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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 02:00 Die Suchbegriffe "Martin Luther" und "Antisemitismus" fördern in Kombination bei Fireball 147 Treffer hervor. Eine Auswahl: Unter den Reformatoren hat sich besonders Martin Luther mit dem Judentum auseinandergesetzt und ab 1523 die Erwartungen geäußert, die Juden würden der reformatorischen Botschaft Glauben schenken. Ab 1538 wendet sich dann Luther immer schärfer gegen die Juden. In der harten Polemik klingen Enttäuschung, Endzeitangst und Furcht vor den dämonisierten Juden schrill zusammen. Zwar waren dem Reformator rassistische Argumente noch ganz fremd, dochh hatten seine Stellungnahmen in der weiteren Entwicklung des Antisemitismus eine verhängnisvolle Wirkung. Quelle Der evangelische Neutestamentler Berndt Schaller ist dem prekären Verhältnis von Christen und Juden anläßlich des 50. Jahrestages der Reichspogrom-Nacht von 1938 nachgegangen (Kirche und Israel, 1989, 123-148). Er kommt darin zu dem erschütternden Schluß, daß kirchliche Kreise zwar die Pogrome gegen die Juden recht eindeutig abgelehnt hätten, daß aber weder katholische oder evangelische Bischöfe und Kirchenleitungen noch sonstige führende Kirchenfunktionäre öffentlich sich gegen die Gewalt zu Wort gemeldet hätten. Lediglich einige wenige, wie der katholische Propst Bernhard Lichtenberg in Berlin und der württembergische Pfarrer Julius von Jan, Helmut Gollwitzer und nicht wenige andere, hatten die Judenverfolgung thematisiert und dagegen offen oder verdeckt Stellung bezogen. Erschreckend ist aber auch in diesen Stellungnahmen, daß die antijüdische Haltung in keiner Weise in Frage gestellt, sie im Gegenteil oft ausdrücklich bejaht wird! Die Menge der Pfarrer aller Kirchen und die Masse der kirchlichen Publikationen jedoch, vor allem aber - mit Ausnahme von Landesbischof Wurm, der gegenüber dem Reichsjustizminister protestierte, - die Kirchenleitungen schwiegen! Das besonders Schlimme daran ist: Die Kirchenleitungen schwiegen nicht etwa aus Furcht, sondern "aus grundsätzlichen Erwägungen" wie Landesbischof Heinrich Rendtorff es ausdrückte: "Die Kirche habe mit Dank begrüßt, daß endlich ... wieder eine Obrigkeit vorhanden sei. Wenn das so liegt, verstoße es gegen den Glauben, dem weltlichen Schwert in den Arm zu fallen, zumal es sich für die Regierung ... um einen zentralen Punkt ihres Programms handle" (Röhm/Thierfelder, 161). Wo blieb hier die sonst immer wieder beschworene Treue zum Wort Gottes? War jetzt das Gebot "Du sollst nicht töten!" nicht mehr Gottes Gebot? Das Schlimmste aber war, daß diejenigen, die nicht schwiegen, das brutale Vorgehen gegen die Juden im November 1938 oftmals billigten und begrüßten! Sie konnten dabei - wie der thüringische Landesbischof Martin Sasse - auf Martin Luther verweisen. Sasse schrieb: "Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen ... In dieser Stunde muß die Stimme des Mannes gehört werden, der als der deutsche Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden." (Martin Luther über die Juden, 2). Die Auflage dieser Schrift betrug allein im ersten Jahr 150 000! Quelle Dazu kommt der latente Antisemitismus der Kirchen. Er kommt nicht nur bei Luther zum Tragen, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die zweitausendjährige Christengeschichte. Das gilt für das Judenbild des Juden Paulus, dem der israelische Theologe Shalom Ben-Chorin attestiert, daß sein Judenbild nicht nur sehr zwiespältig, sondern insgesamt judenfeindlich sei. Die judenfeindlichste Schrift des sog. Neuen Testamentes ist zweifellos das sogenannte Evangelium des Johannes. In ihm erscheint Israel als Inbegriff der Schlechtigkeit. Über fünfzigmal werden in ihm die Juden als Gegner Jesu bezeichnet, die ihm ständig nach dem Leben trachten (Brumlik, 1989,103f.). Diese Auffassung von den Juden als Gottesmördern, die in der christlichen Passionsgeschichte durch die Jahrhunderte tradiert wurde, wirkte schrecklich bis in die jüngste Vergangenheit. Selbst in den Texten jener Christen, die den Terror gegen die Juden ablehnten, wirkt diese abgrundtiefe Ablehnung nach! (Nachweise bei B. Schaller und G. Czermak!) Quelle Was konkret heißt: Auch während der Geburt Jesu blieb Marias Jungfernhäutchen unversehrt. Diese wunderbare Aussage ist zwar durchaus im Sinne Martin Luthers, demzufolge die jungfräuliche Geburt Jesu bei geschlossener Gebärmutter geschehen sei. Anders als ihre katholischen Kollegen haben aber die evangelischen Bischöfe solcheTollheiten längst ebenso verdrängt wie Luthers antisemitische Entgleisungen. Quelle Doch wie viele der angeführten historischen Ergebnisse, wissenschaftlich eindeutig belegt, kommen in den Erklärungen der Bischöfe beider Konfessionen und in den Kirchen-predigten zum Tragen? Vermutlich sehr wenige. Im gerade verflossenen Martin-Luther-Gedenkjahr sprachen die bischöflichen Verlautbarungen Luthers antisemitische Hetzschrift von 1543 ("Von den Juden und ihren Lügen") nicht an. Zur Jungfrau Maria äußern sich