Selbstverständnis und Probleme der studentischen Hochschulpolitik

High Debate: Politik & Gesellschaft: Selbstverständnis und Probleme der studentischen Hochschulpolitik
Auch an deutschen Hochschulen wird Politik gemacht. Die gewählten Studierendenparlamente stehen dabei vor der Entscheidung, ob sie sich in ihrer Politik strikt auf die Hochschulszene beschränken sollen, oder ob sie, als wichtiger Teil der Gesellschaft, auch gesamtgesellschaftliche Themen
behandeln sollen.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Kennen Sie Beispiele gelungener oder verfehlter studentischer Politik? Wo sehen Sie die Chancen dieser Politik?


Arno, 22. Juni 2000
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Katrin Ufen Mod

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 11:01 Click here to edit this post
Für die folgenden vier Beiträge zum politischen Klima an der Uni Göttingen wurde auf Wunsch ein eigenes Unterforum eingerichtet.

Ich bitte um Mitteilung, welchen Titel der Strang erhalten und wie der Einleitungstext lauten soll.

  

Arno

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 08:09 Click here to edit this post
Steven:
Ich habe keine Schäden durch mein Studium in Göttingen erlitten :-)
Bevor ich nach Göttingen kam, war mir nicht bewusst gewesen, wie häufig diese recht kleine Stadt in den Nachrichten auftauchte. Denn wenn es irgendwo Proteste gab, dann in Göttingen. Das war die gute Sache an dem dort traditonellen Linkssein. Es war immer etwas los.
In den in den Uni-Gebäuden ausliegenden Flugzetteln wurde immer recht gerne das anti-emanzipatorische, neoliberale und faschistoide Gedankengut erwähnt, welches um uns herum herrscht. Auch bei politischen Studi-Veranstaltungen wurde Wert darauf gelegt, alle Forderungen in den "gesamtgesellschaftlichen Kontext" einzubetten. Das heißt, wenn gegen Studiengebühren protestiert wurde, dann hatte das gefälligst unter Berücksichtigung der Ausbeutung der dritten Welt ("Trikont") zu geschehen. Kein Witz!
Als dann auch nach langer Zeit mal wieder ein "rechter" Asta gewählt wurde, war dieser so davon überrascht, dass er nichts auf die Beine brachte :-) Inzwischen ist glaube ich wieder nach elend langem Hickhack ein "rechter" Asta an der Macht. Ich bin da aber nicht mehr auf dem Laufenden.
Grundsätzlich finde ich eine linke Studentenschaft in Ordnung. Nur bitte etwas realitätsbezogener sollte sie sein.

  

Arno

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 10:18 Click here to edit this post
Ich habe eben mal auf den Seiten der Uni Göttingen geguckt. Es scheint sich viel getan zu haben unter den studentischen Gruppen. Inzwischen gibt es auch die Exzess-Gruppe, die wohl eher dem Pogo-Tanzen zugetan ist.
Das politische Klima, welches früher herrschte, wurde maßgeblich von der Antifaschistischen Liste beeinflusst.
So wie es jetzt ist, scheint es auch nicht das Gelbe vom Ei zu sein...

  

Alexander Virchow

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 10:31 Click here to edit this post
(Ich bitte die Moderatorin, die verschiedenen Uni-Göttingen/Asta-Beiträge in einen extra-Topic auszulagern.)

(Dieser Beitrag darf gelöscht werden.)

  

Arno

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 10:56 Click here to edit this post
(Dieser auch. Du übertreibst.)

  

Steven Bollinger

Donnerstag, den 22. 06. 2000 - 19:50 Click here to edit this post
Zitat Katrin:

Ich bitte um Mitteilung, welchen Titel der Strang erhalten[...]soll.


Vielleicht "Beispiele von Arnos reflexhafter, unreflektierender Ablehnung alles Links"?

Zitat Arno:

Ich habe keine Schäden durch mein Studium in Göttingen erlitten :-)


Warum also all dies Getue? Und, das noch nicht genug -- Du willst uns damit unbedingt in der 'Kommunikative Prozesse'-Diskussion unterhalten, und bist empoert, wenn Alex es themenfremd findet.

Tut mir leid, Arno -- ich durchsuche Deine Beitraege fuer was Substantives -- vergebens.

Grundsätzlich finde ich eine linke Studentenschaft in Ordnung.


Das, am Ende dieses Beitrags, ist echt eine Lachnummer.

Nur bitte etwas realitätsbezogener sollte sie sein.


