,2 Milliarden.

Da man in China wegen aller möglichen Bagatellen zu Massenerschiessungen neigt, dürfte die Absolutzahl größer sein, als Faktor 6 nahelegt.

  

Gudrun

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:40 Click here to edit this post
In dem Artikel standen doch Zahlen drin: rund 70 Hinrichtungen in den USA/Jahr, in China rund 1000.

Ich denke, der Unterschied ist der, dass über China wesentlich weniger berichtet wird als über die USA. Daher ist uns das einfach geläufiger, zumal bei den USA noch deren Darstellung als "Moralapostel" der Völkergemeinschaft versus Todesstrafe und Kriegführung ein beliebtes Thema ist.

  

Gudrun

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:44 Click here to edit this post
BTW, Jeanne, in der Bayrischen Verfassung steht die Todesstrafe tatsächlich nicht mehr drin. Leider habe ich nichts über die Streichung selber gefunden, aber da sich die NPD 1997 über die Abschaffung aufgeregt hat, spricht alles dafür, dass du offensichtlich Recht gehabt hast!

  

Alexander Virchow

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:46 Click here to edit this post
(Am Rande sei bemerkt, daß meines Wissen in keinem (oder kaum einem) Land ein größerer Anteil der Bevölkerung im Gefängnis sitzt, als in den USA.)

  

Gudrun

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:49 Click here to edit this post
(In den USA sind Gefängnisse inzwischen zunehmend privat organisiert, d.h. wirtschaftliche Unternehmen mit der Absicht der Gewinnerzielung. Das aber auch nur am Rande...)

  

Annette Schneider

Freitag, den 02. 06. 2000 - 09:50 Click here to edit this post
Letzteres dürfte falsch sein.
(Ups, da habe ich mich in Zähler und Nenner vertan.)

  

Steven Bollinger

Samstag, den 03. 06. 2000 - 05:21 Click here to edit this post
Die Einwohnerzahl der USA liegt über 200 Millionen


Sie liegt um 300 Millionen. So ungefaehr. Niemand weiss genau. Hier gibts keine Standesaemter.

Aber 200 Millionen hie oder 300 Millionen da -- wenn Gudruns Zahlen stimmen, dass ist das mir rund 70 pro Jahr zuviel in den US, und 1000 pro Jahr zuviel in China. Und es ist nicht, als ob ich damit hier alleinstuende. Zuweilen kriegen ich den Eindruck, als haetten Europaeer den allgemeinen Eindruck, als faenden alle Amis Hinrichtungen ganz prima. Bei jeder einzelnen Hinrichtung gibts eine betraechtlche Demo. Das staatliche Gemetzel kann doch nicht ewig bestehen, denk ich, hoffe ich.

(In den USA sind Gefängnisse inzwischen zunehmend privat organisiert, d.h. wirtschaftliche Unternehmen mit der Absicht der Gewinnerzielung. Das aber auch nur am Rande...)


Auch das finden wir nicht alle prima.

  

Annette Schneider

Samstag, den 03. 06. 2000 - 21:16 Click here to edit this post
Und es ist nicht, als ob ich damit hier alleinstuende. Zuweilen kriegen ich den Eindruck, als haetten Europaeer den allgemeinen Eindruck, als faenden alle Amis Hinrichtungen ganz prima.
Das ist jedenfalls nicht der Gedanke hinter diesem Forenstrang. Sichtbar waren Proteste im deutschen Fernsehen vor einiger Zeit bei der Hinrichtung der deutschstämmigen LeGrand-Brüder.

Ich denke auch, daß gegen diese Hinrichtungen einzutreten in den USA deutlich mehr erfordert als in Deutschland oder Europa, wo dies einfach der führenden Meinung entspricht und man sich mit dem Thema eigentlich nicht wirklich auseinandersetzen muß.