evangelische Bischöfe auch nicht, um ihre katholischen Kollegen zu schonen: Die Kirche muss lügen, um ihre Machtstellung im Staat nicht zu verspielen und um die schein-bar ahnungslosen Gläubigen bei der Stange zu halten. Quelle Luthers Verhältnis zu den Juden Bei diesem Steinrelief handelt es sich um die sogenannte "Judensau". Diese Spottdarstellung, die die Juden in intimster Beziehung zu dem für sie "unreinen" Schwein darstellt, war im Mittelalter Europas weit verbreitet. Die Inschrift "Schem Ha Mphoras" verweist auf die jüdische Mystik, die Aussagen über das Wesen Gottes aus geheimen Zahlen- und Wortkombinationen ableitet. Diese Buchstabenfolge- Schem Ha Mphoras- besaß nach dem Glauben der jüdischen Kabbalisten universelle Kräfte. Sie wurde deshalb als besonders heilig angesehen und vor Unberufenen verborgen. -> Wittenberg: "Die Judensau" Die Zeit Luther lebt in einer judenfeindlichen Zeit. Die Juden werden diskriminiert, sie leben im Ghetto und ihr Betätigungsfeld ist stark eingeschränkt. Der Landesherr verfügt - je nach Bedarf - Sonderabgaben, oder er verweist gelegentlich alle Juden aus seinem Einflußbereich. So müssen sie in andere Gebiete fliehen, bis sie auch von dort wieder vertrieben werden. Die einheimischen Kaufleute, Händler und Bankiers entledigen sich so mit Hilfe der Fürsten der unliebsamen Konkurrenz. Ausdruck des Antijudaismus dieser Zeit sind, neben den Vertreibungswellen, auch antijüdische Darstellungen wie die sogenannte "Judensau" in Wittenberg. Luthers Missionseifer Luther jedoch zeigt sich anfangs nicht als unverbesserlicher Judenfeind. In seiner 1523 erschienenen Schrift "Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" verweist er auf den Ursprung des Christentums. Er will aber nun die Juden zu dem Glauben bekehren, zu dem er selbst in jahrelanger Suche gekommen ist. Die Juden sollen diesen "wahren Glauben" erkennen und sich zu ihm bekennen. "...daß man ihre Synagogen verbrenne" Da Luther diese "Umkehr auf den rechten Weg" in den folgenden Jahren nicht erkennen kann, verbittert den alternden Reformator. Nun entstehen stark polemische Schriften wie "Von den Juden und ihren Lügen". Als eine weitere Begründung für diese antijüdische Haltung mag - neben der Enttäuschung über die Ablehnung der Juden für seinen "wahren Glauben" - auch die in vielen Aspekten noch im Mittelalter verhaftete Ausbildung Luthers gelten. Luthers judenfeindlich Aussagen werden in den folgenden Jahrhunderten oftmals von Ideologen als Begründungen für ihre Thesen genutzt. Quelle Aus der Schrift: "Von den Juden und ihren Lügen" (1543): "Die Juden sind rechte Bluthunde, kein blutdürstigeres und rachgierigeres Volk hat die Sonne je beschienen. Wenn du mit einem Juden vom Evangelium reden wolltest, so wäre es eben als wenn du vor einer Sau das Evangelium predigst. Der Odem stinkt ihnen nach der Heiden Gold und Silber. Pfui euch hier, pfui euch dort, und wo ihr seid, ihr verdammten Juden! Wenn du einen Juden siehst, magst du mit gutem Gewissen ein Kreuz vor dich schlagen und frei sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel! Darum wisse, daß du nächst dem Teufel keinen bitteren, giftigeren Feind hast als einen rechten Juden. Sie glauben närrische Lügen und statt in das schöne Angesicht des göttlichen Wortes, kucken sie dem Teufel ins schwarze, finstere Hinterlügenloch und müssen seinen Stank anbeten. Sie sind giftige, hämische Schlangen, Meuchelmörder und Teufelskinder. Mein treuer Rat ist, wie droben gesagt, ernstlich: daß man ihre Synagogen mit Feuer verbrenne und, wer kann, Schwefel und Pech hinzufüge; wer auch höllisch Feuer zuwerfen könnte, wäre auch gut. Darum soll der Juden Maul nicht wert gehalten werden, sondern mit Säudreck soll man auf sie werfen. Verbrenne ihre Synagogen und gehe mit ihnen nach aller Unbarmherzigkeit um... Will das nichts helfen, so müssen wir sie wie die tollen Hunde hinausjagen. Wenn mir Gott keinen anderen Messias geben wollte, als wie die Juden begehren, so wollte ich lieber eine Sau als ein Mensch sein". Quelle Einige weitere, erbauliche Worte zu den Juden: "wenn nu Gott jtzt oder am Jüngsten tage mit uns Christen also wird reden: Hörestu es, Du bist ein Christ und hast gewust, das die Jüden meinen son und mich öffentlich gelestert und geflucht haben, du aber hast jnen raum und platz dazu gegeben... Sage mir, Was wollen wir hie antworten?" (Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen) .... "Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich. Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben. Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande... Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren... Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe... Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren... Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen..." (Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen) .... "Hieher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermals geleeret. Das ist ein recht Heilightum, das die Juden und was Jude sein will, küssen, fressen, sauffen und anbeten... und soll der Teufel auch fressen und sauffen, was solche Jünger speien, oben und unten auswerfen können. Hier sind die rechten Gäste und Wirthe zusammengekommen... der Teufel... frißt mit Lust, was der Juden oberes und unteres Maul speiet und spritzet." (Martin Luther, Judenfreund) .... Juden sind Kinder des Teufels, die stehlen, morden und ihren Kindern das gleiche beibringen. (Martin Luther) .... "Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücke führen, einen Stein an den Hals hängen und ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams!" (Martin Luther, Tischreden) .... Über Mord und Totschlag: "Die Hand, welches das Schwert führt und würget, ist nicht mehr Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott hänget, rädert, enthauptet, würget, krieget." (Martin Luther) .... Man darf beim Soldatsein nicht darauf sehen, wie man tötet, brennt, schlägt, gefangennimmt, usw. Das tun die ungeübten, einfältigen Kinder- augen, die [auch] dem Arzt nicht weiter zusehen, als wie er die Hand abnimmt oder das Bein absägt, aber nicht sehen oder bemerken, daß es um die Rettung des ganzen Körpers geht. Ebenso muß man auch dem Amt des Soldaten oder des Schwertes mit männlichen Augen zusehen, warum es so tötet und grausam ist. Dann wird es selber beweisen, daß es ein durch und durch göttliches Amt ist und für die Welt nötig und nützlich wie Essen und Trinken. (Martin Luther) Über schwangere Frauen: "Ob sie sich aber auch müde und zuletzt todt tragen, das schadet nichts, laß' sie nur todt tragen, sie sind darumb da." (Martin Luther, Schwangerschaftsberater) .... "Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes." (Martin Luther) ... Über Frauen, die Luther als Hexen denunziert: Ich will kein Mitleid für diese Hexen, ich wünsche, daß man sie Stück für Stück verbrenne. (Martin Luther) .... Über Behinderte: Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt ... so halte ich dafür .... daß es wahre Teufel sind. (Martin Luther) Quelle aller Zitate Wer nun auf eine solche Sau seine Kirche gründen will, der mag das tun. Und sich in seinem Koben suhlen. Daß nun ausgerechnet die Katholikin Popp sich über diese widerwärtige Kreatur vor Begeisterung nur so ausschütten mag - es verwundert mich nicht. Wie herrlich wäre es doch, säße im Vatikan nicht Papst Woytila, sondern - ein richtiger Christ.
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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 04:02 Ich glaube, Alex hat mich zu einem faeuleren Forumsschreiber gemacht: immer wieder naemlich hat mich irgendein duemmlicher bigotter Beitrag empoert, bin ich im Begriffe gewesen, zu antworten -- dann aber stattdem mich zurueckgelehnt und habe mich gesagt: "Alex wird das schon machen -- und sein Deutsch ist besser." Zuzufuegen habe ich in diesem Falle zuerst nur eins: eine herzliche Empfehlung von Stefan Heyms, des ehemaligen Aelterspraesident des Bundestages Roman "Ahasvar". (Kauft ihn bei amazon.de! Folgt dem Link oben links! Unterstueztzt HD! Kauft Exemplaren fuer ihre Freunde, fuer ihre Familien, fuer ihre Mitarbeiter! Teilt es den ueberraschten Mitbuergern im U-Bahn aus, macht es den Zeugen Jehovahs streitig! Tut es!) Aber im ernst, ein sehr gutes Buch ist das, gleichzeitig sehr ernst und sehr lustig, hat mich nicht nur in dieser Hinsicht an Salman Rushdies "Satanic Verses" erinnert. Falls jemand sowas nicht nur im Regal stehen hat sondern es tatsaechlich gelesen hat.
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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 19:22 Alex, die Darstellung von Luther als einem Antisemiten ist und bleibt ahistorisch bzw verkörpert unklaren Wortgebrauch, wie auch immer das in deiner Suchmaschine verlinkt sein mag. Und stell deine wüsten Verbalinjurien ein; die verbessern deine schlechte Argumentation áuch nicht. Es wäre besser gewesen, statt deine stromlinienförmigen Quellen breitzutreten, mal auf das einzugehen, was ich gestern in dem Antisemitismus-Forum über die historischen Hintergründe dieses unverzeihlichen Traktats von 1543 "Wider die Juden und ihre Lügen" gesagt habe. Das repräsentiert nämlich neuere Forschung als das von dir Vorgetragene. Es gilt nach wie vor Folgendes. 1) Luther war, als er auf der Höhe seiner Kraft stand, um 1525 (mit seiner Schrift "Dass unser Herr Jesus wahrer Jude gewesen sei"), auf christlicher Seite der größte Freund der Juden des Jahrhunderts. 2) Dieser misanthropische 40-Seiten-Traktat von 1543 ist für sein Gesamtwerk untypisch; und das umfasst schon jetzt in der noch nicht fertiggestellten kritischen Gesamtausgabe neun Regalmeter. Dieser Traktat, Äußerung eines verbrauchten alten Mannes, schrumpft im Vergleich nur so dahin. 