Warum sagst Du es nicht geradeaus: "Nur bitte nicht so sehr links"?

  

Arno

Freitag, den 23. 06. 2000 - 07:22 Click here to edit this post
Steven:
Ich werde nicht mehr auf Beiträge von dir eingehen.

  

Alexander Virchow

Freitag, den 23. 06. 2000 - 10:52 Click here to edit this post
Na, hier herrscht ja prima Klima.

Jedenfalls würde ich Arnos Kritik sektiererischer, linker Uni-Politik weitgehend - so unformuliert das in den paar Worten noch sein mag - zustimmen.

Gelungener als Eure Kommunikationsstörung finde ich jedenfalls die Idee, diesen Strang auszugliedern.

Daß das nicht gut gehen würde - das war klar.

  

Arno

Freitag, den 23. 06. 2000 - 11:34 Click here to edit this post
Kathrin meinte, dass sich das Ausgliedern lohnen würde. Das kann ich nachvollziehen.

  

Alexander Virchow

Freitag, den 23. 06. 2000 - 11:42 Click here to edit this post
Es hat bereits gelohnt.
Sprächen wir jetzt noch zum Thema, dann doppelt.

  

Steven Bollinger

Freitag, den 23. 06. 2000 - 20:51 Click here to edit this post
Kann durchaus sein, dass ich mich da ganz unnoetig unhoeflich ausgedrueckt habe. Ganz anders als Heine bin ich leider nicht der hoeflichste Mensch der Welt. Also: es wird mich keineswegs wundern, wenn Arno sein Wort haelt und mich tatsaechlich nicht mehr antwortet. Seine Sache.

Aber ich versuche es mal wieder.

Ich persoenlich -- obwohl ich gar nix gegen Pogo haben, ja nicht selten sogar berueflich Musik zum Pogo-Tanzen spiele -- Speed-Ska und so -- auch ich finde Vieles an den Linken, zumal Uni-Linken (Aber ist das nicht wirklich fast die ganze linke Szene?), nervend. Die Ueberheblichkeit, die Arroganz, das schematische Denken. Nur:

1) Man kann links sein, ohne ueberhebelich, oder arrogant oder schematisch denkend zu sein. In der linken Szene wie ueberall sind ein paar laermende Arschloecher besonders auffaellig. Das sagt mE wenig ueber die Gruppe im allgemeinen.

2) Auch wenn die Vortragsweise zuweilen unappetitlich oder bloed ist, scheinen mir linke Positionen oefter intelligentiger, richtiger als rechte. Bin ich denn links? Ja -- oefter als nicht. Zum Beispiel: auch ich sehe antiemanzipatorisches, neoliberales und faschististisches Gedankengut gut ueberall, und finde es dreimal ungut. Auf der anderen Seite, zB, die linke Opposition zu Nato in Kosowo war imho total daneben. Wir koennten diese und andere links-rechts-Angelegenheiten jederziet mehr en detail debattieren.

3) Wenn ich mich da oben tatsaechlich unverzeihlich grob ausgedrueckt habe, war es nicht zuletzt, weil Du, Arno, mich zunehmend geargert hast, und zwar dadurch, dass Du, wie es mir scheint, linkes Gedankengut, oder die Kritik an figuren wie Nolte, pauschal ablehnst. Nicht die Ablehnung finde ich so objektionabel wie ihre pauschale Natur. Man stellt Dich zur Rede -- statt zu antworten hast Du immer mehr Fragen und Objektion, waehrend Du dabei Deines Gespraechpartners Fragen und Objektionen uebersiehst. Mein erster Impuls, als ich

Steven:
Ich werde nicht mehr auf Beiträge von dir eingehen.


las, war, sofort zu antworten: "Was heisst 'nicht mehr'? Wann, wo bist Du je auf einen meiner Beitraege eingegangen? --Ausser dies einziges Mal in bezug auf Goettingen, und nach meine erste Antwort ist schon Schluss." Ich war ja halb oder mehr als halb belustigt, weil es mir schien, dass Du da eine Diskussion ploetzlich abgeschnitten hattest, dass eigentlich noch nicht begonnen hat.

So scheint es mir. Und dass Du, warum auch immer, nicht debattieren willst, sondern diese und jene glatte Behauptung unwidersprochen in den Cyber-Raum stellen.

Wenn das mal wieder unhoeflich ausgedrueckt war, tut das mir leid, so war es nicht gemeint. Ich wollte mich bloss so genau und vollstaendig ausdreucken wie es ging.