Was mich interessiert, sind die Gründe, warum der Zeiger in Europa in die eine Richtung gekippt ist, in den USA eher in die andere (und nach dem, was mir in Erinnerung ist, zunehmend. Gibt es da unterschiedliche Entwicklungstrends zwischen den Bundesstaaten?).

Ich meine, ist das insgesamt eher ein historischer Zufall? Nicht nur, daß, wie Alex oben meinte, die Todesstrafe in den USA oder einigen ihrer Staaten noch existiert, sondern auch, daß sie in Europa abgeschafft wurde? Oder was sind die Gründe?

  

Gudrun

Samstag, den 03. 06. 2000 - 21:52 Click here to edit this post
Ich meine, ist das insgesamt eher ein historischer Zufall?

Tja, ist nicht alles Historische letztendlich "Zufall"? Ich denke, es liegt tatsaechlich an der unterschiedlichen Entwicklung beider Kontinente: Amerika war urspruenglich ein Refugium einer streng religioesen Minderheit. Zum zweiten war es "the land of the free", d.h. nicht nur Freiheit zu tun und zu lassen, was man will in unserem heutigen Sinn, sondern urspruenglich auch gerade die Freiheit, eine Gesellschaft aufzubauen, die ganz nach ihren eigenen (konservativen, religioesen, andere ausgrenzenden) Regeln lebt und sich von keiner anderen Obrigkeit etwas vorschreiben lassen muss. In Europa gab es die Aufklaerung und in ihrer Folge die Abwendung von "gottgegebenen" Ordnungen hin zu einem anthropozentrischen Weltbild und den Humanismus, beide Ausloeser fuer eine Etablierung eines anderen Menschenbildes und auch einer anderen Wertschaetzung des Menschen an sich. In den USA dagegen gab (und gibt, wenn ich den Nachrichten aus diversen Staaten und den nach wie vor dort vorkommenden Akten von Selbst- und Lynchjustiz glauben darf) eine wesentlich staerkere Auspraegung der Haltung "wir tun, was wir fuer richtig halten, egal, was andere sagen" und "wir sorgen fuer Ordnung, indem wir rigoros durchgreifen".

Allerdings muss ich dazu sagen, dass ich in den USA bewusst keinem Todesstrafenbefuerworter begegnet bin, sondern alle Personen, mit denen ich dort Kontakt hatte, die Todesstrafe und einige andere Dinge fuer unmenschlich und auch "unzivilisiert" halten.

die Todesstrafe in den USA oder einigen ihrer Staaten noch existiert, sondern auch, daß sie in Europa abgeschafft wurde?

Die Todesstrafe existiert soweit ich weiss sowohl "federal" d.h. fuer bestimmte Verbrechen, die nach Bundesrecht abgeurteilt werden, wie auch in diversen Staaten in dem jeweiligen Staatenrecht, wie Illinois, New York, Texas, Colorado.

  

Steven Bollinger

Samstag, den 03. 06. 2000 - 21:53 Click here to edit this post
Der Unterschied zwischen den US und Europa sehe ich vor allem in der ganz einfachen Tatsache der vielzuvielen Waffen hier. Mehr Schusswaffen als Einwohner gibts in den USA. Das fuehrt direkt zu sehr vielen Moerden (sehr viel leichter, jemanden mit einer AK-47 zu toeten, als mit einem Baseballschlaeger oder einem Messer), was seinerseits zu der Verlegenheitsloesung Hinrichtung fuehrt. (Hinrichtungen waren ja hier zurueckgefuehrt, 1971 schienen sie hier so ganz vorbei zu sein wie da in Europa.)

Too many guns, baby. The problem is very, very simple, imho.

  

Gudrun

Samstag, den 03. 06. 2000 - 21:57 Click here to edit this post
Steven, aber auch die Tatsache, dass es so viele Waffen in den USA gibt wirft wieder die Frage auf: warum da und nicht in Europa? Asserdem: in der Schweiz hat auch jeder Haushalt eine Schusswaffe, aber dort gibt es keine derartigen Gewaltprobleme.