3) Auch diese unverzeihlichen Äußerungen Luthers waren nicht antisemitisch, sondern antijudaisch: Auch nach 1938 noch war Luther ein getaufter Jude ein lieber Bruder, was längst nicht für alle Christen des 16. Jh galt (vgl Spanien) und erst recht nicht für die apostatischen rassistischen Antisemiten, die es in Europa und Amerika seit dem Beginn des 19. Jh gab. 4) Diese Broschüre ist nie in eine Gesamtausgabe der Werke Luthers aufgenommen worden, erzielte weder bei ihrem Erscheinen 1543 eine Wirkung noch bis weit ins 20. Jahrhundert, als sich dann mal Streicher an einigen Stellen auf einen gesonderten Nachdruck vom Ende des 19. Jh bezog. 5) Das Mitläufertum schwacher Christen im Dritten Reich kann nicht auf Luther zurückgeführt werden. 6) Überhaupt können die antisemitischen Verheerungen des Dritten Reichs nicht mit Luther in Verbindung gebracht werden, denn sonst wären entsprechende Verheerungen viel eher in den skandinavischen Ländern zu erwarten gewesen, in denen sogar die Staatsreligion lutherisch ist. Weitere Einzelheiten in meinem Beitrag von gestern Abend im Nachbarforum. antijudaismus
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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 19:51 Alex, die Darstellung von Luther als einem Antisemiten ist und bleibt ahistorisch. Es wäre besser gewesen, statt deine stromlinienförmigen Quellen breitzutreten, Eine typische Auswahl aus einer Vielzahl klarsichtiger Quellen. mal auf das einzugehen, was ich gestern in dem Antisemitismus-Forum über die historischen Hintergründe dieses unverzeihlichen Traktats von 1543 "Wider die Juden und ihre Lügen" gesagt habe. Das repräsentiert nämlich neuere Forschung als das von dir Vorgetragene. Es gilt nach wie vor Folgendes. Das ist ja nur ein Aspekt dieser widerwärtigen Persönlichkeit. Die anderen stehen gleichberechtigt daneben. Und über seine verbrecherischen Positionen gegen die aufständischen Bauern habe ich - immer eng am Thema - nicht einmal ein Wort verloren. 1) Luther war, als er auf der Höhe seiner Kraft stand, um 1525 (mit seiner Schrift "Dass unser Herr jesus wahrer Jude gewesen sei"), auf christlicher Seite der größte Freund der Juden des Jahrhunderts. Ja, Hitler soll früher auch einen jüdischen Friseur gehabt haben. Ich verstehe nur zu gut. 2) Dieser 40-Seiten-Traktat von 1543 ist für sein Gesamtwerk atypisch; und dieses umfasst schon jetzt in der noch nicht fertiggestellten kritischen Gesamtausgabe neun Regalmeter. Dieser misanthropische Traktat, Äußerung eines verbrauchten alten Mannes, schrumpft im Vergleich nur so dahin. Wie gesagt: Nur eine Facette einer durch und durch abstossenden, christlichen Fratze. 3) Auch diese unverzeihlichen Äußerungen Luthers waren nicht antisemitisch, sondern antijudaisch: Auch nach 1938 noch war Luther ein getaufter Jude ein lieber Bruder, was längst nicht für alle Christen des 16. Jh galt (vgl Spanien) und erst recht nicht für die apostatischen rassistischen Antisemiten, die es in Europa und Amerika seit dem Beginn des 19. Jh gab. Jawohl. Auch Hitler war kein Antisemit. Der war bloß prodeutsch. Klar doch. 4) Diese Broschüre ist nie in eine Gesamtausgabe der Werke Luthers aufgenommen worden, erzielte weder bei ihrem Erscheinen 1543 eine Wirkung noch bis weit ins 20. Jahrhundert, als sich dann mal Streicher an einigen Stellen auf einen gesonderten Nachdruck vom Ende des 19. Jh bezog. Vertuschen ist alte, christliche Tradition. Auch nichts Neues. 5) Das Mitläufertum schwacher Christen im Dritten Reich kann nicht auf Luther zurückgeführt werden. Ne. Die Christen sind natürlich immer Opfer, und wenn sie das bluttriefende Beil noch in der Hand halten. 6) Überhaupt können die antijüdischen Verheerungen des Dritten Reichs nicht mit Luther in Verbindung gebracht werden, denn sonst wären entsprechende Verheerungen viel eher in den skandinavischen Ländern zu erwarten, in denen die Staatsreligion lutherisch ist. Tja. Ganz ohne Hitler ging's wohl doch nicht. Was für eine saudumme Bemerkung.
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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 19:54 Wer nun auf eine solche Sau seine Kirche gründen will, der mag das tun. Und sich in seinem Koben suhlen. Du wirst ausfallend, weil du den Gegenstand deiner Betrachtungen nicht wirklich kennst. Das schaffte ich noch viel lässiger als du bei Luther, aus deinen versammelten Verbalinjurien soviel menschenverachtendes Zeug zusammenzustellen, dass kein Hund mehr ein Stück Brot von dir nähme. Aber zum Unterschied von dem, den du da gerade anpinkelst, vermöchtest du dann praktisch nichts Positives dagegenzustellen. Dein eigener direkter Stil ist bei Luther präfiguriert, dem du für die entsprechende deutsche Stiltradition zu danken hast. Daß nun ausgerechnet die Katholikin Popp sich über diese widerwärtige Kreatur vor Begeisterung nur so ausschütten mag Verbalinjurien statt Argumenten. Die scharfe Munition verschossen. Naja. In Wirklichkeit beweist meine Darstellung, dass ich bei der philologischen und historischen Recherche von meinem Bekenntnis zu abstrahieren vermag, wie du offensichtlich nicht von deiner Voreingenommenheit; es weist ferner darauf hin, dass man die Geschichte mit Luthers Antijudaismus auch ohne besondere religiöse Affinität zu dieser historischen Gestalt rational einordnen kann.