  

Arno

Sonntag, den 25. 06. 2000 - 17:06 Click here to edit this post
Danke, Steven, für die Erläuterung. Ich habe mich inzwischen auch wieder beruhigt und werde dir morgen antworten.

  

Jeanne

Montag, den 26. 06. 2000 - 10:09 Click here to edit this post
>>Die Ueberheblichkeit, die Arroganz, das schematische Denken.

Sind das nicht Merkmale, die man öfter an den Außenflügeln von Bewegungen trifft?

  

Alexander Virchow

Montag, den 26. 06. 2000 - 10:52 Click here to edit this post
Völlige Zustimmung.

Dies ist bei allen sektiererischen Bewegungen und Organisationen auffällig.

Soweit es um linke Unigruppen geht, ist nicht selten ein klares Freund-Feind-Denken festzustellen, welches das allgemeine Stereotyp der Gut-Böse-Schematisierung spezifisch füllt.

Hier ist es in der Regel der böse Staat, der den ebenso bösen kapitalistischen Ausbeuterschweinen willfährig ist, und welcher für die allermeisten Mißstände inner- und außerhalb seines Wirkungsgebietes zuständig ist.

Da gleichzeitig jedes Wahrnehmungsvermögen für die Komplexität der wirklichen Welt ebenso darniederlegt wie ein tragfähiges Konzept, welches großräumiges Zusammenleben in einer komplexen Umwelt weniger suboptimal regeln würde, sind jene Kriterien, die bereits in der 'Dialektik der Ausgrenzung' angesprochen wurde, voll erfüllt.

Ferner ist eine unübersehbare Nähe zu ganz anderen Denksystemen, die auf denselben Grundlagen existieren, Selbsterhöhung durch Inanspruchnahme höherer Moralität, unübersehbar. So wundert es mich nicht, daß nicht selten in gesellschaftlicher Zustandsbeschreibung beispielsweise christliche und linksradikale Gruppen zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen können, ja, teilweise und heute gerade in der dritten Welt, das Personal sogar identisch ist.

Am Auffälligsten in diesem sektiererischen Denken ist das Nichtzulassen anderer Ansätze, und sei es nur als Spielmaterial. Die moralische ad-hoc-Einordnung hat Vorrang, ihr dicht auf dem Fuße folgt die Ausgrenzung wegen verdeckter, aber doch sicher erkannter 'böser' Motivation, im besten Falle beschrieben als 'mangelndes Bewußtsein'.

All dies ordnet sich aus meiner Sicht dem unter, was ich bereits vielfach unter der Überschrift 'Zur Denunziation des Irrationalismus' geschrieben habe, die Mechanismen sind allgemeine.

Insoweit verwundert es mich auch nicht, daß selbst in eigentlich gar nicht linke Kreise wie den gegenwärtigen göttinger AStA moralisch-irrationales Gedankengut einsickert, welches im Bestreben, moralisch korrekt zu sein, sogar an die Bereitschaft zur Veruntreuung von studentischen Pflichtbeiträgen heranreicht.

Nicht anders ist der knappe 3/2-Entscheid erklärlich, welcher gerade noch so die Anschaffung von Spartickets für AStA-Referenten ermöglichte. Der real eintretende Haushaltsentlastungseffekt wäre fast dem Bestreben, zu verhindern, daß diese Privilegierung der Referenten auch zu privaten Fahrten genutzt werden könnte, zum Opfer gefallen. Aus meiner Sicht ein erfreulicher Zusatznutzen, aus moralischer Sicht ein Verbrechen, ein erster Schritt, kapitalistischen Völkermördern gleichzutun und ihnen gleich zu werden.

  