  

Steven Bollinger

Samstag, den 03. 06. 2000 - 22:51 Click here to edit this post
warum da und nicht in Europa?


Revolutionary War, 2nd Amendment, Wild West -- ich dachte, auch in Europa haette man davon gehoert.

Ich weiss nicht, warum es wenig Gewalt und so vielen Waffen in der Schweiz gibt. Das scheint mir mysterioeser, mehr eklaerungsbeduerftig als dass es hier viel Gewalt und viele Waffen gibt.

Aber ich weiss herzlich wenig ueber die Schweiz -- obwohl ich stamme von einem Rudolf Bollinger vom Dorf Bollingen am Zuerichsee.

  

Alexander Virchow

Sonntag, den 04. 06. 2000 - 06:25 Click here to edit this post
Ich weiss nicht, warum es wenig Gewalt und so vielen Waffen in der Schweiz gibt. Das scheint mir mysterioeser, mehr eklaerungsbeduerftig als dass es hier viel Gewalt und viele Waffen gibt.

Die Schweiz ist ein Land ohne große soziale Verwerfungen, ohne Slums, ohne ethnische Minderheiten usw.

Und ohne jede Tradition im heldenhaften Abmurksen Dritter.

Hollywood entwickelt das Bild einer gewaltgetränkten und gewaltidealisierenden Gesellschaft.

Ein insoweit realistisches Bild, wie ich meine.

  

undeclared Leader of Black Label Society

Dienstag, den 06. 06. 2000 - 19:30 Click here to edit this post
Die Todesstrafe korrelliert innerhalb der USA mit dem Auftreten von Wetterlagen mit einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 100%.

Vorfälle von Lynchjustiz ereigne(te)n sich vorzugsweise während solcher Wetterlagen.

Hierzu gibt es eine Fernsehdokummentation.

(Möglicherweise sogar gerdae von SPIEGEL-TV)

  

christian kaess

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 08:55 Click here to edit this post
Noch was "nettes" zur Todesstrafe.

Aus Spiegel Online 03. Januar 2000:

"Nichts einzuwenden jedoch hatte die Besatzungsmacht gegen die Bestimmung, der "Vollzug der Todesstrafe" in Bayern bedürfe "der Bestätigung der Staatsregierung". Wiewohl durchs Grundgesetz für ganz Deutschland bereits 1949 abgeschafft, lebte die Todesstrafe im Freistaat auf dem Papier bis vor knapp zwei Jahren fort. Erst per Volksentscheid im Februar 1998 wurde sie aus der bayerischen Verfassung ersatzlos gestrichen."

  

Alexander Virchow

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 09:02 Click here to edit this post
Der Gouverneur von Texas, Bush, macht dieser Tage im Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft einen schrecklich dummen Fehler. Er garantiert, daß in seiner Amtszeit noch kein Unschuldiger gehimmelt worden ist.

(Gehimmelt? Ja, gehimmelt. Denn die Täter sind alle Christen, und ihre Opfer werden zur Sortierung und Weiterbearbeitung an Petrus überstellt.)

Al Gore, selbst Anhänger der Todestrafe, sucht nun natürlich wie ein Blöder nach einer Gelegenheit......

Am Ende wird die Todesstrafe womöglich abgeschafft, weil Bush den Wahlkampf zu sehr zugespitzt hat.

Merke:
Geschichte ist selten ein Prozeß der Sinnhaftigkeit, meist ist sie nichts anderem als dem Zufall geschuldet.

  

Alexander Virchow

Donnerstag, den 10. 08. 2000 - 08:24 Click here to edit this post
Der Erbprinz von Amerika ist wieder bei seiner christlichen Arbeit:


Texas: EU-Proteste gegen Hinrichtung von Behindertem

Eine Doppel-Exekution steht in der Nacht bevor. Einer der Verurteilten geistig minderbemittelt