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| | Donnerstag, den 24. 08. 2000 - 20:19 Aber wir wollen die Gelegenheit nutzen, unser Lutherbild noch ein wenig abzurunden: Von den Bauernkriegen Gegen die sich erhebenden Bauern polemisierte Luther scharf. In seiner "Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben" räumte er zwar ein, daß die Klagen der Bauern z.T. zu Recht bestünden, aber er bestritt ihren Anspruch, sich dagegen auflehnen zu dürfen. Die meisten Artikel der Bauern seien angeblich Raub an der Obrigkeit und zu verwerfen. In seiner berüchtigten Flugschrift "Wider die räuberischen und mordenden Rotten der Bauern" von 1525, wurde er vollends zum Konterrevolutionär: "Drum soll hie zuschmeißen (erschlagen), würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, daß nicht Giftgers, Schädlichers, Teuflischers sein kann denn ein aufruhrischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlahen muß. (..) Ich mein, daß kein Teufel mehr in der Hölle sei, sondern allzumahl in die Baurn sind gefahren. (...) Denn ein Fürst oder Herr muß hie denken, wie er Gottes Amtmann und seins Zorns Diener ist (Röm. 13), dem das Schwert über solche Buben befohlen ist und sich ebenso hoch fur Gott versundigt, wo er nicht straft und wehret und sein Amt nicht vollfuhret. (...) Es gilt auch nicht Geduld oder Barmherzigkeit. Es ist des Schwerts und des Zorns Zeit hie und nicht der Gnaden Zeit. So soll nu die Oberkeit hie getrost fortdringen und mit gutem Gewissen dreinschlahen, weil (solange) sie eine Ader regen kann." Luther war also Schreibtischtäter. Er munterte die Fürsten auf, die Bauern zu ermorden und stellte dies auch noch als gottgefälliges Werk dar: "Steche, schlahe, wurge hie, wer da kann! Bleibst du druber tot, wohl dir! Seliglicheren Tod kannst du nimmermehr uberkommen, denn du stirbst in Gehorsam göttlichs Wort und Befehls." (zitiert nach Hutten Müntzer Luther. Werke in zwei Bänden, 1975, Aufbau, Berlin und Weimar, Zweiter Band Luther, S. 257 ff.). Trotz aller Rebellion gegen das Papsttum, blieb Luther doch eine Pfaffenseele. Denn er haßte nicht nur das aufbegehrende Volk, als Theologie überwandet er auch nicht den Exorzismus, den Hexenglauben und den Judenhaß. Vom Teufel- und Hexenwahn Luther hielt am Teufels- und Dämonenglauben fest und glaubte an Exorzismen. Die angebliche Teufelsbuhlschaft von sogenannten Hexen stand für ihn fest. Ja, er hielt das ganze Frauengeschlecht für gefährdet: "Das Hexen ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, daß sie äffen und betrügen." 1526 predigte er: "Die Zauberinnen sollst Du nicht leben lassen (...) Es ist ein gerechtes Gesetz, daß sie getötet werden. Sie richten viel Schaden an (...) sie können auch ein Kind bezaubern (..) schaust du solche Weiber an, wirst du sehen, daß sie ein teuflisches Gesicht haben. Ich habe deren etliche gesehen (...) man töte sie nur." (Luthers Werke. Weimarer Ausgabe XVI, S. 551) Auch die Folter von Hexen hieß Luther gut: "Ich habe etliche zu vermahnen, daß viele Wettermacherinnen sind, die nicht allein die Milch stehlen, sondern auch die Leute schießen (gemeint ist der "Hexenschuß") (...) Wenn sie sich nicht bekehren, werden wir sie den Folterknechten befehlen. (zitiert nach Hans- Jürgen Wolf / Sünden der Kirche, Historia- Verlag, Elchingen, 1992, S. 717-720). So verwundert es nicht, daß in den Zeiten des schlimmsten Hexenwahnes, im 17. Jahrhundert, die Evangelischen den Katholischen, in Bezug auf Verbrechen an der Menschlichkeit, in nichts nachstanden. Vom Judenhaß Luther und seine Anhänger waren nicht weniger antisemitisch eingestellt, als die Katholiken. Bei Luther findet sich gar rabiate Judenhetze, besonders in der Schrift von 1543 "Von den Juden und ihren Lügen": "Erstlich, daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke, und was kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich (...) Zum anderen, daß man ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre (...) Zum dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten (...) Zum vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Seele verbiete, hinfort zu lehren (...) bei Verlust Leibes und Lebens (...) der Juden Maul soll nicht wert gehalten werden bei uns Christen (...) wer es von den Juden hört, daß er's der Oberkeit anzeige oder mit Saudreck auf ihn werfe (....) Zum fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufgebe (...)"... und so weiter und so fort. (zitiert nach Joachim Kahl / Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott. 1968, Rowohlt, S. 39.) Das ist wirklich scheußlich! Die Nazis stürzten sich natürlich auf solche Ausfälle Luthers und begründeten damit ihre verbrecherischen Handlungen. Namentlich Julius Streicher, der Herausgeber der Hetzzeitung "Der Stürmer", vor dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1946. Der Judenhaß Luthers sollte allen unkritischen Lutherverehrern zu denken geben. Quelle Dagegen stehen in der gleichen Quelle noch ein paar Punkte auf der Habenseite: Von Luthers Nutzen Luther schuf allerdings auch viel Positives. Seine gemäßigte Reformation setzte sich schließlich in weiten Landesteilen durch und wurde auch von den progressiven, gesellschaftlichen Schichten dieser Zeit aufgenommen und getragen, denn für den Revolutionär Müntzer war die Zeit leider noch nicht genug reif und die gesellschaftliche Basis noch nicht weit genug entwickelt. Ein echter Reformator war Luther dort, wo er die Liturgie reformierte. Den christlichen Untertanen wurde somit weniger kultischer Götzendienst und Mummenschanz zugemutet. Dort wo sich Luthers Lehre durchsetzte, kam es zur Abschaffung des Klosterunwesens, des Ablaßhandels, der Reliquien- und Heiligenverehrung, des Zölibats, der Beichte. Sein Rebellentum gegen die Papstkirche, vorgetragen mit viel persönlichem Mut, stellt in der deutschen Geschichte auch einen bedeutenden Höhepunkt dar. Luthers größte literarische Leistung lag in der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache (beendet 1534). Hier machte er sich vor allem um die Gestaltung der deutschen Schriftsprache verdient. In seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" (1530) legte Luther seine Auffassung von einer volkstümlichen deutschen Sprachgestaltung dar. Er verwandte sorgfältig ausgewählte, die Sache genau treffende volkstümliche Wörter, sprichwörtliche Wendungen und einfache Sätze, damit er vom ganzen Volk verstanden werden sollte. Er schrieb: "denn man muß nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihn' redet." (zitiert nach Luther, Aufbau- Verlag, w.o. Bd. 2, S. 270). Seine volkstümliche Sprache spiegelt sich auch in seinen vielen Agitationsschriften, vor allem aber in seinen Kirchenliedern und Fabeln wieder ("Wie der Fuchs die Beute teilte", "Vom Raben und Fuchs"). In seinen Kirchenliedern griff er weltliche Liedformen auf und legte dem Text bekannte Melodien unter. Wenn auch der größte Teil seiner Lieder theologischen Inhaltes war, so wurden doch die besten von Ihnen als Protest- und Trutzlieder aufgenommen. Sogar Friedrich Engels bezeichnete das Kirchenlied "Ein feste Burg ist unser Gott" als die "Marseillaise des 16. Jahrhunderts". Diese Trivialitäten reißen diesen miesen und schädlichen Charakter nicht heraus.