Arno

Montag, den 26. 06. 2000 - 19:05 Click here to edit this post
Steven:
Zu deinen beiden ersten Punkten oben gebe ich dir ungeschränkt Recht. Zum dritten Punkt komme ich zum Schluss.
Es war in Göttingen nicht so, dass alle Linken sich zu Demos schwarze Gesichtsmasken anzogen. Leider aber taten es einige. Diese waren es auch, welche die friedlichen Demonstrationen in Gorleben in Verruf brachten. Und diese waren es eben auch, die das politische Klima so giftig machten. Und auch leider teilweise so lächerlich: Z.B. verfasste der Göttinger Asta 1989 einen Artikel, in dem er der DDR zum 40. Geburtstag gratulierte. Als die Göttinger Professoren nach Hannover reisten, um dort gegen evtl. einzuführende Studiengebühren zu protestieren, wurde das offiziell vom Asta abgelehnt, wegen des fehlenden gesamtgesellschaftlichen Kontexts.
Aufgrund der Verbindungen zur vom Verfassungsschutz beobachteten AntifaM gab es auch schon Hausdurchsuchungen beim Asta.
Mir fehlte von offizieller Asta-Seite die klare Abgrenzung gegen gewaltbereite Gruppen.
Das störte offensichtlich nicht nur mich, denn die Wahlbeteiligungen zum Studentenparlament waren in Göttingen unterhalb des sowieso schon lächerlich geringen Bundes-Durchschnitts. So um die 10 Prozent.
Und grundsätzlich begrüße ich linke Studentenpolitik. Da gibt es noch Ideale und Engagement.

Zu deinem dritten Punkt:
Ich lehne Kritik von linker Seite nicht pauschal ab. Warum ich die konkreten Artikel über Nolte und Courtois ablehne, habe ich an der betreffenden Stelle geschrieben. Alex und Annette schwächten meine Position, als sie meinten, dass das von mir Kritisierte vertretbar sei. Und damit komme ich zu deinem Vorwurf, ich würde nicht ausreichend auf Gegenpositionen eingehen. Den Vorwurf muss ich mir gefallen lassen. Denn: Ich schreibe nicht in Internet-Foren, weil ich Fragen bis ins Detail geklärt haben möchte. Das würde ich höchstens wollen, wenn es eine definitive Antwort geben kann, die nicht von unterschiedlichen Maßstäben in der Beurteilung abhängt. Mir geht es eher darum, verschiedene Aspekte einer Frage zu sehen. Wenn ich dann tiefer in die Materie einsteigen wollte, ziehe ich immer noch Fachlektüre vor.
Ich will auch nicht unwidersprochen meinen Senf abgeben. Es geht mir vielmehr darum, selber zu widersprechen. Nämlich wenn ich Zweifel habe, ob die oder die Antwort nicht die wichtige andere Seite der Medaille völlig unberücksichtigt lässt. Zu viel mehr reicht mein Diskussions-Enthusiasmus, besonders auf geisteswissenschaftlicher Ebene, leider nicht aus.
Im übrigen würde ich meine Geisteshaltung tatsächlich auch als links beschreiben. Grüner Linksliberaler.

  

Margret

Donnerstag, den 20. 07. 2000 - 11:40 Click here to edit this post
Ich kann eigentlich nicht verstehen, woher der Pauschalisierunsvorwurf gegen Arno kommt. Seine Aussagen scheinen viel gemäßigter und umsichtiger als die von Steven und vielen anderen hier.

Und diese waren es eben auch, die das politische Klima so giftig machten. Und auch leider teilweise so lächerlich: Z.B. verfasste der Göttinger Asta 1989 einen Artikel, in dem er der DDR zum 40. Geburtstag gratulierte.

Das Göttinger Glückwunschtelegramm traf in Ost-Berlin ungefähr zur selben Zeit ein, als in den Ost-Berliner Straßen von Sondergruppen der Geheimpolizei auf spontane Demonstranten eingeprügelt wurde (die verfolgten die sogar in Hauseingänge und Toreinfahrten, nahmen sie mit, ließen sie die ganze Nacht in Fliegerstellung gegen die Wand stehen und weitere solche Schikanen; betroffen waren übrigens Demonstranten, die selber die Internationale sangen...) Um mal das Ausmaß Lächerlichkeit des Göttinger Glückwunschtelegramms zu verdeutlichen.

Im Dritten Reich wurden viele gute Professoren aus Ämtern gedrängt, unter starker Mitwirkung einer hoch politisierten Studentenschaft (natürlich waren die nicht links, sondern nationalistisch politisiert); unfähige aber nationalsozialistische Assistenten machten blitzartig Karriere. In den Jahren nach 1967 musste man im Otto-Suhr-Institut der FU Berlin praktisch eine sozialistische Großmutter nachweisen, damit man da eine Stelle bekam, und in den Gängen der FU kam's immer mal wieder vor, dass ein Professor von politisierten Studenten verprügelt wurde. Dass Professoren, die sich nicht ganz linientreu äußerten, von Sprechchören niedergebrüllt wurden, dass freie Versammlungen von Professoren durch Go-Ins gesprengt wurden (zB der Kölner Anglistentag 1969 — eine politisch ganz harmlose Veranstaltung), hab ich selber erlebt. Die Behinderung von Lehre und Forschung in dieser Zeit war der helle Wahnsinn.