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| | Freitag, den 25. 08. 2000 - 20:03 (Und dieser Gedanke muß noch raus: Ist es nicht verwunderlich, daß es immer Personalidentische sind, die den ganz unverdächtigen Nietzsche zum Antisemiten, den antisemitischen Hetzer Luther aber zum Philosemiten umbürsten wollen?) (Nein, es ist nicht verwunderlich. Es ist Berechnung.)
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| | Sonntag, den 27. 08. 2000 - 18:43 (...) Die psychologische Erklärung, daß Luther sich im Alter durch Enttäuschung und Verbitterung zu gehässigen Äußerungen habe hinreißen lassen, ist zwar sehr populär geworden, sie genügt aber nicht. Sie macht auch den theologischen Ansatz nicht sichtbar, von dem Luther in seiner Frühschrift wie später ausgeht: dort hatte er die Halsstarrigen angesprochen in einer Art Gemeinschaft des Predigers mit seinen Hörern, "... sind wir nicht doch alle gute Christen" Jetzt spricht er nur noch mit den Christen, vor allem mit den Obrigkeiten, über Verlorene und Verdammte, die auf keine Predigt hören, die im toten Winkel der Verkündigung sitzen. Vor ihnen muss man die Christen um ihres Seelenheils willen beschützen, damit sie nicht in "falscher Barmherzigkeit" der Sünde verfallen, den Verfluchten Raum und Platz gegeben zu haben.11 Luther hatte immer gelehrt, daß die Hl. Schrift den Abfall der Juden vorausgesagt habe, daß die Synagoge unter dem Todesurteil Gottes stehe und daß sich am jüdischen Schicksal seit 1400 Jahren das Strafgericht Gottes offenbare. Aber das Urteil schloß nicht aus, daß ein Rest von ihnen gerettet werde. Von dieser theologischen Voraussetzung aus schien Luther zuerst eine Verkündigung an die Juden noch möglich, darum ist seine erste Schrift eine Einladung, seine späte bedeutet die Ausschließung aus dem Raum der Verkündigung, und das heißt in einer fürchterlichen Konsequenz die Ausschließung aus der menschlichen Gemeinschaft. Daraus folgt alles andere. Aber was war inzwischen geschehen? Luthers Verhältnis zu den Juden war von Anfang an durch die vielen Sekten belastet, besonders durch die Antitrinitarier; ihr entschiedener Monotheismus, ihre Leugnung der Dreifaltigkeit, schien der jüdischen Lehre verwandt zu sein. Eine kleine Gruppe von Täufern in Schlesien begann 1528 damit, den Sabbat einzuhalten, hier spielte auch die Erwartung einer nahen Wiederkunft des Messias eine Rolle. Luther war seit der Bewegung, die Thomas Müntzer und Karlstadt entfesselt hatten, und seit den Erfahrungen des Bauernkrieges wie gebannt von den gefährlichen Irrtümern des Schwärmertums. Die Vermutung, daß eine jüdische Gegenmission in Mähren sich diese Irrtümer zunutze machen könnte, erbitterte ich; seine Enttäuschung über die Unbelehrbarkeit der Juden schlug in Haß um. (...) Die Schrift "Von den Juden und ihren Lügen" ist eine beschwörende Mahnung an die Christen; die Juden werden nicht mehr angesprochen, sie sind jetzt zum Gegenstand der Weisungen an Fürsten, Pfarrer und Gemeinden geworden, nämlich wie man es mit ihnen halten solle, um die Christen vor Schaden zu bewahren. (...) Sollten sie [die Juden*] aber mit dieser Knechtsarbeit den Christen nur schaden tun, so sei es ratsam, bei "gemeiner Klugheit der anderen Nationen" zu bleiben und sie für immer aus dem Lande zu vertreiben. "Denn, wie gehört, Gottes Zorn ist groß über sie, daß sie durch sanfte Barmherzigkeit nur ärger und ärger, durch Schärfe aber wenig besser werden. Drum immer weg mit ihnen."16 Hier sind die Obrigkeiten unmittelbar angesprochen, denn sie tragen in den protestantischen Landesfürstentümern die Verantwortung für ihre christlichen Untertanen. Luther scheut keine Übertreibung, keine paradoxe Verkehrung der Wirklichkeit, auch keine demagogischen Mittel, um ihnen die Gefahr, von der er überzeugt war, deutlich zu machen. (...) Kann man annehmen, dass es Luther bei der Anwendung dieser "scharfen" Barmherzigkeit wirklich noch ernst war mit der Hoffnung, "ob wir doch etliche aus der Flammen Glut erretten könnten"? Wohl kaum.20 Aber Luther wendet sich an die Landesherren, und damit werden seine Ratschläge politische Weisungen. Für den protestantischen Fürstenstaat, der die Ordnung der Landeskirche übernehmen muß, wird jetzt die alte Frage wieder aktuell, die schon das Staatskirchentum zur Zeit Justinians beschäftigt hatte, nämlich wie in einem christlichen Staatswesen eine religiös und national andersartige Gruppe ihren Platz finden könne. Die protestantischen Reichsstände und die Juden erwarteten von Luther eine Antwort. (...) Das heißt, wir müssen sie [die Ratschläge*] politisch ernst nehmen und dürfen uns mit der theologischen Interpretation nicht begnügen. (...) Hier kann von gesellschaftlicher Einordnung keine Rede mehr sein, auch nicht von Deklassierung, hier handelt es sich nur um die Zerstörung einer religiösen Lebensordnung und um die Ausstoßung einer kleinen Gruppe aus der menschlichen Gemeinschaft. Soll das heißen, daß die Obrigkeiten als Gerichtsvollzieher Gottes sein Strafgericht an dem fremden Volke Gottes ausführen sollten? So wollte es aber Luther nicht verstanden wissen. Klar wird sein Gedanke erst im allerletzten Punkt: am besten für alle (d. h. für die Fürsten und die christlichen Untertanen) sei die Austreibung der Juden. Damit ist das Problem der Einordnung und des Zusammenlebens als unlösbar bezeichnet und beiseite geschoben, es ist aus der Verantwortung der christlichen Obrigkeit entlassen. ____ 11 Vgl. hierzu die eingehende theologische Analyse von Martin Stöhr, Luther und die Juden. Evangelische Theologie, 1960, 4. Heft. (...) 16 Luther, III, 193 (...) 20 M. Stöhr, a.a.O. S. 175 ff. weist nach, daß keine theologische Deutung die unbarmherzigen Ratschläge Luthers in barmherzige verwandeln könne und daß es sich für ihn jetzt bei der Bekehrung nur noch um einen "frommen Wunsch" handele. aus: Wanda Kampmann Deutsche und Juden - Die Geschichte der Juden in Deutschland vom Mittelalter bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges Fischer Taschenbuch Verlag 1979 Die Fußnoten wurden von mir aus dem Original übernommen. *Anmerkung von mir (Das Buch ist auch ansonsten sehr lesenswert und über Amazon erhältlich.)
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| | Sonntag, den 27. 08. 2000 - 18:46 (Und btw - ob eine Schrift in eine Gesamtausgabe aufgenommen wurde oder nicht, sagt noch lange nichts über ihre Relevanz aus.)
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| | Montag, den 09. 10. 2000 - 15:59 Verständnislos und ahistorisch, das ganze Zitierte. Wer sich in der europäischen Literatur des 16. Jh auch nur minimal auskennt und nur wenig über die Zäune blickt, der muss erkennen, dass Luther mit seinem projüdischen Traktat von 1525 alles an Verständnis für die Juden überragt, was es zu der Zeit auf nicht-jüdischer Seite überhaupt gab. Und wer die Gesamtheit seines Werks wenigstens mal kurz in Augenschein genommen hat (und ebenfalls mit der sonstigen Literatur des 16. Jh vergleicht), der kann es nur lächerlich finden, Luther im Ganzen auf diese eine fehlgeleitete Spätschrift von 1543 festnageln zu wollen, wie es hier wieder mal geschieht. — An solchen Invektiven erkennt man die geistige Kleinkariertheit der Kritiker, weiter nichts. Nebenbei bemerkt spreche ich aus eigener Anschauung und als Kenner der französischen und englischen Literatur der Renaissance und des Humanismus und nicht auf Grund irgendwelcher Modemeinungen, allwelche mir im Zweifelsfalle von vornherein suspekt wären.
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| | Montag, den 09. 10. 2000 - 18:30 Wie kann Zitiertes verstaendnislos sein? Ich wuenschte, ich koennte Ernst Jandl fragen. Die Luther-Zitate weiter oben scheinen mir recht unmissverstaendlich. Und die wiederholte Behauptung, Luther waere sowieso der groesste Freund, den die Juden damals haetten... mehr als gewagt. ...als Kenner der französischen und englischen Literatur der Renaissance und des Humanismus... Wer von den Anwesenden, glaubst Du, weiss nicht schon von Deinem Beruf und Doktortitel? Und wer, bitte, sollte immer noch imponiert oder eingeschuchert sein, wenn Du, einmal wieder ganz verlegen in der Debatte, nur so um Dich mit Wer sich in der europäischen Literatur des 16. Jh auch nur minimal auskennt... An solchen Invektiven erkennt man die geistige Kleinkariertheit der Kritiker, weiter nichts. Und wer die Gesamtheit seines Werks wenigstens mal kurz in Augenschein genommen hat (und ebenfalls mit der sonstigen Literatur des 16. Jh vergleicht), der kann es nur lächerlich finden... und Aehnliches wirft? Anmutig ist sowas nicht, es trifft auch nicht zu, wir sind doch keine ungebildeten Hinterwaeldler, es offenbart bloss Deine selektive Wahrnehmung und Deine Verachtung fuer Leute, die sich anmassen, einiges Unbequemes, Unschmeichelhaftes, Unverkennbares ueber Luther zur Kenntnis zu nehmen.
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| | Montag, den 09. 10. 2000 - 20:21 Ach, Steven, wenn der Luther nicht auch früher und zu anderen Themen wie ein charakterloser Bandit dahergeredet und -gehandelt hätte, dann könnte man auf diesen Unfug ja antworten. Allein, da sind zwischenzeitlich so viele unterschiedliche Quellen zu unterschiedlichen Zeiten und Themen zusammengekommen - eine Befassung lohnt wirklich nicht. Eben deswegen macht Fr. Dr. Popp ja auch nur viel Wind, und keinerlei Kritik an Einzelheiten fest. Sie klittert halt wieder - wie meist Geschichte.