Ich bin gegen die Politisierung der Hochschulen. Besonders dann, wenn das Studium und die Hochschulen nicht privat finanziert sind, die Wünsche des Steuerzahlers davon also mutmaßlich vergewaltigt werden. Wer überhaupt studieren will, kann dies nur an einer Hochschule tun. Es scheint mir ein Systemfehler in der entsprechenden Anmaßung zu liegen. Eine Vertretung der gesamten Studentenschaft (also eine Art Zwangsvereinigung aller jener, die überhaupt studieren wollen) hat mE kein allgemein-politisches Mandat, erst recht nicht dann, wenn sich an AStA-Wahlen nur etwa 10% der Studierenden beteiligen.

  

Arno

Donnerstag, den 20. 07. 2000 - 12:39 Click here to edit this post
Liebe Margret!
Ich kann eigentlich nicht verstehen, woher der Pauschalisierunsvorwurf gegen Arno kommt.

Ich denke, diesen Punkt lassen wir abgehakt. Unterschiedliche Temperamente.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen studentische Politik. Zum einen kann man zwar sagen, dass wer sich politisch betätigen will, dies auch außerhalb der Unis tun kann. Andererseits ist aber gerade unter Studenten noch Idealismus dabei, der in den etablierten Parteien mit der Lupe zu suchen ist.
Wenn sich diese studentische Gruppen dabei nicht an Prinzipien des Rechtstaats halten, wie von dir geschildert, ist das bedauerlich. Aber es sollte auch möglich sein, sie dann zurecht zu weisen. Schließlich stehen sie nicht außerhalb des Gesetzes.
In wiefern Studenten an der Einsetzung von Dozenten beteiligt sind, ist mir nicht klar geworden.
Eins darf grundsätzlich nicht vergessen werden: Studenten sind áuch ein Tei der Gesellschaft.

  

Margret

Donnerstag, den 20. 07. 2000 - 13:20 Click here to edit this post
Arno,

Man sollte den Einfluss von Studenten (wenn sie in Horden und mit Sprechchören auftreten) auf die Stellen-Politik einer Fakultät nicht unterschätzen. Der Mechanismus ist ungefähr wie folgt.

Gerade unter den Intellektuellen in so einer Fakultät gibt es die charakterlosesten Weicheier, die sonstwas zulassen oder sogar einrühren würden, nur um ihre Ruhe bzw nach Möglichkeit auch die Akklamation solcher Schreier zu bekommen. In den Jahren nach 1967 ist von bestimmten geradezu berufsmäßigen Studentenfunktionären (frag mich nicht, was die eigentlich studierten) in massiver Weise in die Besetzungspolitik von Lehrstühlen eingegriffen worden. Es gab immer wieder Idioten in den Fakultäten, die Interna der Berufungskommissionen in diese Richtung durchsickern ließen. Ganz abgesehen davon, dass solche Studenten-Vertreter oft auch mit in den Berufungskommissionen saßen. Alle politisch nicht genehmen Vorschläge wurden dann in Hetz-Flugblättern, auf Transparenten usw an die große Glocke gehängt. Oft kam's vor, dass ein bestens ausgewiesener Wissenschaftler, wenn er das Theater mitkriegte, das da um seine Person veranstaltet wurde, dann überhaupt seine Bewerbung zurückzog. (Man muss bedenken, dass normalerweise -- auch in der Wirtschaft usw -- die Eignungs-Verhandlungen bei Stellenbesetzungen das Geheimste ist, was es gibt, mit gutem Grund, weil sonst die Personen der Betroffenen nicht zu schonen wären.) Auf die Art und Weise rissen gewohnheitsmäßig die Gschaftlhuber und nicht die großen Forscher die fettesten Posten an sich (und die Forscher wurden rausgedrängt).

Auf eine solche Art (einschließlich Fakultäts-Intrige, die aber nur eine Fortsetzung des Nazi-Geschreis der Studentenschaft war) ist zB der hervorragende Münchner anglistische Gelehrte Max Förster (kein Jude) in den dreißiger Jahren von seinem Lehrstuhl verdrängt worden; und an seine Stelle kamen so ein paar Nazi-Halbidioten, die, nachdem sie einmal im Sattel saßen, dann in der Fakultät weitere Nazi-Halbidioten hinter sich her zogen. (In der Münchner Anglistik wurde dann bald nach '45 aufgeräumt, aber trotzdem.)

Allein schon das Wahnsinnsgezerre in der Selbstverwaltung, im Hintergrund beim Uni-Staff, WENN die Studentenschaft rumrebelliert, die Meinungs-Manipuliererei (auch von interessierten Uni-Lehrern an Studenten), die Fraktionen-Bildungen (wo dann oft die primitivsten Entscheidungen nicht mehr getroffen werden können), das wirkt sich alles derart zerstörerisch auf die Konzentration aus, die für die Forschung eigentlich gebraucht würde...

Ich halte von dieser Politisierung wie gesagt nichts. (But we may differ to agree.)

  

Alexander Virchow

Donnerstag, den 20. 07. 2000 - 13:55 Click here to edit this post
Arno,

Man sollte den Einfluss von Professoren (insbesondere, wenn sie in Form ganzer Lehrkörpern auftreten) auf die Stellen-Politik einer Fakultät nicht unterschätzen. Der Mechanismus ist ungefähr wie folgt.

Gerade unter den Intellektuellen in so einer Fakultät gibt es die charakterlosesten Weicheier, die sonstwas zulassen oder sogar einrühren würden, nur um ihre Ruhe bzw nach Möglichkeit auch die Akklamation solcher des Ministeriums und der Parteien zu bekommen. In den Jahren nach 1967 ist von bestimmten geradezu berufsmäßigen Hochschulpolitikern (frag mich nicht, frag mich nicht, wer solche Bürokratensäcke braucht) in massiver Weise in die Besetzungspolitik von Lehrstühlen eingegriffen worden. Es gab immer wieder Idioten in den Fakultäten, die Interna der Berufungskommissionen in diese Richtung durchsickern ließen. Ganz abgesehen davon, dass solche Professorenvertreter oft auch mit in den Berufungskommissionen saßen. Alle politisch nicht genehmen Vorschläge wurden dann im Parlament, an den Stammtischen usw. an die große Glocke gehängt. Oft kam's vor, dass ein bestens ausgewiesener Wissenschaftler, wenn er das Theater mitkriegte, das da um seine Person veranstaltet wurde, dann überhaupt seine Bewerbung zurückzog. (Man muss bedenken, dass normalerweise -- auch in der Wirtschaft usw -- die Eignungs-Verhandlungen bei Stellenbesetzungen das Geheimste ist, was es gibt, mit gutem Grund, weil sonst die Personen der Betroffenen nicht zu schonen wären.) Auf die Art und Weise rissen gewohnheitsmäßig die Gschaftlhuber und nicht die großen Forscher die fettesten Posten an sich (und die Forscher wurden rausgedrängt).

Auf solche Art Fakultäts-Intrigen wurden immer wieder hervorragende Gelehrte in den dreißiger Jahren von ihren Lehrstuhl verdrängt ; und an ihre Stelle kamen so ein paar Nazi-Halbidioten, die, nachdem sie einmal im Sattel saßen, dann in der Fakultät weitere Nazi-Halbidioten hinter sich her zogen. Nicht nur in der Anglistik hängen diese Penner ja oft heut noch rum.

Allein schon das Wahnsinnsgezerre in der Selbstverwaltung, im Hintergrund beim Uni-Staff, WENN die Studentenschaft rumrebelliert, die Meinungs-Manipuliererei (auch von interessierten Uni-Lehrern an Studenten), die Fraktionen-Bildungen (wo dann oft die primitivsten Entscheidungen nicht mehr getroffen werden können), das wirkt sich alles derart zerstörerisch auf die Konzentration aus, die für die Forschung eigentlich gebraucht würde...

Ich halte von dieser Politisierung wie gesagt sehr viel.

Wer weniger Politik will, der will weniger Demokratie.

  

Margret

Sonntag, den 23. 07. 2000 - 16:54 Click here to edit this post
Wer weniger Politik will, der will weniger Demokratie.

Nach dieser Logik hieße, mehr Politisierung der Hochschulen = mehr Demokratie.

So, wie bei der Politisierung der deutschen Hochschulen nach 1933.

So, wie bei der Politisierung der Hochschulen in der DDR nach 1949.

So, wie bei der Politisierung der Hochschulen nach 1967 (bis etwa Ende der 70er Jahre und in Göttingen bis heute) in Westdeutschland.

Offenbar.


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