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| | Freitag, den 20. 10. 2000 - 12:37 HG hat auf ZiN folgenden Text eingestellt: Auszug: 1912 Nach Augenzeugenberichten "verehrt" Adolf Hitler aber auch Martin Luther, wie Rudolf Hanisch, einer der Mitbewohner im Wiener Männerheim im Mährischen Illustrierten Beobachter 1935 veröffentlicht. Luther habe nach Hitlers Überzeugung Deutschland von Rom zurück zum echten Germanentum geführt (nach Brigitte Hamann, a.a.O., S.271.358). Die Hitler-Biographin Brigitte Hamann schreibt weiter: "Laut Hanisch meinte H. [Hitler] im Männerheim, die wahre deutsche Religion sei der Protestantismus. Er habe Luther als das größte deutsche Genie bewundert." (Brigitte Hamann, a.a.O., S.358) Den Antisemitismus Luthers teilt Hitler aber 1912 und in den folgenden Jahren noch nicht. 1918 Die Biographin Brigitte Hamann geht davon aus, daß sich Hitler um das Jahr 1918 zum Antisemiten wandelt. Für das Jahr 1918, gegen Ende des 1.Weltkriegs, stellt sich Adolf Hitler selbst bereits als kämpferischen Antisemiten dar. In seinem Buch "Mein Kampf" schreibt er rückblickend auf das Jahr 1918: "Im Jahre 1918 konnte von einem planmäßigen Antisemitismus gar keine Rede sein. Noch erinnere ich mich der Schwierigkeiten, auf die man stieß, sowie man nur das Wort Jude in den Mund nahm. Man wurde entweder dumm angeglotzt oder man erlebte heftigsten Widerstand. Unsere ersten Versuche, der Öffentlichkeit den wahren Feind zu zeigen, schienen damals fast aussichtslos zu sein, und nur ganz langsam begannen sich die Dinge zum Besseren zu wenden ... Jedenfalls begann im Winter 1918/1919 so etwas wie Antisemitismus langsam Wurzel zu fassen ..." Anmerkung: Bei seiner Wandlung vom jungen Mann, der Juden bevorzugt und jüdische Freunde hat, zum kämpferischen Antisemiten folgt Adolf Hitler einem seiner größten damaligen Vorbilder, Martin Luther (siehe 1912). Im Jahr 1923 wird Martin Luther von Adolf Hitler mit den Worten gelobt: "Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung, sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen." (Adolf Hitler in: Zwiegespräche zwischen Adolf Hitler und mir, von Dietrich Eckart, München 1924, S.34) Dieser enge Zusammenhang zwischen diesen Dunkelmänner war mir bislang nicht bekannt. Sekundärquelle
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| | Montag, den 04. 12. 2000 - 04:07 Dein Geschichtsunterricht war eben sehr schlecht. Und wenn dir was neu ist, bezichtigst du mich der Klitterung, weil du es vorher nicht besser gewusst hast. Der vielzitierte und unverzeihliche Traktat Luthers "Über die Juden und ihre Lügen" war im 16. Jh und lange danach ohne jede erkennbare Wirkung geblieben und jahrhundertelang in Vergessenheit geraten, ja nicht mal in Luther-Gesamtausgaben aufgenommen worden, bis ihn Ende des 19. Jh zum Verhängnis ein ohnehin schon umnachteter Antisemit wieder ausgrub und neu verlegte. In dieser Form wurde er dann in antisemitischen Kreisen bekannt; der unsägliche Julius Streicher hat sich einige Male auf ihn berufen. Hitlers von Hamann zitierte Aussagen knüpfen offenbar ebenfalls an diese Schmonzette von Luther-Spätschrift an; wie er zu deren Kenntnis gekommen ist, weiß ich nicht; seit wann kannte er Streicher? Auch die Antisemiten in Bayreuth könnten ihm die Schrift vermittelt haben. Also: Ohne den sowieso schon in der Gesellschaft vorhandenen Antisemitismus wäre diese Berufung auf Luther bei Hitler 1923 gar nicht möglich gewesen. Im Übrigen lässt sich aus dem Lutheranertum ansonsten keine antisemitische Tradition ableiten. Wäre es anders, so hätten als erste die skandinavischen Länder Vernichtungslager errichten müssen, wo diese Religion zum Unterschied von Deutschland sogar Staatsreligion ist. Im Gegenteil verhielten sich sogar noch nach der Nazi-Okkupation die ebenfalls lutherischen Dänen ausgesprochen vorbildlich.
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| | Montag, den 04. 12. 2000 - 08:43 Dein Geschichtsunterricht war eben sehr schlecht. Und wenn dir was neu ist, bezichtigst du mich der Klitterung, weil du es vorher nicht besser gewusst hast. Gewohnt geistlose Bemerkung. Einzelbehauptungen & gezeichnete Verbindung sind nicht belegbar.
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| | Montag, den 04. 12. 2000 - 11:29 Wäre es anders, so hätten als erste die skandinavischen Länder Vernichtungslager errichten müssen, wo diese Religion zum Unterschied von Deutschland sogar Staatsreligion ist. Ist das so? Die Skandinavier Lutheraner? Eigenartig. Irgendwie habe ich im Gedaechtniss, dass aus dieser Gegend das Baptistentum sich verbreitet hat. Die wollten sich nicht mehr staatlich kirchlich knechten lassen und haben sich der intitutionellen Kirche entsagt. Im Prinzip eine moderne Kirche. So mit Gemeinden und so. Wahlen und aehnlicher demokratischer Quatsch. Gegebenenfalls koennen Details bei Gudrun oder Vera erfragt werden. Auf jeden Fall ein Heidenunterschied zu den gewalttaetigen Grosssekten.
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